Millionen für Medizinuni in Bozen – doch wo bleiben die Südtiroler?

Dabei ließen sich allein mit den jährlichen Ausgaben für das Lehrpersonal Jahr für Jahr 27 neue Südtiroler Medizinstudenten in Innsbruck und im deutschsprachigen Ausland mit monatlich 500 Euro unterstützen – und das während ihrer gesamten sechsjährigen Ausbildung.
Seit dem Studienjahr 2024/25 bietet die Mailänder Università Cattolica an der Bozner Claudiana ein sechsjähriges Medizinstudium an. Das Land Südtirol lässt sich dieses Vorhaben einiges kosten: Allein für die Lehrkräfte werden jährlich rund 992.000 Euro aufgewendet. Hinzu kommen weitere Ausgaben für Organisation, Infrastruktur und praktische Ausbildung. Doch ausgerechnet bei den Südtirolern selbst scheint das Angebot bislang auf überschaubares Interesse zu stoßen.
Von den insgesamt 174 Studenten des Studienjahres 2026/27 stammen lediglich 53 aus Südtirol. Das entspricht gerade einmal 30,5 Prozent. Noch bemerkenswerter ist der Zwischenstand des jüngsten Aufnahmeverfahrens: Unter 426 Kandidaten befanden sich 100 Südtiroler, doch laut einer im September bekannt gewordenen Antwort von Gesundheitslandesrat Hubert Messner an den Landtagsabgeordneten Franz Ploner hatten sich zum damaligen Zeitpunkt erst fünf davon immatrikuliert oder vorimmatrikuliert. Wie viele es inzwischen tatsächlich sind, geht aus den veröffentlichten Zahlen nicht hervor.
Deutsch im Krankenhaus gefragt, Englisch im Hörsaal
Die Frage ist durchaus berechtigt: Weshalb sollte ein deutschsprachiger Südtiroler ausgerechnet in Bozen Medizin auf Englisch studieren, wenn er in Innsbruck, Wien, Graz oder Deutschland dieselbe Ausbildung in seiner Muttersprache absolvieren kann? Gerade Innsbruck ist seit Jahrzehnten eine bedeutende Ausbildungsstätte für Südtiroler Ärzte. Wie viele junge Südtiroler derzeit an deutschsprachigen Medizinuniversitäten eingeschrieben sind, ist zwar nicht bekannt. Der geringe einheimische Anteil in Bozen wirft jedoch die Frage auf, ob das englischsprachige Angebot tatsächlich den Bedürfnissen des eigenen medizinischen Nachwuchses entspricht.
Noch widersprüchlicher erscheint die Entscheidung vor dem Hintergrund der bekannten Sprachprobleme im Südtiroler Gesundheitswesen. Immer wieder kommt es vor, dass Ärzte nicht ausreichend Deutsch sprechen. Für Patienten, die ihre Beschwerden, Ängste und Diagnosen in ihrer Muttersprache besprechen möchten, ist das ein ernstes Problem. Ausgerechnet in diesem Umfeld setzt Südtirol bei seiner eigenen Medizin-Ausbildung auf Englisch.
Warum nicht einen deutschsprachigen Studiengang anbieten, bei dem italienisch- oder anderssprachige Studenten bereits während ihrer Ausbildung intensiv Deutsch lernen? Zwar sieht auch der bestehende englischsprachige Studiengang klinische Praktika in beiden Landessprachen vor. Dennoch stellt sich die Frage, ob eine stärkere Verankerung der gesamten Ausbildung in Deutsch nicht sinnvoller wäre.
Eine Million Euro – jedes Jahr 27 neue Südtiroler unterstützen
Auch finanziell lohnt sich ein Gedankenexperiment. Würde man die jährlich rund 992.000 Euro, die allein für das Lehrpersonal in Bozen ausgegeben werden, stattdessen für eine gezielte Förderung von Südtiroler Medizinstudenten in Innsbruck und im deutschsprachigen Ausland verwenden, ließe sich damit einiges erreichen.
Bei einer monatlichen Unterstützung von 500 Euro würde ein Student jährlich 6.000 Euro und über sechs Studienjahre insgesamt 36.000 Euro erhalten. Mit dem bestehenden Jahresbudget könnten somit dauerhaft jedes Jahr 27 neue Südtiroler Medizinstudenten in ein solches Förderprogramm aufgenommen werden. Nach sechs Jahren wären 162 Studenten gleichzeitig gefördert, bei jährlichen Gesamtausgaben von 972.000 Euro. Voraussetzung wäre, dass die Studenten regulär einen Studienplatz erhalten.
Dass eine solche Förderung durchaus mit einer späteren Tätigkeit in Südtirol verbunden werden kann, zeigt das Land bereits selbst. An der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg finanziert Südtirol bis zu 17 Medizinstudienplätze pro Jahr. Die Begünstigten verpflichten sich im Gegenzug, nach ihrer Ausbildung mindestens vier Jahre im öffentlichen Südtiroler Gesundheitsdienst zu arbeiten. Ein ähnliches Verpflichtungsmodell wäre auch bei einer erweiterten Studienförderung denkbar.
Für wen wird hier eigentlich ausgebildet?
Natürlich hat auch eine Medizin-Ausbildung vor Ort Vorteile. Internationale Studenten können das Gesundheitswesen bereichern und möglicherweise nach ihrem Abschluss in Südtirol bleiben. Ob das tatsächlich geschieht, wird sich allerdings erst in einigen Jahren zeigen. Der Bozner Studiengang ist noch zu jung, um seine langfristige Wirkung auf den Ärztemangel beurteilen zu können.
Trotzdem muss die Landesregierung erklären können, warum sie erhebliche öffentliche Mittel in einen englischsprachigen Studiengang investiert, der bislang nur einen vergleichsweise geringen Anteil an Südtirolern aufweist. Gerade wenn deutschsprachige Patienten im eigenen Land immer wieder an sprachliche Grenzen stoßen, sollte die Ausbildung deutschsprachiger Ärzte ein zentrales Ziel sein.
Südtirol braucht nicht einfach möglichst viele Medizinstudenten, sondern Ärzte, die hier arbeiten wollen und ihre Patienten verstehen. Ob die englischsprachige Medizin-Ausbildung in Bozen dafür der richtige Weg ist, darf angesichts der Kosten und Einschreibezahlen durchaus hinterfragt werden.
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