„Berufswanderkarten“: Neue Wegweiser für Südtirols Arbeitsmarkt?

Wie das Arbeitsförderungsinstitut (AFI) mitteilt, stellen der demografische Wandel, die Digitalisierung und der Klimawandel den Südtiroler Arbeitsmarkt vor große Aufgaben. Das AFI hat das Modell der „Berufswanderkarten“ der Arbeiterkammer Wien studiert und hält es auch für Südtirol für geeignet. Aktuell zeichne sich eine paradoxe Entwicklung ab, so das Institut: Während bestimmte Tätigkeiten etwa durch Künstliche Intelligenz unter Druck geraten, würden in anderen Branchen händeringend Fachkräfte gesucht. Oft fehlten den Unternehmen dabei nicht nur Mitarbeitende, sondern ganz bestimmte Fähigkeiten.
Genau hier setzen die „Berufswanderkarten“ an. Sie machen laut AFI sichtbar, dass die inhaltliche Lücke zwischen einem alten und einem neuen Beruf oft erstaunlich klein ist. Statt bei null anzufangen, zeigen sie konkrete Umstiegspfade auf, bei denen bestehendes Praxiswissen weiterverwendet wird.
Eigene Routen für Südtirol nötig
Das Wiener Konzept liefere zwar wertvolle Hinweise, gute Karten müssten aber auch zum Gelände passen, betont das AFI. Die Besonderheiten der Südtiroler Wirtschaftsstruktur und Bildungslandschaft verlangten nach eigenen, lokalen Wanderrouten.
Dafür gelte es, gefährdete Berufe und künftige Engpässe möglichst früh zu erkennen. Anschließend müsse ermittelt werden, wo sich Berufsinhalte und Kompetenzen überschneiden und passende Aus- und Weiterbildungsangebote geschaffen werden.
Anerkennung und Absicherung als Schlüssel
Damit „Berufswanderungen“ gelingen, müssten zeitliche und organisatorische Hürden abgebaut werden, so das Institut. Ein wichtiger Hebel sei die leichtere Anerkennung von vorhandenem Können. Egal ob aus einer anderen Ausbildung oder „on the job“ erlernt. Wie das funktionieren kann, zeigt laut AFI eine aktuelle Initiative: Quereinsteiger in der Elektrotechnik können mit teilweiser Anrechnung ihrer Berufserfahrung berufsbegleitend einen Lehrabschluss nachholen. Genau in diese Richtung müsse man weiterdenken, betont AFI-Mitarbeiter Michael Paler.
Ein weiterer entscheidender Faktor sei die finanzielle Absicherung. Umschulungskosten und Verdienstausfall seien für Arbeitnehmer oft unüberwindbare Barrieren. Nötig seien daher Fördermodelle zur Einkommenssicherung sowie Möglichkeiten zur temporären Arbeitszeitreduzierung, damit Beschäftigte für eine Weiterbildung nicht ihren Job aufgeben müssten.
Auch kleine Betriebe im Blick
Mitgedacht werden müsse auch die Perspektive der Unternehmen, insbesondere der vielen kleinen und mittleren Betriebe. Für Kleinbetriebe sei die Freistellung von Mitarbeitenden oft kaum stemmbar. Weiterbildungsformate müssten daher flexibel sein und sich in betriebliche Abläufe integrieren lassen, etwa durch die Nutzung saisonaler Randzeiten.
Ein besonderes Dilemma entstehe bei komplettem Berufswechsel: Für Unternehmen sei es wirtschaftlich wenig sinnvoll, Freistellungen zu unterstützen, wenn die Arbeitskraft den Betrieb danach verlasse. Hier brauche es faire Ausgleichsmodelle und überbetriebliche Fonds.






