Jede vierte Hausarztstelle ist leer

Die Zahlen des Sanitätsbetriebs sprechen für sich. In Südtirol gibt es derzeit 257 aktive Hausärzte, gleichzeitig sind 75 Stellen unbesetzt. Das bedeutet, dass fast ein Viertel aller Hausarztstellen im Land leer steht. Im Gesundheitsbezirk Bozen arbeiten 128 Ärzte, 25 Stellen sind nur vorläufig besetzt.
Und die Lage dürfte sich weiter zuspitzen. Laut Berechnungen der Südtiroler Ärztekammer gehen bis 2031 mehr als 100 Hausärzte in Pension. Wie schnell das für Patienten spürbar wird, zeigte sich im vergangenen November: Innerhalb weniger Tage gaben drei junge Ärzte ihre Stellen in Bozen auf, rund 3.500 Patienten mussten sich überraschend einen neuen Hausarzt suchen. Angesichts solcher Zahlen wird der Ruf nach der Politik laut. Doch in einer Stellungnahme von dieser Woche verweist der Sanitätsbetrieb auf einen Punkt, der die Sache erklären soll: Die Besetzung einzelner Hausarztstellen falle nicht in die direkte Zuständigkeit des Landesrates.
Der Grund liege im System. Hausärzte sind in Italien und damit auch in Südtirol freiberuflich tätige, konventionierte Ärzte. Sie stehen nicht in einem Anstellungsverhältnis mit dem Sanitätsbetrieb und entscheiden innerhalb ihres Einzugsgebiets eigenverantwortlich, wo sie ihr Ambulatorium eröffnen. Eine Verpflichtung, eine bestimmte Stelle zu übernehmen, ist rechtlich nicht vorgesehen. Freie Stellen können also ausgeschrieben werden, besetzen muss sie aber jemand freiwillig. Die Verantwortung für die Organisation der wohnortnahen Versorgung liegt laut Sanitätsbetrieb bei den Gesundheitsbezirken, deren Direktoren die Lage vor Ort am besten kennen. Die eigentliche Herausforderung bestehe nicht in der Ausschreibung der Stellen, sondern darin, Ärzte für bestimmte Gebiete zu gewinnen und langfristig zu halten.
Warum junge Ärzte den Beruf meiden
Das Südtiroler Institut für Allgemeinmedizin hat dazu Medizinstudenten und Ärzte in Ausbildung befragt. Genannt wurden unter anderem zu wenig Zusatzdiagnostik in den Praxen, etwa Ultraschall, EKG oder Spirometrie, sowie der enorme bürokratische Aufwand, der wenig Zeit für die Patienten lässt. Dazu komme das schlechte Image: Von Fachkollegen und der Politik würden Hausärzte oft als zweitklassige Mediziner betrachtet.
„Junge Ärzte wollen keine Bürokraten sein“, fasst Giuliano Piccoliori, wissenschaftlicher Leiter des Instituts, zusammen. Sie wollen im Team arbeiten, moderne Diagnostik nutzen und vor allem Zeit für ihre Patienten haben. Das alte Modell des allein arbeitenden Hausarztes passe nicht mehr zu ihren Berufsvorstellungen. Ein weiterer Faktor ist das Geld. Das durchschnittliche Bruttoeinstiegsgehalt für Hausärzte liegt in Italien bei rund 32.000 Euro im Jahr. Im Wettbewerb mit dem nahen Ausland ist das wenig.
Wenn im Tal kein deutschsprachiger Arzt mehr ist
Wie sich der Mangel im Alltag auswirkt, zeigt das Beispiel Tauferer Ahrntal. Laut dem geltenden Betreuungsschlüssel wären in den fünf Gemeinden zwölf Hausärzte vorgesehen, tatsächlich sind nur sechs Stellen besetzt, davon lediglich eine unbefristet. Auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Bernhard Zimmerhofer antwortete Gesundheitslandesrat Hubert Messner, dass es für die freien Stellen im Ahrntal keine deutschsprachigen Anwärter gebe und bislang nur italienischsprachige Kandidaten Interesse bekundet hätten. Bei befristeten Aufträgen sei der Nachweis der Zweisprachigkeit keine Zugangsvoraussetzung.
Auch die Suche nach einem neuen Arzt ist für viele mühsam. Als in Bozen mehrere Ärzte gleichzeitig aufhörten, war die Liste der verfügbaren Ärzte zeitweise nahezu leer. Besonders ältere Menschen taten sich schwer, weil sie mit der Anmeldung per SPID nicht zurechtkommen und ihre Kinder um Hilfe bitten mussten.
Die Hoffnung Gemeinschaftshäuser
Als Antwort setzt das Land auf die neuen Gemeinschaftshäuser. Diese ersetzen laut Sanitätsbetrieb die Hausärzte nicht, könnten aber bei kurzfristigen Anliegen unterstützen und bestehende Strukturen entlasten. Dazu kam die einheitliche Gesundheitsnummer 116117, die rund um die Uhr erreichbar sein soll und zunächst im Bezirk Bozen erprobt wird.
Ob das reicht, ist offen. Laut einer Erhebung der Stiftung GIMBE waren italienweit von 1.715 geplanten Einrichtungen erst 66 vollständig in Betrieb, also weniger als vier Prozent. Südtirol zählte dabei gemeinsam mit der Basilicata noch keine einzige aktive Struktur und lag damit am Ende der Skala. Auch unter den Ärzten selbst ist die Skepsis groß. Laut einer Landtagsanfrage hatten bislang nur drei Ärzte die neuen Verträge unterschrieben, die zusätzlich zur eigenen Praxis Dienste im Gemeinschaftshaus vorsehen.






