von red 05.10.2026 13:34 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 84)

Das heute zu besprechende Buch So planten wir die Feuernacht von Herlinde Molling ist weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung historischer Dokumente; es ist ein zutiefst berührendes, unschätzbares Zeitzeugnis, das die traumatische und hochemotionale Epoche Südtirols in den 1960er-Jahren greifbar macht. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Herlinde Molling, So planten wir die Feuernacht. Protokolle, Skizzen und Strategiepapiere aus dem BAS-Archiv (mit einer Einführung von Hans Karl Peterlini), Bozen 2011.

2011 veröffentlicht, gewährt dieses nahezu 400 Seiten starke Werk durch die Protokolle, Skizzen und Strategiepapiere aus dem Archiv des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) einen schonungslosen, aber auch zutiefst menschlichen Blick auf die Ereignisse rund um die Feuernacht von 1961. Ergänzt durch eine feinfühlige Einführung von Hans Karl Peterlini, zeigt das Werk das Dilemma von Menschen, die sich in einer geschichtlichen Sackgasse sahen und aus Liebe zu ihrer Heimat einen Weg wählten, der ihr Leben für immer verändern sollte.

Wenn Geschichte spürbar wird: Die Anatomie des Protests

Mollings Dokumentation gelingt das Kunststück, den Leser direkt in die rauchigen Hinterzimmer, auf die geheimen Berggipfel und in die Sitzungen des BAS zu versetzen. Beim Lesen der Protokolle spürt man das Herzklopfen der Aktivisten. Das Buch zeigt eindrücklich, dass dem bewaffneten Widerstand eine Epoche des Protests vorausging. Von heimlich gemalten Wandparolen über das Hissen von weiß-roten Fahnen bis hin zu den symbolträchtigen Flammenschriften auf den Bergen dokumentiert Molling die Vorstufen einer Eskalation, die aus tiefer Ohnmacht geboren wurde.

Das logistische Dilemma und die menschliche Fragilität

Besonders bewegend sind die Abschnitte, die sich mit der technischen Rüstung und den Schulungen befassen. Hier weicht das heroische Bild des „Freiheitskämpfers“ der nackten Realität, wenn man von der improvisierten Produktion von Uhren- und Säurezeitzündern sowie den akribischen Ausrüstungslisten liest. Es wird deutlich, wie viel logistisches Kalkül, aber auch wie viel existenzielle Angst in diesen Vorbereitungen steckte. Die abgedruckten Verhaltensregeln für den Ernstfall zeigen, dass diese Menschen sich der immensen Gefahr für ihr eigenes Leben und das ihrer Familien vollkommen bewusst waren.

Die Feuernacht und das bittere Erwachen

Das Herzstück des Buches wird ohne Pathos rekonstruiert. Molling bewahrt eine bewundernswerte Balance, indem sie die Gewalt nicht verharmlost, aber eine tiefe Empathie für die Zerrissenheit der Akteure aufbringt. Das Kapitel über das Rückzugsgebiet Nordtirol und die bittere Flucht aus der Heimat macht den enormen persönlichen Tribut deutlich, den diese Männer und Frauen zahlen mussten. Heimatverlust, Haft und die Zerrüttung von Familien hinterließen tiefe Wunden, die weit über das Jahr 1961 hinausreichten.

Ein schmerzhaftes Fazit: Was bleibt vom Kampf?

Im Epilog stellt sich das Buch der schmerzhaftesten aller Fragen und regt zum Nachdenken darüber an, ob das Erreichte – die spätere Autonomie Südtirols – den hohen Preis an Menschenleben, Folter und Leid rechtfertigte. Molling lässt diese Fragen bewusst offen und lädt den Leser ein, mit Mitgefühl und historischer Reife selbst zu urteilen.

Fazit: Ein unentbehrliches Plädoyer für die Erinnerungskultur

Herlinde Molling hat mit diesem Band ein Werk von unschätzbarem historischem und humanitärem Wert geschaffen. Indem sie die Archive öffnet, entfremdet sie die Geschichte von den üblichen politischen Grabenkämpfen und rückt das nackte, menschliche Erleben in den Vordergrund. Das Buch zwingt dazu, sich der Ambivalenz von Widerstand und Radikalisierung zu stellen, ohne vorschnell zu verurteilen oder zu glorifizieren. Es bleibt die Erkenntnis, dass die Südtiroler Autonomie auf einem Fundament tiefer menschlicher Tragödien ruht. Für jeden, der die komplexe Seele und die jüngere Geschichte dieser Region nicht nur intellektuell verstehen, sondern auch emotional nachempfinden möchte, ist diese Dokumentation eine Pflichtlektüre und ein tief berührendes Mahnmal für den Frieden.

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Herlinde Molling, So planten wir die Feuernacht. Protokolle, Skizzen und Strategiepapiere aus dem BAS-Archiv (mit einer Einführung von Hans Karl Peterlini), Bozen 2011.

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