von Alexander Wurzer 29.05.2026 17:30 Uhr

„Sprachen vermischen“: Was läuft da in Südtirols Kindergärten?

Ein Plakat der Pädagogischen Abteilung des Landes sorgt für Diskussionen. Unter dem Titel „Rund um Mehrsprachigkeit“ werden dort Aussagen zur sprachlichen Bildung im Kindergarten präsentiert, die in Südtirol aufhorchen lassen. Denn im Mittelpunkt steht nicht die klare Stärkung der deutschen Sprache im deutschen Kindergarten, vielmehr ist von einem breiten Verständnis für Mehrsprachigkeit, Sprachrepertoires, Sprachvarianten und dem Einbeziehen verschiedener Sprachen die Rede.

Ein Ausschnitt des Plakats, welches in den Kindergärten aufliegt (Quelle: Deutsche Bildungsdirektion)

Genau das ist in Südtirol keine pädagogische Nebensache, sondern eine Frage von Identität, Autonomie und Minderheitenschutz. Was genau damit bezweckt werden soll, bleibt ein Rätsel.

Auf dem Plakat heißt es unter anderem: „Es ist ganz normal, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder ihre Sprachen vermischen.“ An anderer Stelle wird erklärt: „Die funktionale Mehrsprachigkeit nimmt Abstand von einer ‚perfekten‘ Zweisprachigkeit.“ Zudem wird betont, dass alle Sprachen, Sprachrepertoires und Sprachvarianten wichtig seien. Besonders irritierend ist auch die Aussage, wonach man nun offenbar durch das ein Einbeziehen verschiedener Sprachen im Kindergarten das Sprachbewusstsein und die sprachliche Entwicklung aller Kinder fördern will.

Diese Botschaften sind in Südtirol hochproblematisch. Die Kindergärten und Schulen sind hier nicht zufällig nach Sprachen organisiert. Es gibt eigene Bildungsdirektionen, weil die jeweilige Bildungs- und Schulsprache tragend sein muss. Der deutsche Kindergarten ist nicht irgendein Ort frühkindlicher Betreuung, an dem möglichst viele Sprachen nebeneinander ausprobiert werden. Er ist Teil eines Bildungssystems, das von den Architekten der Autonomie gerade deshalb nach Sprachgruppen aufgebaut wurde, weil man damit die deutsche und ladinische Minderheit schützen wollte.

Deutsch muss im Mittelpunkt stehen

Das bedeutet nicht, dass Kinder keine anderen Sprachen lernen dürfen. Aber die Reihenfolge ist entscheidend. Kinder müssen zuerst eine eigene sprachliche Grundlage haben. Sie müssen die Hochsprache verstehen, sprechen, Begriffe bilden, Sätze bauen, Geschichten erzählen können. Erst auf dieser Grundlage kann eine solide Zweit- oder Drittsprache entstehen. Wer diese Reihenfolge umdreht oder verwischt, riskiert nicht bessere Mehrsprachigkeit, sondern schlechtere Sprachkompetenz in allen Sprachen.

Wenn die Bildungsdirektion nun selbst meint, dass „mehrsprachig aufwachsende Kinder ihre Sprachen vermischen“ und Mehrsprachigkeit „Abstand von einer ‚perfekten‘ Zweisprachigkeit“ nimmt, fragt man sich, warum im deutschen Kindergarten mit Nachdruck verschiedene Sprachen einbezogen werden sollen. Die Erstsprache ist für Kinder nicht irgendein Baustein unter vielen. Sie ist das Fundament, auf dem Denken, Verstehen, Erzählen, Begriffsbildung und später auch Lesen und Schreiben aufbauen. Wer dieses Fundament zu früh relativiert, schwächt nicht nur die Muttersprache, sondern am Ende auch den Erwerb weiterer Sprachen.

Ein deutsches Kindergartenkind braucht eine sichere deutsche Sprachumgebung. Es braucht Erwachsene, die mit ihm Deutsch sprechen, Begriffe erklären, Sätze bilden, Geschichten erzählen und Sprachgefühl vermitteln. Das Einbeziehen verschiedener Sprachen mag in familiären oder privaten Zusammenhängen seinen Platz haben, vor allem dort, wo die Möglichkeit und der Bedarf bestehen. Im Kindergarten hat es als flächendeckender Leitgedanke nichts verloren. Dieser Kindergarten ist nicht dafür da, alle möglichen Sprachrepertoires sichtbar zu machen. Er ist dafür da, Kindern die deutsche Sprache als tragende Bildungsgrundlage mitzugeben.

Soll es wirklich „ganz normal“ werden, wenn Kinder ihre Sprachen vermischen? Natürlich kann es in der Entwicklung vorkommen, dass Kinder Wörter aus verschiedenen Sprachen verwenden. Das ist als Beobachtung nicht neu. Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob man ein Übergangsphänomen fachlich einordnet oder ob man es auf einem offiziellen Plakat derart prominent als Normalität herausstellt.

