Pflegenot als Geschäftsmodell? Der Fall Meran legt Südtirols wunden Punkt offen

Mehr als 100 georgische Frauen sollen mit falschen Identitäten als EU-Bürgerinnen ausgegeben und als Betreuungskräfte vermittelt worden sein. Doch hinter gefälschten Papieren, illegaler Einwanderung und mutmaßlicher Ausbeutung steckt eine viel größere Frage. Tausende Südtiroler Familien sind darauf angewiesen, ihre Angehörigen zu Hause zu betreuen. Wer selbst nicht mehr weiterkann, sucht Hilfe – und gerät damit in einen Markt, den viele kaum durchschauen können. Wo Not herrscht, lässt sich offenbar auch gutes Geld verdienen.
Es ist eine Situation, die tausende Südtiroler Familien kennen. Die Mutter wird dement. Der Vater kann nach einem Sturz nicht mehr alleine aufstehen. Ein Angehöriger benötigt plötzlich rund um die Uhr Unterstützung. Die Kinder arbeiten, haben selbst Familie und können eine Betreuung Tag und Nacht nicht leisten.
Was dann? Ein Platz im Seniorenwohnheim ist nicht immer sofort verfügbar – und oftmals auch gar nicht gewünscht. Viele ältere Menschen wollen verständlicherweise so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Auch die Südtiroler Politik verfolgt seit Jahren das Ziel, die Pflege zu Hause zu stärken.
Das Ergebnis ist ein System, das ohne Angehörige und private Betreuungskräfte längst kaum mehr funktionieren würde. Rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen in Südtirol werden zu Hause betreut. Im Jahr 2025 waren es 15.933 Menschen.
Hinter diesen nüchternen Zahlen stehen Familien, die häufig unter enormem Druck Entscheidungen treffen müssen. Und genau dort beginnt das Problem.
Eine fremde Person ins eigene Haus holen
Eine private Betreuungskraft zu engagieren ist schließlich keine gewöhnliche Dienstleistung. Man bestellt keinen Handwerker für zwei Stunden und auch keine Reinigungskraft für den Freitagvormittag. Oft zieht ein völlig fremder Mensch in das Haus eines hochbetagten, kranken oder dementen Angehörigen ein.
Diese Person erhält Zugang zum intimsten Lebensbereich einer Familie. Sie hilft beim Waschen, Anziehen und Essen, kennt Medikamente, Tagesabläufe und gesundheitliche Probleme. Nicht selten verbringt sie mehr Zeit mit dem Pflegebedürftigen als dessen eigene Kinder. Vertrauen ist deshalb alles.
Umso problematischer ist ein Markt, auf dem Familien teilweise selbst kaum überprüfen können, wer ihnen tatsächlich vermittelt wird, welchen rechtlichen Status die Betreuungskraft besitzt und welche Strukturen hinter der Vermittlung stehen.
Der aktuelle Fall zeigt drastisch, wohin das führen kann. Nach den bisherigen Ermittlungsergebnissen sollen Frauen in Georgien angeworben, illegal nach Italien gebracht und mit gefälschten Dokumenten ausgestattet worden sein. Mehr als 100 Frauen sollen auf diese Weise falsche Steuernummern erhalten haben und als EU-Bürgerinnen ausgegeben worden sein. Eine etablierte und formal reguläre Arbeitsvermittlungsagentur in Meran soll dabei laut Ermittlern Teil des Systems gewesen sein. Die betroffenen Familien, vorwiegend aus Südtirol und dem Trentino, sollen mit den ihnen vorgeworfenen Straftaten hingegen nichts zu tun gehabt haben. Gerade das ist der eigentlich beunruhigende Punkt.
Die Familien glaubten, alles richtig zu machen
Wer bewusst eine Pflegekraft schwarz beschäftigt, weiß zumindest, welches Risiko er eingeht. Hier soll es jedoch anders gewesen sein: Die Familien durften sich gerade deshalb in Sicherheit wiegen, weil sie sich zur Anstellung ihrer Betreuungskräfte an eine etablierte und formal reguläre Arbeitsvermittlungsagentur gewandt hatten.
