Mehrsprachige Schule im Landtag abgelehnt

Der Landesgesetzentwurf Nr. 2/23 zur Einführung einer „mehrsprachigen Schule als Zusatzangebot“ ist im Südtiroler Landtag gescheitert. Der von den Grünen-Abgeordneten Brigitte Foppa, Zeno Oberkofler und Madeleine Rohrer vorgelegte Entwurf wurde nach langer und teils heftiger Debatte nicht in die Artikeldebatte übergeführt.
Am Ende fiel das Ergebnis deutlich aus: Der Übergang zur Artikeldebatte wurde mit 10 Ja-Stimmen, 24 Nein-Stimmen und einer Enthaltung abgelehnt. Damit ist die Behandlung des Gesetzentwurfs abgeschlossen.
Heftige Debatte um die deutsche Schule
Der Gesetzentwurf war bereits in der Februar-Sitzung 2026 teilweise behandelt worden. Weil die Oppositionszeit zu Ende war, wurde die Generaldebatte damals unterbrochen und in der Mai-Sitzungsfolge wieder aufgenommen. Nachdem auch dort die Zeit der Opposition nicht ausreichte, wurde die Debatte nun fortgesetzt.
Im Zentrum stand die Frage, ob ein mehrsprachiges Schulmodell – auch wenn es nur als freiwilliges Zusatzangebot gedacht ist – langfristig den muttersprachlichen Unterricht und damit einen zentralen Pfeiler der Südtiroler Autonomie schwächen könnte.
Die Befürworter des Entwurfs betonten, dass niemandem etwas weggenommen werde. Es handle sich um ein freiwilliges Modell, das nur dort eingerichtet werden solle, wo genügend Einschreibungen vorhanden seien. Die muttersprachliche Schule bleibe laut Vorschlag gesichert.
Kritiker sahen das anders. Gerade in Südtirol sei die Schule nicht irgendein Verwaltungsbereich, sondern ein Kernstück des Minderheitenschutzes. Die getrennte muttersprachliche Schule wurde nicht zufällig in der Autonomie verankert, sondern als Schutzmechanismus für die deutsche und ladinische Sprachgruppe.
Foppa spricht von überzogener Kritik
In ihrer abschließenden Stellungnahme zeigte sich Erstunterzeichnerin Brigitte Foppa getroffen vom Verlauf der Debatte. Es sei so getan worden, als würde mit dem frei wählbaren Zusatzmodell der muttersprachliche Unterricht ausgehebelt. Aus ihrer Sicht sei die Kritik „völlig überzogen“ gewesen.
Foppa verglich den Vorschlag auch mit dem paritätischen (gleichwertig zweisprachigen) Schulmodell der Ladiner. Als die Väter der Autonomie das paritätische Modell für die Ladiner festgeschrieben hätten, habe niemand daran gedacht, damit das Ladinische kaputtzumachen. Vielmehr sei es darum gegangen, die Ladiner an die anderen Sprachgruppen im Land anzubinden. Dieses Modell sei vorausschauend gewesen, so Foppa.
Für die Grünen sei der Gesetzentwurf daher ein Angebot gewesen: Dort, wo Familien es wünschen und Schulen ein entsprechendes pädagogisches Konzept entwickeln, solle Mehrsprachigkeit ermöglicht werden.
Achammer wollte Stellung nehmen
Bildungslandesrat Philipp Achammer meldete sich im Verlauf der Sitzung zum Fortgang der Arbeiten zu Wort und erklärte, die Landesregierung habe noch keine Replik abgegeben und würde gerne Stellung nehmen.
Landtagspräsident Angelo Gennaccaro verwies jedoch darauf, dass der Gesetzentwurf von der Abgeordneten Foppa eingebracht worden sei und deshalb keine Replik der Landesregierung vorgesehen sei.
Auch Sven Knoll von der Süd-Tiroler Freiheit meldete sich in persönlicher Angelegenheit zu Wort. Er stellte klar, Foppa nicht als „Hexe“ bezeichnet zu haben. Seine Argumentation habe ihn vielmehr an die Geschichte von Hänsel und Gretel erinnert, nicht die Abgeordnete selbst.
Ein klares Stoppschild für die Befürworter
Die deutliche Ablehnung im Landtag ist weit mehr als eine bloße Niederlage für einen einzelnen Gesetzentwurf. Sie fungiert als politisches Stoppschild gegen jene Versuche, das Südtiroler Schulsystem unter dem wohlklingenden Schlagwort der Mehrsprachigkeit Schritt für Schritt umzubauen. Das Abstimmungsergebnis von 24 Nein-Stimmen zeigt unmissverständlich: Eine solide Mehrheit im Plenum erkennt, wie sensibel dieser Bereich ist. Die muttersprachliche Schule wird von den Gegnern des Entwurfs nicht als Feld für pädagogische Experimente oder ideologische Projekte gesehen, sondern als unantastbares Kernstück des Minderheitenschutzes.
Wer diese klare sprachliche Ordnung aufweicht, greift aus Sicht der Kritiker eben nicht nur in Stundenpläne und Unterrichtsmodelle ein, sondern berührt das Fundament der Südtiroler Autonomie.
Die Krux mit der Freiwilligkeit
Gerade das Argument der Freiwilligkeit klingt auf den ersten Blick harmlos und modern. Doch bei schulpolitischen Fragen in einer Minderheitenregion greift dieser Ansatz zu kurz. Was heute als unverbindliches Zusatzangebot beginnt, so die Befürchtung der Denkschule hinter dem Nein, kann morgen schon zu einem enormen gesellschaftlichen Erwartungsdruck führen – auf Eltern, auf Schulen und am Ende auf das gesamte Bildungssystem. Wer sich dem neuen Modell dann nicht anschließt, läuft Gefahr, rasch als rückständig oder engstirnig abgestempelt zu werden.
Die eigentliche Sprengkraft liegt daher nicht im Gesetzestext selbst, sondern in der Richtung, die damit eingeschlagen würde. Eine schleichende Aufweichung der muttersprachlichen Schule gefährdet den Schutz der deutschen und ladinischen Sprachgruppe in einem Staat, in dem sie nach wie vor eine Minderheit darstellen. Diese Struktur ist kein veraltetes Relikt der Vergangenheit, sondern ein tragender Pfeiler der Autonomie, der aus bitteren historischen Erfahrungen entstanden ist.
Der Landtag hat diesem Vorstoß nun eine deutliche Absage erteilt. Für den Erhalt der Südtiroler Bildungslandschaft war dieses Signal richtig und notwendig. Denn das Land braucht zweifelsohne gute Sprachkenntnisse – aber keine Experimente, die am Ende den Schutz der eigenen Sprache, Kultur und Identität schleichend aushöhlen.
Neueste Meldungen






