von Alexander Wurzer 07.10.2026 18:00 Uhr

Hamas-Massaker jährt sich – in Bozen richtet sich die Anklage gegen Israel

Ausgerechnet am dritten Jahrestag des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 haben sich am Mittwoch einige Palästina-Aktivisten auf dem Bozner Rathausplatz versammelt. Während in Israel der rund 1.200 Ermordeten und 251 Verschleppten gedacht wird, war in Bozen von einem anderen Verbrechen die Rede: vom angeblichen „Genozid“ Israels an den Palästinensern.

Entgegen der Ankündigung hat sich der Rathausplatz nicht gefüllt (Foto: UT24/aw)

Noch bemerkenswerter ist der Begleittext der Veranstalter. Die Terroristen, die am 7. Oktober mordend durch israelische Ortschaften zogen, werden darin zu „Widerstandskräften“, während die Verantwortung für das Massaker Stück für Stück in Richtung Israel verschoben wird.

Groß war die Mobilisierung allerdings nicht. Auf dem Rathausplatz verlor sich eine kleine Handvoll Aktivisten zwischen Passanten und Menschen, die gerade ihre Mittagspause verbrachten. Über Lautsprecher wurden Reden gehalten und Parolen verbreitet, Palästina-Fahnen bestimmten das überschaubare Bild. Der zuvor ausgegebene Schlachtruf „Tutti in piazza!“ wirkte angesichts der tatsächlichen Resonanz geradezu grotesk. Der Bozner Alltag ging ringsherum nahezu unbeirrt weiter.

Ein Datum, das ganz bewusst gewählt wurde

Besonders befremdlich ist die Wahl des 7. Oktober. Es ist jener Tag, an dem Hamas-Terroristen und weitere bewaffnete palästinensische Gruppen 2023 die israelische Grenze durchbrachen und ein Massaker anrichteten. Rund 1.200 Menschen wurden getötet und 251 in den Gazastreifen verschleppt. Unter den Opfern befanden sich zahlreiche Zivilisten. Menschen wurden in ihren Häusern ermordet, Besucher des Nova-Musikfestivals auf der Flucht erschossen, Familien auseinandergerissen und 251 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Auch Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt sind dokumentiert.

Drei Jahre später ist der 7. Oktober für Israel ein Tag des Gedenkens an eines der schwersten Massaker der Geschichte. Und genau diesen Tag wählt eine Bozner Palästina-Gruppe, um auf dem Rathausplatz Israel auf die Anklagebank zu setzen.

Aus Hamas-Terroristen werden „Widerstandskräfte“

Noch entlarvender als die Kundgebung selbst ist der dazu verbreitete Text. Dort ist nicht etwa von Hamas-Terroristen oder islamistischen Angreifern die Rede. Stattdessen werden sie als palästinensische Widerstandskräfte bezeichnet.

Das ist keine belanglose Wortwahl. Beim Angriff vom 7. Oktober wurden Zivilisten gezielt getötet, Menschen aus ihren Häusern verschleppt, Schutzräume angegriffen und wahllos Menschen niedergeschossen. Auch internationale Menschenrechtsorganisationen haben die vorsätzliche Tötung und Entführung von Zivilisten als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeordnet.

Die Hamas wiederum ist eine islamistische Terrororganisation und wird auch von der Europäischen Union als solche geführt. Wer ihre Kämpfer am Jahrestag des Massakers dennoch zu „Widerstandskräften“ erklärt, trifft deshalb eine sehr bewusste sprachliche Entscheidung.

Das Massaker wird zur Randnotiz

Der Begleittext der Bozner Aktivisten verwendet enorme argumentative Energie darauf, über Israel, Netanyahu, Geheimdienste, die sogenannte Hannibal-Direktive und angeblich ausgeschlagene Möglichkeiten zur Freilassung von Geiseln zu sprechen.

Was dabei auffällig in den Hintergrund rückt, ist das eigentliche Verbrechen, dessen Jahrestag an diesem Mittwoch begangen wird: Islamistische Terroristen überschritten die Grenze, ermordeten Menschen und verschleppten Männer, Frauen und Kinder.

Aus dem Massaker wird sprachlich eine „Operation“. Aus Terroristen werden „Widerstandskräfte“. Aus Israel, das am 7. Oktober angegriffen wurde, wird im Text beinahe der eigentliche Angeklagte.

Man kann über israelische Politik streiten. Man kann Netanyahu kritisieren. Man kann das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza scharf verurteilen. Aber all das ändert nichts daran, wer am Morgen des 7. Oktober 2023 die Grenze überschritt und wer in israelischen Ortschaften mordete. Diese einfache Unterscheidung scheint im Bozner Aufruf kaum noch eine Rolle zu spielen.

Der Islamismus zeigte am 7. Oktober seine Fratze

Der 7. Oktober war dabei nicht irgendein militärischer Zwischenfall. Er war auch ein Beispiel dafür, wohin islamistischer Fanatismus führen kann.

Die Hamas verbindet ihren politischen Kampf seit Jahrzehnten mit einer radikal-islamistischen Ideologie. Ihre Herrschaft im Gazastreifen ist autoritär, religiös geprägt und auf den bewaffneten Kampf gegen Israel ausgerichtet. Der 7. Oktober zeigte in erschreckender Weise, was geschieht, wenn dieser Fanatismus in Gewalt umschlägt.

Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie konsequent der ideologische Hintergrund der Hamas im Bozner Aufruf ausgeblendet wird. Solidarität mit palästinensischen Zivilisten ist das eine. Eine islamistische Terrororganisation lediglich durch das Vokabular des „Widerstands“ zu betrachten, ist etwas völlig anderes.

„Vom Fluss bis zum Meer“ auf dem Bozner Rathausplatz

Der Text endet schließlich mit jener Parole, die seit Jahren international für heftige Kontroversen sorgt: „Palestina libera, dal fiume al mare“ – ein freies Palästina „vom Fluss bis zum Meer“. Gemeint ist damit das gesamte Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer – also einschließlich des heutigen Staates Israel. Genau deshalb ist die Parole hochumstritten: Kritiker verstehen die Forderung nach einem „freien Palästina“ auf diesem gesamten Gebiet als Absage an den Fortbestand Israels als eigenständigem Staat.

Auch hier wird deutlich, wie wenig Interesse die Verfasser offenbar an Zwischentönen haben. Der gesamte Aufruf zeichnet ein geschlossenes Weltbild: Israel als Täter, westliche Staaten als Komplizen und palästinensische Angreifer als Widerstandskämpfer.

Dass Israelis am 7. Oktober abgeschlachtet und verschleppt wurden, passt offenkundig schlechter in dieses Bild. Dass die Hamas eine islamistische Terrororganisation ist, ebenso. Und dass Kritik an Israel keine Entschuldigung dafür sein kann, Hamas-Terroristen sprachlich reinzuwaschen, offenbar erst recht.

Große Worte, winzige Resonanz

Am Ende offenbarte der Rathausplatz vor allem ein bemerkenswertes Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wer mit „Tutti in piazza!“ die Massen mobilisieren wollte, blieb weitgehend unter sich. Der lauteste Teilnehmer der Kundgebung war am Ende wohl der Lautsprecher.

  • Mit diesem Aufruf sollten viele Menschen mobilisiert werden (Quelle: Facebook/Bolzano Antifascista)
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