Und dennoch sollen hinter den Kulissen falsche Identitäten, gefälschte Steuernummern und mutmaßliche Ausbeutung gestanden haben.
Den Frauen sollen häufig ihre persönlichen Dokumente abgenommen worden sein. Sie sollen ohne Mitsprache von einer Familie zur nächsten versetzt worden sein. Nach Angaben der Finanzwache sollen sie zudem systematisch gezwungen worden sein, einen Teil ihres Lohnes abzugeben oder Geld an die mutmaßlichen Vermittlerinnen zu zahlen – im Gegenzug für eine Arbeitsstelle und eine nur vorgetäuschte Legalisierung ihres Aufenthalts.
Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das nicht nur kriminell. Es wäre ein Geschäftsmodell, das gleich zwei Formen von Not ausgenutzt hätte: die Not ausländischer Frauen auf der Suche nach Arbeit und die Not Südtiroler Familien auf der Suche nach Betreuung.
Das Verfahren befindet sich derzeit im Stadium der Vorermittlungen. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Der Pflegebedarf wächst – und mit ihm der Markt
Der Fall ist aber auch deshalb relevant, weil private Betreuungskräfte längst keine Randerscheinung mehr sind. Italienweit waren 2025 genau 804.464 Hausangestellte mit mindestens einer Beitragszahlung beim staatlichen Sozialversicherungsinstitut NISF/INPS registriert.
51,3 Prozent davon waren Betreuungskräfte, sogenannte „Badanti“. Bereits 2024 hatten diese erstmals die klassischen Haushaltshilfen, die „Colf“, zahlenmäßig überholt.
Fast sieben von zehn registrierten Beschäftigten in diesem Bereich besitzen eine ausländische Staatsbürgerschaft. Die größte Herkunftsgruppe stammt aus Osteuropa: Auf sie entfallen rund 33,5 Prozent aller registrierten Hausangestellten.
Gleichzeitig spricht selbst das staatliche Sozialversicherungsinstitut von einer erheblichen Präsenz von Schwarz- und Grauarbeit. NISF/INPS-Präsident Gabriele Fava hat deshalb sogar die Schaffung eines nationalen Registers für Haushaltshilfen und Betreuungskräfte gefordert.
Das ist eine gefährliche Kombination: Eine alternde Gesellschaft erzeugt immer größere Nachfrage, die Familien benötigen rasch Lösungen, und ein schwer kontrollierbarer Markt liefert das Personal.
Wer vermittelt? Wer überprüft? Wer garantiert Qualifikation? Wer trägt Verantwortung, wenn etwas nicht stimmt? Für eine Familie, die gerade versucht, den pflegebedürftigen Vater irgendwie zu Hause zu halten, sind solche Fragen kaum nebenbei zu beantworten.
Viel Geld für Pflege – aber wenig Orientierung
Dabei nimmt Südtirol für die Pflege erhebliche Summen in die Hand. Für das Pflegegeld wurden 2025 insgesamt mehr als 314 Millionen Euro bereitgestellt. Auf die Pflege zu Hause entfielen davon 139 Millionen Euro. Diese Unterstützung ist richtig und notwendig. Doch Geld allein löst das Problem nicht. Wer den politischen Grundsatz verfolgt, Menschen möglichst lange zu Hause zu betreuen, muss auch dafür sorgen, dass Familien dort auf einen transparenten, kontrollierten und verlässlichen Betreuungsmarkt treffen.
Es genügt nicht, Pflegegeld auszuzahlen und anschließend sinngemäß zu sagen: Nun schaut selbst, wen ihr findet. Gerade Familien in einer akuten Pflegesituation haben weder Zeit noch Fachwissen, um komplizierte Aufenthaltsbestimmungen, Arbeitsverträge, Qualifikationen und die Seriosität von Vermittlungsstrukturen selbst zu überprüfen.
