von lif 05.10.2026 14:56 Uhr

Warum das Elektroauto den Benziner überholt hat

Wer 2,39 Euro für den Liter Diesel zahlt, rechnet anders als noch vor einem Jahr. Und viele Südtiroler haben gerechnet. Das Elektroauto hat im Land einen Stand erreicht, von dem der Rest Italiens weit entfernt ist. Die Spritkrise hat diese Entwicklung beschleunigt, begonnen hat sie aber schon vorher.

Bild: APA/AFP/Getty

Die Zahlen des Branchenverbands UNRAE sind eindeutig. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in Südtirol 2.457 Pkw privater Käufer zugelassen, 12,1 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Mehr als sieben von zehn dieser Autos sind zumindest teilweise elektrifiziert, wenn man Hybride, Plug-in-Hybride und reine Stromer zusammenzählt. Den größten Anteil haben die klassischen Hybride, die primär mit Benzin oder Diesel fahren und sich selbst aufladen. Ihr Anteil stieg im Lauf des Halbjahres von 38,5 auf 41,1 Prozent. Der eigentliche Sprung passiert aber bei den reinen Stromern, denn sie kommen auf 21,4 Prozent Marktanteil und liegen damit erstmals vor den Benzinern.

Südtirol fährt Italien davon

Besonders auffällig ist der Vergleich mit Italien Italienweit machen reine Elektroautos nur 8,4 Prozent der Neuzulassungen aus, in Südtirol sind es 21,4 Prozent. Südtirol liegt damit nicht nur über dem Durchschnitt, sondern spielt in einer anderen Liga. Wie groß der Unterschied ist, zeigt ein Blick auf die Verkaufsliste. Das meistverkaufte Auto bei Südtiroler Privatkunden war im ersten Halbjahr das Tesla Model Y. In Welschtirol, also in derselben Region, führt dagegen die Fiat Panda die Liste an, gefolgt von der Dacia Sandero.

Lukas Baumgartner, Geschäftsführer der Bozner Autoindustriale Mobility Group, nennt gegenüber den Dolomiten zwei Gründe: staatliche Förderungen und hohe Spritpreise. Seiner Einschätzung nach wird sich der Neuwagenmarkt in den kommenden fünf Jahren drastisch verändern, klassische Verbrenner würden dann kaum noch eine Rolle spielen. Dass teurer Sprit den Umstieg beschleunigt, zeigt der Blick über die Grenzen. In Italien wurden im April 2026 13.238 Elektroautos neu zugelassen, ein Anstieg von 98,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Deutschland meldete das Kraftfahrtbundesamt für März ein Plus von 66 Prozent, und Autoportale verzeichneten zeitweise eine Verdreifachung der Suchanfragen nach E-Autos.

Ein Vorsprung, der älter ist als die Krise

Südtirol hat dabei allerdings nicht erst im Frühjahr zu rechnen begonnen. Die Zahl der E-Neuzulassungen ist im Land in den vergangenen vier Jahren um 150 Prozent gestiegen, schon 2025 lag der Anteil bei rund 16 Prozent. Die Krise am Persischen Golf hat also einen Trend verstärkt, den es längst gab. Gewachsen ist er vor allem, weil das Land seit 2018 fördert. 2024 stellte Südtirol 1,65 Millionen Euro für knapp 1.000 Fahrzeuge bereit, verglichen mit 87.000 Euro im Jahr 2018. Aktuell gibt es bis zu 4.000 Euro beim Kauf und bis zu 1.000 Euro für eine Heimladestation. Dazu kommt das Ladenetz, welches weiter ausgebaut werden soll. Bis Ende 2026 soll es in Südtirol 1.000 Ladepunkte geben, mindestens einen in jeder der 116 Gemeinden. Ob dieses Ziel bis Dezember tatsächlich erreicht wird, hat bisher niemand öffentlich bestätigt.

Auf staatliche Hilfen ist dagegen wenig Verlass. Eine großzügige Förderung von 11.000 Euro im Oktober 2025 galt nur in 19 Südtiroler Gemeinden, war an zahlreiche Auflagen geknüpft und bereits am ersten Tag ausgeschöpft.

Der Haken am Stecker

Doch wer vom Sprit flüchtet, landet beim nächsten Problem. Der günstige Ladetarif von Alperia mit 0,35 Euro pro Kilowattstunde für Stromkunden galt laut Landesregierung vorerst bis Ende Februar 2026. Ob und zu welchen Bedingungen er verlängert wurde, ist nicht eindeutig belegt. Und der Strom selbst wird teurer: Im August lag der Strompreis in Bozen um 17,6 Prozent über dem Vorjahr, weil der italienische Strommarkt am Gaspreis hängt, der seit Beginn der Krise im Nahen Osten ebenfalls steigt. Rechnerisch bleibt das E-Auto trotzdem im Vorteil. Wer zu Hause lädt, zahlt pro 100 Kilometer deutlich weniger als für Diesel zu 2,39 Euro. Aber der Abstand schrumpft, und wer auf öffentliche Schnelllader angewiesen ist, etwa weil er in einer Mietwohnung ohne eigene Steckdose wohnt, spürt davon weniger.

Wer sich den Umstieg leisten kann

Bleibt die Frage nach dem Preis. Händler verweisen darauf, dass sich der Abstand zum Verbrenner stark verringert habe und bei manchen Modellen samt Finanzierungsangeboten kaum noch ein Unterschied bestehe. Das gilt allerdings für den Neuwagen. Gegenüber einem gebrauchten Verbrenner bleibt ein neues Elektroauto auch mit 4.000 Euro Förderung die teurere Entscheidung. Und damit trifft der Umstieg ausgerechnet jene am wenigsten, die ihn am dringendsten bräuchten. Der Pendler aus dem Seitental, den die Spritpreise am härtesten treffen, ist oft genau der, der kein neues Auto kaufen kann. Der Elektroboom ist real, aber er ist zuerst ein Boom derer, die ihn sich leisten können.

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