Bildung hat nicht die Aufgabe, jeden sprachlichen Zwischenstand zu beklatschen. Bildung hat die Aufgabe, Kinder zu sicherer Sprache zu führen. Wenn ein Kind Laute verwechselt, Wörter falsch verwendet oder den Satzbau erst lernen muss, ist auch das normal. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, Fehler zum Bildungsziel zu erklären. Genau diese Gefahr entsteht aber, wenn sprachliche Vermischung ohne klare Zielrichtung normalisiert wird.

Der Hinweis auf die sogenannte „funktionale Mehrsprachigkeit“, der Abstand von einer „perfekten“ Zweisprachigkeit nimmt, ist fragwürdig. Das ist keine besondere pädagogische Erkenntnis, sondern eine gefährliche Verschiebung des Maßstabs. Denn was soll „funktional“ am Ende heißen? Dass ein Kind sich irgendwie verständigen kann? Dass es in mehreren Sprachen ein bisschen zurechtkommt, aber keine Sprache wirklich sicher beherrscht? Für Südtirol wäre das viel zu wenig. Eine Minderheit kann es sich nicht leisten, sprachliche Halbkompetenz als Erfolg zu verkaufen.

Anfrage an Landeskindergartendirektorin

UT24 hat die Landeskindergartendirektorin der deutschsprachigen Kindergärten, Helena Saltuari, mit den Aussagen auf dem Plakat konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten. Konkret wollte UT24 wissen, wie diese Ausrichtung mit dem Auftrag der deutschsprachigen Kindergärten vereinbar sei, Deutsch als Bildungs- und Umgangssprache zu stärken.

Gefragt wurde auch, ob nicht die Gefahr bestehe, dass durch das bewusste Einbeziehen verschiedener Sprachen und die Normalisierung von Sprachvermischung der zentrale Auftrag des deutschen Kindergartens verwässert werde – nämlich Kindern zuerst eine sichere deutsche Sprachgrundlage zu vermitteln.

Eine Rückmeldung liegt bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht vor.

Minderheitenschutz verträgt keine sprachliche Beliebigkeit

Gerade in Südtirol darf man den Anspruch an Sprache nicht leichtfertig absenken. Die deutsche Sprache ist hier nicht einfach eine Sprache unter vielen. Sie ist Identität, Kultur und Schutzraum. Die getrennten Bildungswege wurden nicht geschaffen, damit im deutschen Kindergarten am Ende ein bunter Sprachenmix als Fortschritt verkauft wird. Sie bestehen, weil die deutsche Volksgruppe das Recht hat, ihre Kinder in der eigenen Sprache zu bilden.

Wenn auf einem offiziellen Plakat viel von Sprachrepertoires, Sprachvarianten, Vermischung, dem Einbeziehen verschiedener Sprachen und Abstand von perfekter Zweisprachigkeit die Rede ist, dann fehlt genau das Entscheidende: die klare Aussage, dass im deutschen Kindergarten Deutsch die tragende Bildungs- und Umgangssprache sein muss. Nicht als eine Sprache unter vielen. Nicht als bloßer Teil eines mehrsprachigen Repertoires. Sondern als Grundlage.

Diese Leerstelle ist politisch brisant. Denn wenn alles gleich wichtig ist, ist am Ende nichts mehr wirklich geschützt. Sprache verschwindet selten von heute auf morgen. Sie wird langsam verdrängt, verwässert und relativiert. Zuerst wird Sprachvermischung als normal dargestellt. Dann wird der Anspruch auf sichere Sprachbeherrschung gesenkt. Dann werden mehrere Sprachen in einem Kindergarten einbezogen, dessen Auftrag eigentlich klar sein müsste. Und irgendwann fragt man sich, warum Kinder die eigene Sprache nicht mehr sauber beherrschen.

Genau diese Frage muss der Bildungspolitik gestellt werden: Wie sollen Kinder weitere Sprachen ordentlich lernen, wenn sie die eigene Sprache nicht mehr richtig können?

Wer auf die zentrale Bedeutung der deutschen Sprache im deutschen Kindergarten hinweist, ist nicht gegen Bildung, nicht gegen das Erlernen weiterer Sprachen und auch nicht gegen Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen. Es geht darum, dass Mehrsprachigkeit nicht vor die Beherrschung der eigenen Sprache gestellt werden darf. Im deutschen Kindergarten muss Deutsch zuerst kommen. Danach kann Italienisch kommen. Danach können weitere Sprachen kommen. Aber ohne solides Fundament wird aus Mehrsprachigkeit kein Vorteil, sondern ein Problem.

Südtirol braucht keine Pädagogik, die Sprachmischung schönredet und abgesenkte Ansprüche als Fortschritt verkauft. Südtirol braucht Kindergärten und Schulen, die ihren Auftrag ernst nehmen. In der deutschen Bildungsdirektion muss Deutsch die klare Bildungs- und Schulsprache sein. Alles andere ist kein Fortschritt, sondern ein gefährlicher Schritt in Richtung sprachlicher Beliebigkeit.

  • Mit diesem Plakat wird unter anderem erläutert, dass die funktionale Mehrsprachigkeit Abstand von einer perfekten Zweisprachigkeit nimmt (Quelle: Deutsche Bildungsdirektion)
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