Über ein Landesregister wurde längst gesprochen
Dass dieses Problem bekannt ist, zeigt ein Blick zurück. Bereits Anfang 2025 führte die Stadt Bozen ein eigenes Register für private Betreuungskräfte ein. Ziel war ausdrücklich, Familien mehr Sicherheit zu geben, die Professionalität zu erhöhen und Schwarzarbeit zurückzudrängen.
Wenig später traf sich auch Soziallandesrätin Rosmarie Pamer mit Vermittlungsagenturen. Dabei wurde über die mögliche Einführung eines landesweiten Verzeichnisses für private Betreuungskräfte gesprochen. Ausgerechnet unter den Agenturen gingen die Meinungen dazu auseinander.
Nach den nun bekannt gewordenen Ermittlungen erhält diese Diskussion eine völlig neue Aktualität. Denn wenn Familien sogar dann Gefahr laufen können, in zweifelhafte Strukturen zu geraten, wenn sie sich bewusst an eine formal reguläre Vermittlungsstelle wenden, reicht ein allgemeiner Hinweis auf Eigenverantwortung nicht mehr aus.
Wer alte Menschen betreut, braucht besonderes Vertrauen
Es geht dabei keineswegs darum, private Betreuungskräfte unter Generalverdacht zu stellen. Im Gegenteil. Ohne die oft aufopfernde Arbeit dieser Frauen wäre die häusliche Pflege vielerorts kaum aufrechtzuerhalten.
Gerade deshalb müssen auch sie geschützt werden. Eine Frau, die fern ihrer Heimat einen alten Menschen pflegt, darf nicht von dubiosen Vermittlern abhängig gemacht, um ihren Lohn gebracht oder durch den Entzug ihrer Dokumente unter Druck gesetzt werden. Und eine Südtiroler Familie muss darauf vertrauen können, dass jemand, der ihr eine Betreuungskraft vermittelt, seriös und nach den geltenden Regeln arbeitet. Beide Seiten brauchen Sicherheit.
Ein landesweites Register für private Betreuungskräfte gehört deshalb erneut ernsthaft auf den Tisch. Ebenso stellt sich die Frage nach klaren Mindeststandards, transparenten Gebühren und konsequenten Kontrollen jener Unternehmen und Agenturen, die mit der Vermittlung von Betreuungspersonal Geld verdienen. Denn hier geht es nicht um irgendeine Branche. Es geht um alte, kranke und häufig wehrlose Menschen.
Die Not der Familien darf kein Geschäftsmodell werden
Südtirol wird älter. Und mit der Alterung der Gesellschaft wird nach Einschätzung des Landes auch der Pflegebedarf weiter steigen. Die private Betreuung zu Hause wird deshalb eher wichtiger als unwichtiger werden.
Gerade deshalb muss das Land jetzt handeln. Wer ständig betont, dass ältere Menschen möglichst lange in Würde zu Hause leben sollen, darf ihre Familien bei der Organisation dieser Pflege nicht einem undurchsichtigen Markt überlassen.
Der Fall rund um die Meraner Ermittlungen sollte deshalb nicht mit 95 Durchsuchungen, 101 Anzeigen und 29 Festnahmen zu den Akten gelegt werden. Er muss Anlass sein, das gesamte System genauer anzusehen.
Wer vermittelt Südtirols Betreuungskräfte? Welche Kontrollen gibt es? Welche Gebühren werden verlangt? Welche Qualifikation wird überprüft? Und wie kann eine Familie erkennen, wem sie vertrauen kann?
Denn wenn ein Mensch seinen pflegebedürftigen Vater oder seine Mutter einem Fremden anvertraut, sollte er sich um eines nicht auch noch sorgen müssen: ob im Hintergrund jemand an seiner Not ein schmutziges Geschäft macht.






