von Alexander Wurzer 08.06.2026 07:58 Uhr

Urzì tritt gegen toten Südtiroler Freiheitskämpfer nach

Der Tod des Historikers, Autors und ehemaligen BAS-Aktivisten Josef „Pepi“ Fontana hätte Anlass für eine differenzierte historische Einordnung und menschliche Zurückhaltung sein können. Doch Alessandro Urzì, Kammerabgeordneter von Fratelli d’Italia und Präsident der Sechserkommission, entschied sich für eine völlig andere Tonlage.

Josef „Pepi“ Fontanas Tod löst eine pietätlose politische Debatte aus.

Sinngemäß erklärte Urzì nach dem Tod Fontanas: Die Terroristen hätten verloren, „wir“ hätten gewonnen. Damit reduziert er einen Mann, der für viele Südtiroler ein Symbol des Freiheitswillens und der Selbstbehauptung ist, auf ein billiges politisches Feindbild.

Josef „Pepi“ Fontana war weit mehr als die Schablone, in die ihn Urzì nun presst. Der aus Neumarkt stammende Südtiroler war Freiheitskämpfer, politischer Häftling, Historiker und Zeitzeuge. Er gehörte zu jener Generation, die die Folgen der Italianisierung, die Missachtung der deutschen und ladinischen Minderheit und den zähen Kampf um die eigene Identität nicht aus Geschichtsbüchern kannte, sondern selbst erlebte.

Fontana zahlte für seinen Einsatz einen hohen persönlichen Preis. Er wurde im Zuge der Südtiroler Freiheitsbewegung verhaftet, verurteilt und verbrachte Jahre in italienischen Gefängnissen. Später machte er sich als Historiker und Autor um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Tiroler und Südtiroler Geschichte verdient. Er wählte den Weg des intellektuellen Diskurses, während Urzì heute die Konfrontation sucht.

Urzìs geschichtliche Nebelgranaten

Besonders perfide wird es dort, wo Urzì versucht eine Schuld Fontanas zu konstruieren, die historisch schlicht nicht existiert. Seine Behauptung von den vermeintlichen Opfern im Kontext von Fontanas Wirken ist ein durchschaubares politisches Ablenkungsmanöver, das alles bewusst in einen Topf wirft.

Fakt ist: Josef „Pepi“ Fontana gehörte zur frühen Phase des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) rund um Sepp Kerschbaumer. Deren Einsatz war ein Akt der Notwehr gegen die systematische Entwurzelung der Heimat. Die Aktionen richteten sich explizit und ausschließlich gegen Sachwerte – wie die bekannten Strommasten –, um die Weltöffentlichkeit auf das Unrecht des römischen Zentralismus aufmerksam zu machen. Das oberste Gebot lautete damals: Menschenleben durften unter keinen Umständen gefährdet werden.

Eine Siegerpose, die alles sagt

Besonders entlarvend ist Urzìs Aussage, die Terroristen hätten verloren und „wir“ hätten gewonnen. Das ist keine nüchterne historische Einordnung eines Staatsmannes. Das ist eine triumphale Siegerpose aus dem nationalistischen Schützengraben. Und sie wirft eine entscheidende Frage auf: Wer ist dieses „wir“?

Meint Urzì den italienischen Staat? Meint er jene politische Tradition, die Südtirol jahrzehntelang nicht als Minderheitenfrage, sondern als reines Ordnungsproblem betrachtete? Meint er jene nationalistische Sichtweise, die bis heute nicht bereit ist, die Ursachen des Südtiroler Freiheitskampfes ehrlich zu benennen? Wenn Urzì im Stile eines römischen Triumphators verkündet „Wir haben gewonnen“, dann spricht daraus die Sprache der alten Unterdrücker, nicht die eines Brückenbauers.

Gerade von einem Präsidenten der Sechserkommission wäre etwas völlig anderes zu erwarten gewesen. Dieses Gremium ist nicht irgendein parlamentarischer Ausschuss. Es ist das Herzstück für die Umsetzung und Weiterentwicklung der Südtirol-Autonomie. Wer dort den Vorsitz führt, müsste ein Mindestmaß an Verständnis für Südtirols Geschichte, seine Wunden und seine Sensibilitäten mitbringen. Urzìs Reaktion zeigt das genaue Gegenteil. Er agiert nicht als Sachwalter des institutionellen Friedens, sondern als politischer Scharfmacher, der alte Gräben aufreißt, um bei seiner Wählerschaft zu punkten.

  • Urzì zeigt einmal mehr, wes Geistes Kind er ist (Foto: Facebook/Alessandro Urzì)

Der Freiheitskampf war keine Laune der Geschichte

Der Südtiroler Freiheitskampf war keine Laune der Geschichte und kein unprovozierter Akt der Aggression. Er war die Ultima Ratio-Antwort auf eine jahrzehntelange Politik der Missachtung, der erzwungenen Italianisierung und der Verdrängung der einheimischen Bevölkerung. Wer heute so tut, als habe es damals nur unbegründete Gewalt gegeben, aber keine Ursachen, keine staatliche Unterdrückung und keinen legitimen Freiheitswillen, verfälscht die Geschichte dieses Landes fundamental.

Fontana stand auf der Seite seines Volkes. Dafür wurde er verfolgt, verurteilt und eingesperrt. Genau deshalb bleibt er für viele Südtiroler ein Symbol des Widerstands gegen das Unrecht. Urzì mag versuchen, ihn im Nachhinein zu dämonisieren – aus dem kollektiven Gedächtnis dieses Landes wird er ihn damit nicht tilgen.

Ein Politiker, der im Moment des Todes eines Südtiroler Zeitzeugen nicht einmal die Größe zur menschlichen Zurückhaltung findet, stellt sich selbst die Frage, ob er für die Belange dieses Landes überhaupt der Richtige ist. Denn Südtirols Autonomie ist nicht das Ergebnis eines großzügigen Geschenks des italienischen Staates, das „gewonnen“ wurde. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelangen Ringens, internationalen Drucks, politischer Opfer und auch jenes unbändigen Freiheitswillens, den Männer wie Josef Fontana verkörperten.

Respekt statt nationalistischer Überheblichkeit

Menschliche Pietät wäre das Mindeste gewesen. Historische Fairness wäre angebracht gewesen. Urzì aber wählte die hasserfüllte politische Abrechnung. Und genau deshalb ist seine Wortmeldung so unwürdig für das Amt, das er bekleidet.

Josef „Pepi“ Fontana ist tot. Sein Platz in der Südtiroler Geschichte als Historiker und Aktivist bleibt unbestritten. Urzìs Worte hingegen werden als das in Erinnerung bleiben, was sie sind: eine kalte, nationalistische Entgleisung eines Politikers, der ausgerechnet an der Spitze eines Autonomie-Gremiums steht, dessen Geist er offenbar bis heute nicht verstanden hat.

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