Die Dorfbar hält noch stand, aber wie lange?

Zwischen 2019 und 2025 sank die Zahl der Bars in Italien nach einer Auswertung von Confesercenti auf Basis der Handelskammerdaten von 169.839 auf 145.766. Das entspricht einem Minus von 24.073 Betrieben oder 14,2 Prozent. Rom allein verlor 2.827 Bars, mehr als ein Drittel seines Bestands und das trotz Rekordzahlen beim Tourismus. Den wirtschaftlichen Schaden für die Gemeinden beziffert der Verband auf über 7,2 Milliarden Euro in sechs Jahren, gerechnet über weniger Konsum, weniger Arbeitsplätze und geringere Steuereinnahmen.
Südtirol: Die Zahlen sagen etwas anderes
Wer die Südtiroler Zahlen ansieht, erkennt ein anderes Bild. Der Hoteliers- und Gastwirteverband HGV hat im Mai den Report des Gastronomieverbands FIPE ausgewertet. Im Vorjahr wurden in der Region Trentino-Südtirol 5.616 aktive Gastronomiebetriebe gezählt, ein leichtes Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bars und Cafés wuchsen sogar um 0,4 Prozent auf 2.210 Betriebe. Doch die Zahl hat drei Haken. Erstens misst sie etwas anderes als die italienische: Der nationale Rückgang beschreibt sechs Jahre, das Südtiroler Plus ein einziges. Zweitens umfasst sie Welsch- und Südtirol gemeinsam, eine reine Südtiroler Statistik gibt es nicht. Drittens sagt ein Plus im Gesamtbestand nichts darüber, wo die neuen Betriebe entstehen. Eine Bar mehr in der Bozner Altstadt oder in Gröden gleicht rechnerisch die Dorfbar im hintersten Seitental aus, die für immer geschlossen hat.
Und der längere Blick fällt deutlich nüchterner aus. Dieselbe Confesercenti-Auswertung weist den Rückgang auch nach Landesteilen aus. Im Nordosten Italiens gingen die Bars zwischen 2019 und 2025 um 16,3 Prozent zurück. Das ist mehr als im nationalen Durchschnitt. Ein einzelnes gutes Jahr ändert daran wenig. Auch die Stimmung passt nicht zum Plus. Die Sommererhebung des WIFO der Handelskammer Bozen vom August zeichnet ein zwiespältiges Bild, denn rund neun von zehn Betrieben im Gastgewerbe bewerten ihre Ertragslage als zufriedenstellend, doch das liegt vor allem an der Beherbergung. HGV-Präsident Klaus Berger stellt fest, dass die klassischen Gastronomiebetriebe, also Bars, Cafés und Restaurants, verhalten in die Zukunft blicken. Gerade diese Betriebe seien wichtige Ankerpunkte für das soziale Leben in den Dörfern und Tälern. Elena Messina Bonaldi, Präsidentin von Confesercenti Südtirol, verweist auf die geringere Kaufkraft von Einheimischen wie Touristen, ein Trend, der sich nahezu linear fortsetze. Der Bestand hält also, aber die Margen schrumpfen.
Nordtirol und Osttirol: Kampagne gegen das Zusperren
Österreichweit ist die Zahl der Gastronomiebetriebe laut einer Analyse von RegioData Research vom August 2026 seit dem Höchststand 2015 von rund 41.200 auf etwa 38.600 gesunken, ein Minus von gut sechs Prozent, während der Umsatz im selben Zeitraum um 56 Prozent stieg. Weniger Betriebe, mehr Geld, aber verteilt auf Systemgastronomie und Imbissstände in Toplagen, nicht auf das Gasthaus im Dorf. Der Fachverband Gastronomie in der Wirtschaftskammer Österreich stellte im April fest, dass vor allem die vielen kleinen Betriebe unter Preissteigerungen und Mitarbeiterkosten leiden, während Gästefrequenz und operatives Ergebnis unter dem Niveau vor der Pandemie bleiben. Wie ernst die Lage genommen wird, zeigt ein Blick auf die Gegenmaßnahmen. Das Land Tirol schnürte bereits im Herbst 2019 ein Maßnahmenpaket zum Erhalt der Wirtshauskultur, 2021 folgte gemeinsam mit Wirtschaftskammer, Standortagentur und Tirol Werbung die Kampagne „#dufehlst“, die Leerstände erhebt und Nachfolger sucht. Dass ein Land seit Jahren eine eigene Kampagne führt, damit Wirtshäuser nicht leer stehen, sagt mehr als jede Statistik.
Was beide Seiten verbindet
Die Ursachen sind auf beiden Seiten des Brenners dieselben: Energie, Personal, Bürokratie und ein Publikum, das weniger ausgibt. Confesercenti nennt zusätzlich das Homeoffice, das die Kundenströme in den Ortszentren ausdünnt, sowie die Konkurrenz durch Supermärkte und Lieferdienste. Dazu kommt das Alter der Wirte und die Frage, wer übernimmt, wenn die Kinder lieber etwas anderes machen.
Südtirol steht heute besser da als Italien. Aber die Zahlen, die das belegen, sind Momentaufnahmen aus dem Jahr 2025, erhoben bevor die Energiepreise im Frühjahr 2026 erneut nach oben schossen. Und der Blick über sechs Jahre zeigt, dass auch der Nordosten Betriebe verloren hat. Ob die Dorfbar das übersteht, wird sich erst in den nächsten Erhebungen zeigen. Wer den Unterschied spüren will, braucht ohnehin keine Statistik. Es reicht, an einem Dienstagabend durch ein Südtiroler Dorf zu gehen und zu schauen, wo noch Licht brennt.






