von Alexander Wurzer 29.08.2026 08:00 Uhr

Warum kann man in Südtirol nicht einfach auf Deutsch studieren?

Südtirol fehlen deutschsprachige Fachkräfte. Gleichzeitig verlassen immer mehr gut ausgebildete junge Südtiroler das Land – viele bereits zum Studium. Ausgerechnet an der eigenen, überwiegend vom Land finanzierten Universität war Deutsch zuletzt jedoch die am wenigsten verwendete der drei großen Unterrichtssprachen. Dabei zeigt die Uni Bozen selbst, wie es anders gehen könnte.

Foto: Universität Bozen

Südtirol sucht Fachkräfte. Unternehmen finden keine Mitarbeiter, öffentliche Arbeitgeber kämpfen um Personal und besonders im Gesundheitswesen ist der Mangel inzwischen so groß, dass er unmittelbar an einem der Grundpfeiler der Südtiroler Autonomie rüttelt: dem ethnischen Proporz.

Das Problem ist also bekannt. Die Frage ist nur, ob Südtirol an der richtigen Stelle ansetzt. Denn während man fertige deutschsprachige Fachkräfte mühsam aus Österreich und Deutschland anwerben will, verlassen gleichzeitig Tausende junge Südtiroler das Land, um genau dort ihre Ausbildung zu absolvieren. Und wer einmal gegangen ist, kommt längst nicht immer zurück.

Deutsch ist an der Uni Schlusslicht

Dabei verfügt Südtirol seit fast drei Jahrzehnten über eine eigene Universität. Eine Universität, die sich mit ihrer Mehrsprachigkeit schmückt. Nur: Ausgerechnet die deutsche Sprache gerät dabei ins Hintertreffen.

Bereits offizielle Zahlen für das Studienjahr 2023/24 zeichneten ein deutliches Bild. Von 971 nach Deutsch, Italienisch und Englisch ausgewiesenen Lehrveranstaltungen wurden 443 auf Englisch angeboten, 291 auf Italienisch und lediglich 237 auf Deutsch. Das entsprach rund 45,6 Prozent Englisch, 30 Prozent Italienisch und nur 24,4 Prozent Deutsch. Deutsch war somit ausgerechnet an der Universität eines mehrheitlich deutschsprachigen Landes die am wenigsten vertretene dieser drei Unterrichtssprachen.

Auch im heutigen Studienangebot zeigt sich die starke Stellung des Englischen. Die Universität selbst schreibt, dass ihre Bachelorstudiengänge dreisprachig geführt werden, gleichzeitig aber die Mehrheit der Masterstudiengänge ausschließlich auf Englisch unterrichtet wird. Gerade in technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen finden sich heute zahlreiche rein englischsprachige Masterstudien, etwa in Industrie- und Maschineningenieurwesen, Energieingenieurwesen, Software Engineering, Computing for Data Science oder Smart Sustainable Agriculture.

Das mag aus internationaler Hochschulperspektive modern erscheinen. Aus Südtiroler Perspektive darf trotzdem gefragt werden, ob eine solche Ausrichtung den Bedürfnissen des Landes ausreichend Rechnung trägt.

Zumal die Universität keine rein privat finanzierte internationale Hochschule ist. Ihr Budget belief sich 2024 auf rund 104,6 Millionen Euro. Davon kamen rund 84,9 Millionen Euro beziehungsweise 81,2 Prozent von der Autonomen Provinz Bozen.

Wer eine Universität in diesem Ausmaß mit Landesmitteln finanziert, darf auch darüber diskutieren, welchen strategischen Auftrag sie für Südtirol erfüllen soll.

Doppelt so viele Südtiroler Studenten in Innsbruck als an der Universität Bozen

Denn eine gemeinsame Untersuchung von ASTAT, AFI und der Universität Innsbruck unter Südtiroler Studenten und Jungakademikern identifizierte neben der Qualität des Studienangebotes und der geografischen Nähe ausdrücklich „die Möglichkeit, in der Muttersprache zu studieren“ als einen der ausschlaggebenden Faktoren bei der Wahl des Studienortes. Die Untersuchung stammt zwar aus dem Jahr 2008, zeigt aber, dass dieser Zusammenhang keineswegs eine frei erfundene Behauptung ist. Denn allein in Innsbruck waren im akademischen Jahr 2024/2025 mehr als doppelt so viele Südtiroler Studenten inskribiert als in Bozen.

Für einen Absolventen einer deutschen Südtiroler Oberschule ist Innsbruck deshalb naheliegend. Er zieht über den Brenner, kann dort sein Studium in der Sprache absolvieren, in der er zuvor dreizehn Jahre lang ausgebildet wurde, und befindet sich gleichzeitig in einem kulturellen und sprachlichen Umfeld, das ihm vertraut ist. Er wechselt den Wohnort. Seine Bildungssprache muss er nicht wechseln.

