Wenn Schweigen die richtige Entscheidung ist

Es gibt Nachrichten, über die Journalisten berichten müssen. Und es gibt Ereignisse, bei denen gerade das Nicht-Berichten eine bewusste journalistische Entscheidung sein kann.
Suizide gehören zu dieser schwierigen Kategorie. Wer die Südtiroler Medienlandschaft beobachtet, stellt fest, dass einzelne Suizide heute nur noch sehr zurückhaltend oder überhaupt nicht thematisiert werden. Namen werden nicht genannt, Bilder nicht veröffentlicht, konkrete Umstände bleiben unerwähnt.
Das ist kein Zufall. Denn bei der Berichterstattung über Suizide geht es nicht nur darum, ob eine Information wahr ist, sondern auch darum, welche Folgen ihre Veröffentlichung haben kann.
Wenn eine Nachricht Schaden anrichten kann
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist darauf hin, dass bestimmte Formen der Suizidberichterstattung Nachahmungseffekte begünstigen können. Besonders problematisch sind detaillierte Darstellungen, Angaben zur Methode oder eine emotionalisierende beziehungsweise romantisierende Darstellung.
Das bedeutet allerdings nicht, dass über Suizid grundsätzlich geschwiegen werden soll. Im Gegenteil: Die WHO empfiehlt eine verantwortungsvolle Berichterstattung, die unter anderem Prävention, Hilfsangebote und Wege aus Krisen in den Mittelpunkt stellt.
Genau darin liegt die journalistische Gratwanderung.
Auch der Pressekodex gibt klare Regeln vor
Die Zurückhaltung ist nicht nur eine Frage des persönlichen Empfindens einzelner Redaktionen. Der seit 1. Juni 2025 geltende italienische journalistische Deontologiekodex enthält einen eigenen Artikel zu Suiziden, Suizidversuchen und selbstverletzendem Verhalten.
Er verlangt unter anderem, auf Sensationalismus zu verzichten, Motive nicht zu vereinfachen, keine detaillierten Angaben zu Ort und Art des Geschehens zu machen und die Identität Betroffener nur bei entsprechendem öffentlichen Interesse offenzulegen. Gleichzeitig sollen Journalisten Informationen über Prävention und Hilfsangebote fördern.
Wichtig ist dabei: Es gibt kein generelles Verbot, über Suizid zu berichten. Der Kodex verlangt vielmehr eine besonders verantwortungsvolle Form der Berichterstattung.
Auch wir tragen Verantwortung
Auch die Redaktion von UnserTirol24 ist sich dieser besonderen Verantwortung bewusst. Deshalb verzichten wir bei Suiziden grundsätzlich auf eine Berichterstattung, die Betroffene identifizierbar macht, konkrete Umstände oder Details des Geschehens beschreibt oder das Thema unnötig emotionalisiert. Wir halten uns dabei an die journalistischen und ethischen Grundsätze einer verantwortungsvollen Berichterstattung.
Das bedeutet aber nicht, dass wir das Thema grundsätzlich ausblenden. Wo es um Prävention, Aufklärung, psychische Gesundheit oder konkrete Hilfsangebote geht, wollen auch wir unseren Beitrag leisten.
Denn verantwortungsvoller Journalismus bedeutet aus unserer Sicht nicht, über schwierige Themen zu schweigen – sondern sehr genau abzuwägen, wie man darüber spricht. Gerade bei einem so sensiblen Thema gilt für uns: Die Verantwortung gegenüber Betroffenen und ihren Angehörigen steht über dem schnellen Klick.
Schweigen ist nicht Wegschauen
Gerade am heutigen Welttag der Suizidprävention ist dieser Unterschied wichtig. Nicht über einen einzelnen Suizid zu berichten, bedeutet nicht automatisch, das Thema zu verdrängen. Man kann sogar argumentieren, dass verantwortungsvoller Journalismus genau hier beginnt: Nicht jede Information zu veröffentlichen, nur weil sie verfügbar ist.
