Der „Applaus der Faschisten“ für Bianchi

Wer seine rund siebenminütige Wortmeldung aufmerksam verfolgt, gewinnt den Eindruck, als sei nicht die jahrzehntelang bedrängte Minderheit das eigentliche Thema Südtirols, sondern jene, die es wagen, auf ihre Geschichte und ihre verbrieften Rechte hinzuweisen.
Man reibt sich verwundert die Augen. Denn Bianchi wirft der Süd-Tiroler Freiheit vor, Spannungen zu schüren und die italienische Sprachgruppe als unerwünscht darzustellen. Tatsächlich vermittelt seine Rede jedoch ein Staatsverständnis, in dem die Zugehörigkeit zum italienischen Nationalstaat über der historischen Besonderheit Südtirols und dem Charakter der deutschen und ladinischen Volksgruppe als geschützte Minderheiten steht.
Die Minderheitenfrage auf den Kopf gestellt
Der wohl gravierendste Widerspruch seiner Rede liegt darin, dass Bianchi die Geschichte der Südtirol-Autonomie praktisch umkehrt.
Über sieben Minuten spricht er fast ausschließlich über die Befindlichkeiten der italienischen Volksgruppe. Dass die Autonomie überhaupt geschaffen wurde, um die deutsche und ladinische Minderheit vor staatlicher Assimilation zu schützen, kommt dagegen praktisch nicht vor.
Dabei ist genau das der historische Ausgangspunkt. Die Südtirol-Autonomie entstand nicht, weil Rom den Bürgern dieser Provinz großzügig Rechte einräumen wollte. Sie entstand nach Jahrzehnten der systematischen Italianisierung, des Verbots der deutschen Sprache, der Schließung deutscher Schulen, des darauf folgenden Freiheitskampfes tapferer Tiroler und massiven internationalen Drucks Österreichs. Das Pariser Abkommen, das Autonomiepaket und schließlich das Zweite Autonomiestatut waren die Antwort auf ein Minderheitenproblem – nicht auf ein Problem der italienischen Mehrheitsnation.
Gerade deshalb verwundert es, dass Bianchi diesen historischen Hintergrund nahezu vollständig ausblendet.
"Du bist Italiener" – Nein, Herr Bianchi
Besonders aufschlussreich ist eine Aussage, die Bianchi direkt an Sven Knoll richtet:
„Du bist Italiener. Die Verfassung sagt das.“
Nein. Die italienische Verfassung regelt die Staatsangehörigkeit. Sie schreibt keinem Menschen seine nationale oder kulturelle Identität vor.
Gerade deshalb gibt es staatliche Minderheiten. Ein deutschsprachiger Südtiroler muss sich kulturell nicht als Italiener verstehen, nur weil er die italienische Staatsbürgerschaft besitzt. Dass ein Landesrat diesen fundamentalen Unterschied zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit verwischt, zeigt, wie wenig Verständnis er offenbar für das Wesen des Minderheitenschutzes besitzt.
Es gibt keine Italianisierung?
Ebenso kategorisch erklärt Bianchi jede Sorge vor einer Italianisierung zur „riesigen Lüge“.
Doch genau darüber wird seit Jahrzehnten politisch diskutiert. Viele Südtiroler verbinden mit dem Begriff Italianisierung eben nicht bloß Bevölkerungsstatistiken, sondern auch sprachliche, kulturelle und institutionelle Entwicklungen: staatliche Symbolik, Ortsnamen, Sprachrechte, Zentralisierungstendenzen oder demografische Veränderungen.
Man kann diese Sorgen teilen oder nicht. Sie pauschal als „riesige Lüge“ abzutun, ersetzt jedoch keine sachliche Auseinandersetzung.
Wer schürt hier wirklich Spannungen?
Bianchi zeichnet in seiner Rede immer wieder das Bild, als würden heimatbewusste Parteien die italienische Sprachgruppe grundsätzlich ablehnen. Doch wer den Schutz einer Minderheit einfordert, greift damit nicht automatisch eine andere Volksgruppe an.
Der Wunsch, Sprache, Kultur und Identität dauerhaft zu bewahren, ist kein Angriff auf italienischsprachige Mitbürger. Er ist vielmehr jener Gedanke, auf dem die Südtirol-Autonomie überhaupt errichtet wurde.
Indem Bianchi jede Debatte über Minderheitenschutz als Angriff auf die Italiener interpretiert, trägt er selbst zur Polarisisierung bei, die er seinen politischen Gegnern vorwirft.
Nicht im Namen aller Italiener
Am Ende seiner Rede erklärt Christian Bianchi schließlich, er spreche „im Namen der Italiener Südtirols“.
Ein bemerkenswerter Anspruch. Tatsächlich erhielt Bianchi bei der Landtagswahl 2023 genau 3.098 Vorzugsstimmen. Gemessen an den 121.520 Angehörigen der italienischen Sprachgruppe laut aktueller Sprachgruppenzählung entspricht das rechnerisch rund 2,5 Prozent.
Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, wie viele italienischsprachige Südtiroler seine politischen Positionen teilen. Ein Mandat, für eine gesamte Sprachgruppe zu sprechen, lässt sich daraus allerdings ebenso wenig ableiten.
Vielleicht erklärt gerade diese Rede besser als viele historische Vorträge, weshalb der Minderheitenschutz in Südtirol auch mehr als hundert Jahre nach der Annexion nichts von seiner Bedeutung verloren hat. Wer die Existenz einer staatlichen Minderheit fast ausschließlich durch die Brille des italienischen Nationalstaates betrachtet, liefert unfreiwillig das stärkste Argument dafür, warum diese Schutzmechanismen niemals selbstverständlich werden dürfen.
Als nach Bianchis Rede schließlich nur verhaltener Applaus von wenigen Zuhörern aufkam, kommentierte Sven Knoll die Szene mit den hämischen Worten: „Der Applaus der Faschisten.“
Ob man diese Wortwahl teilt oder nicht – sie bringt eines auf den Punkt: Bianchis Rede war alles andere als ein versöhnlicher Beitrag zum Zusammenleben der Sprachgruppen. Sie war ein leidenschaftliches Bekenntnis zum italienischen Nationalstaat und ließ jenes historische Fundament nahezu vollständig vermissen, auf dem die Südtirol-Autonomie errichtet wurde: den Schutz der deutschen und ladinischen Minderheit vor den Übergriffen eben dieses Nationalstaates.
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