Die eigene Uni liefert das beste Argument

Dabei gibt es noch einen Punkt, der die Diskussion besonders interessant macht. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2022 hat anhand von Daten der Freien Universität Bozen selbst untersucht, wie sich die Unterrichts- beziehungsweise Prüfungssprache auf die Leistungen der Studenten auswirkt. Die Forscher Juliana Bernhofer und Mirco Tonin verglichen dafür Studenten deutscher und italienischer Muttersprache, die Prüfungen auf Deutsch, Italienisch oder Englisch absolvierten.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Wurde eine Prüfung nicht in der Muttersprache abgelegt, lagen die Prüfungsleistungen im Durchschnitt rund 9,5 Prozent niedriger. Gleichzeitig stieg die Wahrscheinlichkeit, eine Prüfung nicht zu bestehen. Selbst sehr gute Sprachkenntnisse auf C1- oder C2-Niveau verringerten den Nachteil zwar, beseitigten ihn aber nicht vollständig.

Damit zeigt die Untersuchung einen wichtigen Unterschied, der in Südtirol gerne verwischt wird: Eine Fremdsprache zu lernen ist nicht dasselbe, wie ein komplexes Fachgebiet in einer Fremdsprache erlernen zu müssen.

Ein Arzt in Südtirol muss Deutsch und Italienisch können. Ein Wissenschaftler muss internationale Fachliteratur verstehen. Doch daraus folgt keineswegs zwingend, dass das eigentliche Fachstudium überwiegend in einer Fremdsprache stattfinden muss. Genau diese Unterscheidung kennt Südtirol bei seinen Schulen seit Jahrzehnten.

Warum endet die Muttersprache mit der Matura?

Ein Schüler einer deutschen Schule lernt Italienisch und Englisch. Trotzdem wird Mathematik auf Deutsch unterrichtet, Geschichte auf Deutsch, Biologie auf Deutsch und Physik auf Deutsch. In der italienischen Schule gilt dasselbe Prinzip mit umgekehrten Vorzeichen.

Das Südtiroler Schulsystem geht also davon aus, dass Fachwissen grundsätzlich in der jeweiligen Unterrichtssprache vermittelt wird, während die anderen Landessprachen und Fremdsprachen zusätzlich erlernt werden. Warum sollte dieses Prinzip mit der Matura plötzlich falsch sein?

Warum kann ein junger Südtiroler dreizehn Jahre lang seine Ausbildung auf Deutsch absolvieren, muss dann aber vielfach nach Innsbruck, Wien, Graz oder Deutschland gehen, wenn er auch sein Fachstudium weitgehend in deutscher Sprache absolvieren möchte?

Dabei müsste die Freie Universität Bozen das Modell nicht einmal neu erfinden. Sie praktiziert es bereits.

Bei den Lehrern geht es doch auch

Beim fünfjährigen Studium der Bildungswissenschaften für den Primarbereich gibt es an der Universität Bozen eine deutsche, eine italienische und eine ladinische Abteilung.

In der deutschen Abteilung ist Deutsch die Hauptunterrichtssprache. Gleichzeitig müssen mindestens 30 Kreditpunkte auf Italienisch und mindestens 15 auf Englisch absolviert werden. In der italienischen Abteilung ist Italienisch die Hauptunterrichtssprache, ergänzt durch mindestens 30 Kreditpunkte Deutsch und 15 Kreditpunkte Englisch. Für die ladinische Abteilung gelten wiederum eigene mehrsprachige Vorgaben.

Und genau darin könnte ein Modell für weitere Studienrichtungen liegen. Warum sollten nicht jeweils ein deutschsprachiger und ein italienischsprachiger Studienzweig angeboten werden?

Nicht nach ethnischer Zugehörigkeit getrennt, sondern nach Unterrichtssprache – und selbstverständlich offen für jeden, der die entsprechenden sprachlichen Voraussetzungen erfüllt. Englisch müsste deshalb keineswegs verschwinden. Englische Fachmodule, internationale Lehrveranstaltungen, Gastprofessoren, Austauschsemester und Sprachkurse könnten weiterhin selbstverständlich dazugehören. Mehrsprachigkeit würde erhalten bleiben. Nur müsste die Muttersprache dem Internationalisierungsanspruch nicht länger untergeordnet werden.

Der Brain Drain wird immer größer

Denn während Südtirol über Fachkräftemangel diskutiert, verschärft sich die Abwanderung. Unter dem Strich ziehen pro Jahr etwa 800 Südtiroler mehr nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz, als Menschen aus diesen Ländern nach Südtirol kommen.