Ein Name kann für die Öffentlichkeit irrelevant sein. Ein genauer Ort kann für das Verständnis des Problems irrelevant sein. Ein detaillierter Ablauf kann mehr schaden als nützen.
Sehr wohl relevant ist es dagegen, über psychische Krisen, Prävention, Hilfsangebote und die gesellschaftliche Dimension des Themas zu sprechen.
Südtirol ist nicht frei von dem Problem
Dass das Thema nicht aus der Welt ist, zeigen auch die offiziellen Zahlen. Laut einer Landtagsanfrage der Süd-Tiroler Freiheit auf Basis von ASTAT-Daten wurden 2024 insgesamt 46 Suizide in der Südtiroler Wohnbevölkerung registriert. Das entspricht einer Rate von rund 9 bis 10 Fällen je 100.000 Einwohner – ein Wert, der Südtirol zwar im EU-Durchschnitt, aber über dem italienischen Durchschnitt liegen lässt. Zwischen 2020 und 2024 wurden insgesamt 252 Suizide verzeichnet, drei Viertel davon Männer.
Diese Zahlen sind für Gesundheitspolitik und Prävention wichtig. Sie sind aber kein Grund, aus dem Schicksal eines einzelnen Menschen eine dramatische Nachricht zu machen.
Eine Statistik kann ein Problem sichtbar machen, ohne einen einzelnen Menschen zum Medienereignis zu machen.
Die bessere Geschichte ist vielleicht die über Hilfe
Das Motto des diesjährigen Welttages lautet „Changing the narrative on suicide“ („Die Art und Weise, wie über Suizid gesprochen wird, verändern“). Die WHO ruft damit dazu auf, die Kommunikation über Suizid zu verändern – weg von Stigma und Schweigen, hin zu Offenheit, Empathie und Unterstützung.
Für Medien bedeutet das: Vielleicht ist nicht die Frage entscheidend, was passiert ist, sondern vielmehr, was Menschen in einer Krise helfen kann. Wie erkennt man, dass es einem Angehörigen nicht gut geht? Wie spricht man jemanden an, um den man sich Sorgen macht? Wo gibt es professionelle Hilfe?
Wer in Südtirol selbst betroffen ist oder sich um jemanden sorgt, findet rund um die Uhr Unterstützung: Das Psychologische Krisentelefon ist unter der Grünen Nummer 800 101 800 an sieben Tagen die Woche erreichbar, die Telefonseelsorge unter 0471 052 052 – ergänzt durch Online- und Mailberatung über www.telefonseelsorge.bz.it. Weitere Informationen und Anlaufstellen bieten www.suizid-praevention.it und www.dubistnichtallein.it.
Die WHO empfiehlt Medien ausdrücklich, neben den Risiken unangemessener Berichterstattung auch Hoffnung, Bewältigung und Wege aus Krisen stärker in den Mittelpunkt zu stellen.
Nicht jede wahre Nachricht ist eine gute Nachricht
Als Nachrichtenportal stehen wir bei diesem Thema vor einem besonderen journalistischen Dilemma. Journalismus soll informieren. Aber Journalismus trägt auch Verantwortung dafür, wie informiert wird.
Deshalb kann es richtig sein, eine Nachricht wegzulassen. Und es kann genauso richtig sein, einen Artikel zu veröffentlichen. Der entscheidende Unterschied liegt im Zweck der Berichterstattung: Macht sie aus einem persönlichen Schicksal eine Schlagzeile – oder hilft sie dabei, ein gesellschaftliches Problem besser zu verstehen und Menschen zu erreichen, die Unterstützung brauchen?
Am heutigen Welttag der Suizidprävention ist vielleicht genau das die wichtigste Frage: Wie können wir darüber berichten, ohne jemandem zu schaden – und vielleicht sogar jemandem zu helfen?






