Südtirol trauert um Günther Rauch

Günther Rauch wurde 1951 in Bozen geboren. Bereits in jungen Jahren engagierte er sich politisch und gesellschaftlich. 1970 kam er im Zusammenhang mit Jugenddemonstrationen gegen die Feiern zum 4. November und gegen das faschistische Siegesdenkmal sowie bei Solidaritätsaktionen für Nelson Mandela und Angela Davis in Vorbeugehaft.
Ein wesentlicher Teil seines beruflichen Wirkens war der Arbeitnehmervertretung gewidmet. Von 1979 bis 1991 stand Rauch als Vorsitzender an der Spitze des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes in Südtirol. Später war er auch für den Europäischen Gewerkschaftsbund tätig und brachte seine Erfahrung damit auf europäischer Ebene ein.
In den darauffolgenden Jahren wechselte sein beruflicher Schwerpunkt zur Vertretung von Handel, Dienstleistungen und Handwerk. Von 1993 bis 1997 war Rauch Geschäftsführer der Handels- und Dienstleister-Fachgruppen sowie der Südtiroler Bäckerinnung und der Konditorenvereinigung. Zwischen 1998 und 2003 bekleidete er das Amt des Vizedirektors des Verbandes für Kaufleute und Dienstleister.
Beschäftigung mit Südtirols Geschichte
Neben seiner beruflichen Tätigkeit widmete sich Rauch intensiv der Geschichte und Zeitgeschichte Südtirols. Er veröffentlichte unter anderem Arbeiten zur Handelswirtschaft und zum Nahrungsmittelhandwerk sowie zahlreiche Studien und Aufsätze zur Sozial- und Arbeiterbewegung.
Weitere Themen seiner Forschung waren der Rechts- und Linksradikalismus, die betriebliche Arbeitnehmervertretung sowie die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Südtirols.
Zu seinen Veröffentlichungen zählt auch die Tirolensie „Bozner Obstplatz – Historisches und Alltägliches“, in der er die Geschichte und das gesellschaftliche Leben rund um einen der bekanntesten Plätze der Landeshauptstadt beleuchtete.
Historische Aufarbeitung
Einen Schwerpunkt seiner späteren publizistischen Arbeit bildete die Aufarbeitung weniger bekannter Kapitel der Südtiroler Zeitgeschichte.
2018 veröffentlichte Rauch gemeinsam mit dem Südtiroler Heimatbund das Buch „Italiens vergessenes Konzentrationslager ‚Campo d’Isarco‘ bei Bozen (1941–1943)“. Später folgte „KZ Campo Isarco – Tagebuch eines Wachsoldaten“.
Für diese Arbeiten trug Rauch zahlreiche historische Dokumente und Unterlagen zusammen. Dabei beschäftigte er sich mit der Existenz des Lagers und dessen Verbindungen zu den dramatischen Ereignissen jener Jahre in Südtirol.
2020 erschien gemeinsam mit weiteren Autoren das Buch „Die Deutschen brauchen keine Schulen“. Darin ging es um die deutsche Schule in Südtirol und deren Fortbestand sowie um die Verbindung dieses Themas mit der sprachlichen und kulturellen Identität des Landes.
Mit „Der Marsch auf Bozen“ veröffentlichte Rauch 2022 ein weiteres Buch. Darin setzte er sich mit Faschismus und Nationalsozialismus auseinander und stellte nach seinen Recherchen auch Verbindungen bei der Finanzierung deutscher Nationalsozialisten durch das faschistische Italien dar.
Wandel der politischen Haltung
Rauch kannte auch die ersten Jahrzehnte linker Strömungen und Bewegungen in Südtirol aus eigener Erfahrung. Im Laufe der Jahre setzte er sich zunehmend kritisch damit auseinander und distanzierte sich schließlich davon.
In seinem letzten Lebensjahrzehnt trat Rauch verstärkt als Mahner gegen eine von ihm wahrgenommene fortschreitende Italienisierung Südtirols auf und engagierte sich in verschiedenen heimatverbundenen Strömungen.
Sein Lebensweg führte damit durch unterschiedliche gesellschaftliche und politische Milieus – vom politischen Engagement in seiner Jugend über die Gewerkschaftsbewegung und Arbeitnehmervertretung bis hin zur intensiven Beschäftigung mit der Geschichte und Identität Südtirols.
Günther Rauch lebte zuletzt in Vilpian bei Terlan. Mit seinem Tod verliert Südtirol einen langjährigen Gewerkschafter und Verbandsvertreter sowie einen Publizisten und Beobachter der gesellschaftlichen und historischen Entwicklung des Landes. Seine Bücher, Forschungsarbeiten und Aufsätze sowie sein jahrzehntelanges Wirken in der Arbeitnehmer- und Wirtschaftsvertretung bleiben Teil seines Vermächtnisses.






