Ronaldo verlässt Portugal-Team

Der 4:2-Sieg gegen Dänemark hat die Debatte um Cristiano Ronaldo nicht beendet. Vor und nach der Begegnung am Donnerstagabend nahm Portugals neuer Teamchef Jorge Jesus zur Abreise seines Rekordspielers Stellung. Der 72-Jährige verteidigte sein Vorgehen und betonte, die Mannschaft stehe weiterhin hinter ihm.
Ronaldo hatte das Teamquartier bereits am Mittwoch, dem 30. September, verlassen. Nach mangelnder Einsatzzeit und internen Unstimmigkeiten brachte auch ein Krisengespräch mit Jesus und dem Präsidenten des portugiesischen Fußballverbandes FPF, Pedro Proenca, keine Einigung.
Jesus: „Die Regeln gelten für alle gleich“
Nach dem Erfolg gegen Dänemark erklärte Jesus auf der Pressekonferenz, mit reinem Gewissen gehandelt zu haben. Einen besonderen Status einzelner Spieler erkenne er an – daraus entstünden jedoch keine Sonderregeln:
„Es gibt Spieler mit einem besonderen Status, aber die Regeln gelten für alle gleich. Das habe ich während meiner gesamten Karriere so gesehen und daran werde ich auch festhalten.“
Auch eine Spaltung innerhalb des Aufgebots wies der Trainer zurück:
„Nichts deutet darauf hin, dass die Spieler mich nicht unterstützen. Wichtig ist, was wir tun müssen. Ich weiß, warum du diese Frage gestellt hast. Solche Dinge passieren, aber sie spalten die Gruppe nicht – und werden sie auch nicht spalten.“
Die Leistung gegen Dänemark wertete Jesus als Zeichen der sportlichen Entwicklung: „Die Mannschaft glaubt fest an das, was sie tut. Für mich war das bisher unser bestes Spiel. Das ist normal, denn wir hatten mehr Zeit zum Arbeiten.“
Rekordspieler reist nach Krisengespräch ab
Zugespitzt hatte sich die Lage am Mittwoch. Der 41-jährige Ronaldo fehlte zunächst bei zwei Trainingseinheiten und erklärte anschließend seinen sofortigen Rückzug aus dem Aufgebot. Zuvor hatten der Angreifer, Jesus und Verbandspräsident Proenca in einer Krisensitzung über die Situation gesprochen.
Jesus versuchte danach zunächst, die Berichte über ein Zerwürfnis herunterzuspielen. Ronaldo entschied sich dennoch zur Abreise. In seiner schriftlichen Erklärung kündigte er an, die Gründe später öffentlich darzulegen:
„Nach der Pressekonferenz des Teamchefs und einem Gespräch mit dem Präsidenten des portugiesischen Fußballverbandes habe ich beschlossen, das Trainingslager des Nationalteams zu verlassen. Zu gegebener Zeit werde ich dem portugiesischen Volk die Wahrheit über die Gründe für meinen Abschied von der Nationalmannschaft mitteilen, der ich mich immer gewidmet habe. Jetzt ist es an der Zeit, Portugal und allen meinen Teamkollegen ohne Ausnahme viel Glück zu wünschen.“
Ob seine Abreise zugleich einen endgültigen Rücktritt bedeutet, bleibt offen.
Eine halbe Stunde aufgewärmt – ohne Einsatz
Ausgangspunkt des Konflikts war das vorangegangene Länderspiel gegen Norwegen. Ronaldo wärmte sich in der zweiten Halbzeit rund 30 Minuten lang auf, wurde schließlich aber nicht eingewechselt. Die daraus entstandenen Verstimmungen ließen sich auch beim anschließenden Krisengespräch nicht ausräumen.
Nach dem Treffen mit Proenca soll Jesus zunächst Besserung zugesagt haben. Bei der offiziellen Pressekonferenz stellte der Teamchef seine Entscheidungsgewalt dann jedoch unmissverständlich heraus:
„Ich kann versprechen, was ich will. Ich bin der Manager. Ich bin der Trainer, und ich habe dem Spieler gesagt, dass er nicht spielen wird. Ich setze ihn auf die Bank; wenn ich dich für 30 Minuten brauche, spielst du, und wenn nicht, dann nicht. Kein Spieler wird jemals meine Meinung ändern. Weder er noch sonst jemand im Fußball. Auch kein Präsident. Niemals, null.“
„Ich werde mich nicht verstecken“
Wenige Minuten vor dem Anpfiff gegen Dänemark kündigte Jesus eine ausführliche Stellungnahme nach dem letzten Spiel an:
„Ich werde nach dem letzten Spiel alles erklären. Ich bin seit vielen Jahren im Fußball tätig und weiß, dass ich nichts getan habe, was die Dinge anders hätte laufen lassen müssen. Nach dem Norwegen-Spiel werden wir über dieses Thema sprechen. Ich werde mich nicht verstecken oder davor davonlaufen.“
Ronaldos Bedeutung für den portugiesischen Fußball stellte er dabei ausdrücklich außer Frage: „Niemand kann Cristiano nehmen, was er darstellt. Er ist eine Ikone, und das steht überhaupt nicht infrage.“
Mit 146 Toren in 243 Länderspielen ist Ronaldo der erfolgreichste Torschütze in der Geschichte des Verbandes.
Ronaldo fühlt sich verraten
Im Umfeld des fünfmaligen Weltfußballers sorgten die öffentlichen Aussagen des Trainers für Empörung. Nach Angaben des spanischen Journalisten Edu Aguirre von „El Chiringuito“ fühlt sich Ronaldo von Jesus verraten.
Dem Bericht zufolge betrachtet Ronaldo die Äußerungen als gezieltes Manöver des Teamchefs, um seine Macht zu demonstrieren und klarzustellen, wer innerhalb der Mannschaft die Entscheidungen trifft.
Öffentliche Unterstützung erhält Ronaldo insbesondere vom britischen Moderator Piers Morgan. Der 61-Jährige veröffentlichte mehrere Beiträge auf X, in denen er Jesus kritisierte. In einem seiner jüngsten Postings schrieb Morgan:
„Was für ein arroganter Idiot. Jesus war nie gut genug für Portugal, und jetzt ergötzt er sich daran, den Größten des Landes herabzusetzen.“
Morgan deutete zudem an, dass hinter Ronaldos Abreise weitere Gründe stecken könnten. Konkrete Einzelheiten nannte er dazu nicht.
In Portugal richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf die angekündigten Erklärungen. Sowohl Ronaldo als auch der Verband wollen in den kommenden Tagen näher zur Situation und zur Zukunft der Seleção Stellung nehmen.