Besonders alarmierend ist der Zusammenhang mit der Ausbildung. Unter jungen Menschen mit Lehre oder beruflicher Landesfachschule liegt der Auswandereranteil laut Arbeitsmarktservice bei neun Prozent. Bei Maturanten sind es bereits 24 Prozent. Gute Maturanten wandern sogar überproportional häufig ab.

Noch bemerkenswerter für die Sprachdebatte: Die Arbeitsmarktbeobachtung stellte bereits 2024 fest, dass Absolventen italienischsprachiger Schulen zehn Jahre nach der Matura in allen untersuchten Schultypen häufiger in Südtirol beschäftigt waren als Absolventen deutscher Schulen. Abteilungsdirektor Stefan Luther verwies ausdrücklich auf die Schulsprache als wesentlichen Faktor und stellte fest, dass gerade Absolventen von Schulen mit deutscher Unterrichtssprache Südtirol den Rücken kehren. Zudem bleiben laut Arbeitsmarktbeobachtung nicht wenige Studenten nach ihrer Ausbildung an ihren Studienorten außerhalb Südtirols.

Und auch die Rückkehr ist keineswegs selbstverständlich. Von jenen in Südtirol Geborenen, die zwischen 2011 und 2015 ausgewandert waren, waren zehn Jahre später nur rund 25 Prozent wieder in Südtirol gemeldet.

Natürlich liegt das nicht allein an der Universität. Südtirol hat ein Lohnproblem, ein Wohnkostenproblem und in manchen Bereichen auch ein Karriereproblem. Hohe Immobilien- und Lebensmittelkosten bei Löhnen, die vielfach nicht mit den Nachbarregionen mithalten können, sind unbestritten ein begrenzender Faktor.

Wer mit 19 Jahren nach Innsbruck, Wien oder München zieht, baut dort außerdem ein neues Leben auf. Es entstehen Freundeskreise, berufliche Netzwerke und erste Kontakte zu Arbeitgebern. Private Bindungen können hinzukommen. Wer nach dem Studium bereits einen attraktiven Arbeitsplatz gefunden hat, muss einen guten Grund haben, wieder nach Südtirol zurückzukehren.

Umso wichtiger wäre es, zumindest jenen jungen Menschen eine echte Alternative zu bieten, deren gewünschtes Fach auch in Südtirol angeboten werden könnte.

Wer hier studiert, arbeitet häufiger hier

Dass der Studienort für den späteren Arbeitsmarkt keineswegs bedeutungslos ist, zeigen sogar Daten der Universität selbst. Eine interne Analyse der Uni Bozen gemeinsam mit dem Amt für Arbeitsmarktdaten untersuchte Bachelorabsolventen der Jahre 2017 bis 2021. Im Durchschnitt hatten 60 Prozent nach ihrem Studienabschluss zumindest einmal eine Arbeitsstelle in Südtirol. Betrachtete man ausschließlich die Südtiroler Studenten, stieg dieser Anteil auf 88 Prozent. Die Universität leitet daraus selbst ab, dass bei einem Studium an der Uni Bozen die Wahrscheinlichkeit einer späteren Beschäftigung in Südtirol höher ist als nach einem Studium außerhalb des Landes.

Genau deshalb ist Hochschulpolitik auch Standortpolitik. Wer in Südtirol studiert, absolviert hier Praktika, lernt hiesige Unternehmen kennen, baut berufliche Netzwerke auf und behält sein soziales Umfeld im Land. Wer hingegen zuerst zum Studium wegzieht, muss später erst wieder zurückgewonnen werden.

Erst wegschicken – dann im Ausland anwerben

Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht nur: Wie bekommen wir den 30-jährigen Ingenieur, Arzt oder Informatiker aus Österreich nach Südtirol?

Sie lautet auch: Was können wir tun, damit der 19-jährige Südtiroler, der einmal Ingenieur, Informatiker oder Naturwissenschaftler werden will, gar nicht erst dauerhaft weggeht?

Eine Antwort könnte unmittelbar vor unserer Haustür liegen. Die Freie Universität Bozen sollte stärker eine Universität für Südtirol werden. Dazu gehört die ernsthafte Diskussion darüber, in den Studienrichtungen stärker nach jenem Modell zu arbeiten, das bei der Lehrerausbildung längst Realität ist: Fachausbildung vorwiegend auf Deutsch oder Italienisch mit zusätzlichen Angeboten in der jeweils anderen Sprache und Englisch. Das wäre keine Absage an die Mehrsprachigkeit. Es wäre die Verbindung von Mehrsprachigkeit und Minderheitenschutz.

Vor allem aber wäre es eine Investition in jene Menschen, über deren Fehlen Südtirol anschließend jahrelang klagt. Denn jede Fachkraft, die Südtirol gar nicht erst verliert, muss es später auch nicht mühsam zurückholen.

Jetzt
,
oder
oder mit versenden.

Es gibt neue Nachrichten auf der Startseite