Vor 106 Jahren: Ein geheimes Versprechen zerriss Tirol

Der 10. Oktober 1920 steht für einen der schmerzhaftesten Einschnitte in der Geschichte Tirols. An diesem Tag wurde die Abtrennung des Landes südlich des Brenners von Österreich formell vollzogen. Eine Grenze trennte fortan Menschen, die sich mit Tirol verbunden fühlten, von ihrem bisherigen Vaterland. Über ihre staatliche Zugehörigkeit konnten sie nicht selbst entscheiden.
Italien erhielt eine Zusage für den Kriegseintritt
Die Vorgeschichte reicht zurück ins Jahr 1915. Im geheimen Londoner Vertrag versprachen Großbritannien, Frankreich und Russland Italien für den Fall seines Kriegseintritts umfangreiche Gebietsgewinne. Dazu gehörte das Gebiet südlich des Brenners. Italien trat daraufhin aufseiten der Entente in den Krieg gegen Österreich-Ungarn ein. Die Zusage an Italien war damit Teil eines politischen Tauschgeschäfts, bei dem die Bevölkerung Südtirols nicht gefragt wurde.
Russland war später nicht mehr an den Verhandlungen in Paris beteiligt. Doch die Zusage der drei Mächte hatte Italiens Anspruch auf Südtirol bereits begründet. Bei der Friedenskonferenz 1919 setzte Rom darauf, diesen Anspruch durchzusetzen.
Selbstbestimmung blieb auf der Strecke
US-Präsident Woodrow Wilson hatte das Recht der Völker auf Selbstbestimmung zu einem zentralen Grundsatz der Friedensordnung erklärt. Auch in den amerikanischen Unterlagen zur Pariser Friedenskonferenz wurde festgehalten, dass eine Abtretung des deutschsprachigen Südtirols an Italien diesem Grundsatz widerspreche. Wilson stellte die Brennergrenze zunächst infrage. Am Ende wurde sie dennoch akzeptiert – auch im Bemühen, einen Bruch mit Italien und eine Krise unter den Siegermächten zu verhindern. Die USA hatten den Londoner Geheimvertrag von 1915 nicht mitunterzeichnet, waren aber an den Verhandlungen der Friedenskonferenz beteiligt.
Die entscheidenden politischen Kräfte waren somit Italien, Großbritannien und Frankreich. Russland hatte Italien die Gebietsgewinne ebenfalls zugesagt, war 1919 aber nicht mehr Teil der Pariser Verhandlungen. Die Vereinigten Staaten widersprachen dem Anspruch zunächst, trugen die Lösung schließlich jedoch mit. Österreich musste den Vertrag als besiegter Staat unterzeichnen. Es hatte kaum Einfluss auf die Bedingungen.
Kein Volksentscheid, sondern eine Entscheidung von außen
Der Vertrag von Saint-Germain schrieb die neue Grenze fest. Südtirol wurde Italien zugesprochen, obwohl die Bevölkerung nicht über ihre staatliche Zugehörigkeit abstimmen durfte. Am 10. Oktober 1920 wurde die Abtrennung formell vollzogen. Für viele Tiroler war dieser Tag kein gewöhnliches Datum, sondern ein Tag der Trauer. Zeitgenössische Berichte schildern Gedenkfeiern und geschlossene Geschäfte – auch in Bozen.
Das Unrecht lag nicht allein in der neuen Grenze. Es lag auch darin, dass die Interessen der Staaten über den Willen der betroffenen Bevölkerung gestellt wurden. Ein geheimes Versprechen aus der Kriegszeit und die Entscheidungen der Siegermächte hatten Folgen für Generationen. Bis heute.






