„Wie nah darf dir ein Behinderter kommen?“ – Südtirols Jugendstudie sorgt für brisante Fragen

Denn laut der Anfrage von Landtagsabgeordnetem Jürgen Wirth Anderlan enthält der Fragebogen auch Aussagen zum Thema Menschen mit Behinderung. Und diese haben es in sich.
Genannt werden unter anderem Sätze wie: „Ich würde mich schämen, wenn meine Mitschüler wüssten, dass jemand in meiner Familie eine Behinderung hat.“ Oder: „Für mich ist es schwierig, mit Menschen mit einer Behinderung umzugehen.“ Auch die Aussage „Kontakte mit Menschen mit Behinderung würde ich eher kurzhalten und so schnell wie möglich beenden“ soll im Fragebogen vorkommen. Man muss sich diese Sätze auf der Zunge zergehen lassen.
Menschen werden zur Distanzfrage
Hier stellt sich die Frage, ob wirklich alles abgefragt werden muss, was theoretisch messbar ist. Denn bei diesen Formulierungen geht es nicht um irgendeine abstrakte Einstellung. Es geht um Menschen. Um Mitschüler, Nachbarn, Familienmitglieder, Freunde. Um Menschen mit Behinderung, die sich gerade nicht ständig auf ihre Einschränkung reduzieren lassen wollen.
Laut der Anfrage habe sich die Mutter eines Kindes gemeldet, dessen Kind selbst eine Behinderung hat. Schon die Tatsache, dass die Jugendstudie solche Fragen enthalte, mache das „Anderssein“ dieser Menschen zum Diskussionsgegenstand, heißt es darin sinngemäß.
Genau darin liegt der Kern des Problems. Denn wer Jugendliche fragt, ob sie sich wegen eines behinderten Familienmitglieds schämen würden, stellt Menschen mit Behinderung indirekt wieder auf die Anklagebank gesellschaftlicher Akzeptanz. Wer fragt, ob Kontakte zu ihnen möglichst kurz gehalten werden sollen, macht Nähe zu diesen Menschen zu einem Problem, über das man abstimmen kann. Das ist der eigentliche Skandal.
Normalität statt Mitleid
Natürlich kann man diese Fragen wissenschaftlich begründen. Die Landesregierung verweist in ihrer Antwort auf die sogenannte Bogardus-Skala, mit der soziale Distanz gemessen werden soll. Das klingt akademisch, methodisch und sauber.
Aber genau hier beginnt das Problem. Nicht jede Methode, die in der Wissenschaft existiert, ist deshalb politisch und pädagogisch unbedenklich. Nicht jede Frage, die man statistisch auswerten kann, sollte man Jugendlichen in einem offiziellen Fragebogen vorlegen. Und nicht jede gesellschaftliche Einstellung wird besser, nur weil man sie in kalte Antwortkategorien presst.
Menschen mit Behinderung kämpfen seit Jahren darum, ganz selbstverständlich Teil dieser Gesellschaft zu sein. Nicht als Sonderfall. Nicht als Mitleidsobjekt. Nicht als Testgruppe für soziale Distanz. Sondern als Menschen, deren Zugehörigkeit nicht jedes Mal neu vermessen werden muss.
Genau das bringt die Anfrage auf den Punkt: Menschen mit Behinderung wollen meist einfach nur normal behandelt werden. Normalität statt Mitleid. Normalität statt ständiger Sonderbetrachtung. Normalität statt Fragebogen-Sätze, bei denen man sich fragen muss, wer sie überhaupt für zumutbar gehalten hat.
Freiwillig ist nicht automatisch harmlos
Die Landesregierung betont in ihrer Antwort, die Teilnahme an der Studie sei nicht verpflichtend. Die Daten würden anonymisiert und nur zusammengefasst veröffentlicht. Das mag formal stimmen. Es beantwortet aber nicht die entscheidende Frage.
Denn eine freiwillige Frage kann trotzdem verletzend sein. Eine anonyme Auswertung kann trotzdem ein falsches Signal setzen. Und eine wissenschaftliche Methode kann trotzdem politisch unsensibel sein.
Gerade bei Jugendlichen ist Sprache nicht neutral. Eine Frage setzt einen Rahmen. Sie sagt: Darüber kann man so sprechen. Darüber kann man so nachdenken. Darüber kann man seine Zustimmung oder Ablehnung abgeben.
Wenn ein offizieller Fragebogen Jugendlichen Aussagen vorlegt, wonach man sich für ein behindertes Familienmitglied schämen könnte oder Kontakte zu Menschen mit Behinderung möglichst rasch beenden würde, dann ist das nicht bloß Statistik. Dann ist das eine Zumutung.
Wer hat das freigegeben?
Wirth Anderlan wollte von der Landesregierung unter anderem wissen, ob dem ASTAT bewusst sei, wie sensibel und potenziell verletzend solche Fragestellungen sind. Er fragte auch, ob es weitere Rückmeldungen gegeben habe und ob es Überlegungen gibt, solche Situationen künftig zu verhindern.
Das sind berechtigte Fragen. Denn irgendwo wurde dieser Fragebogen erstellt. Irgendwo wurde er geprüft. Irgendwo wurde entschieden, dass solche Sätze Jugendlichen in Südtirol vorgelegt werden können. Und offenbar hat niemand rechtzeitig gesagt: Stopp, so nicht.
Gerade ein Land, das ständig von Inklusion, Sensibilität und Teilhabe spricht, müsste bei solchen Themen genauer hinschauen. Es reicht nicht, Menschen mit Behinderung in Sonntagsreden Respekt zu versprechen, wenn sie im nächsten Moment in Studien wieder als Gruppe auftauchen, zu der andere ihre soziale Distanz angeben sollen.
Südtirol braucht keine Scham-Fragen
Südtirol braucht keine Jugendstudie, die junge Menschen fragt, ob sie sich für Menschen mit Behinderung im eigenen Umfeld schämen würden. Südtirol braucht eine Gesellschaft, in der eine solche Frage gar nicht mehr denkbar ist.
Das ASTAT mag messen wollen, wie Jugendliche denken. Doch manchmal verrät nicht nur die Antwort etwas über eine Gesellschaft. Manchmal verrät schon die Frage genug. Und diese Frage ist bitter.
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