„Dialekt öffnet Türen“ – Warum er in Südtirol mehr verbindet als trennt

Die Linguistin Andrea Abel von Eurac Research und der Freien Universität Bozen plädiert im UT24-Gespräch für eine differenzierte Sicht.
Schon beim Begriff „Integration“ bremst sie: „Das ist ein sehr umstrittener Begriff“, sagt Andrea Abel zu UT24. Treffender sei es, von „sozialer Teilhabe“ zu sprechen. Und genau hier kommt der Dialekt ins Spiel.
Alltag findet im Dialekt statt
Wer verstehen will, wie Südtirol sprachlich funktioniert, muss den Alltag betrachten – nicht nur berufliche oder Bildungsinstitutionen. Und dieser Alltag, so Abel, spielt sich vor allem bei der deutschsprachigen Bevölkerung ganz stark im Dialekt ab.
Das bedeutet nicht, dass man in Südtirol nicht ohne Dialektkompetenzen leben kann. Aber: Wer ihn versteht, hat es in vielen Situationen deutlich leichter – besonders im privaten Umfeld, im Freundeskreis oder in Vereinen.
Dabei macht Abel einen wichtigen Punkt klar: Sprache ist nie neutral. Sie verbindet – und grenzt gleichzeitig ab: „Dialekt inkludiert, gleichzeitig exkludiert er. Dieses Potenzial hat jede Sprache, jede sprachliche Varietät“, erklärt sie im UT24-Interview.
Gerade deshalb wird Dialekt auch zu einem Marker von Zugehörigkeit. Wer ihn spricht oder versteht, signalisiert: Ich gehöre dazu.
Verstehen statt sprechen
Oft wird die Diskussion so geführt, als müsste man Dialekt perfekt beherrschen. Laut Andrea Abel sei etwas anderes Eentscheidend: „Es geht nicht so sehr darum, dass man Dialekt sprechen kann, sondern es geht um rezeptive Kompetenzen.“
Schon grundlegende Kenntnisse reichen häufig aus, um Gesprächen in Grundzügen folgen.zu können. Und das sei leichter, als viele denken. Dialekte sind eigene Sprachsysteme mit klaren Regeln.
Wer etwa weiß, dass nach der Regel „‘S‘ vor Konsonanten im Wortinneren wird ‚sch‘.“ aus „fest“ im Dialekt bei uns „fescht“ wirdoder dass Umlaute nicht vorkommen und nach der Regel „Aus ‚ü‘ und ‚ö‘ wird ‚i‘ und ‚e‘.“ aus „Töpfen“ daher „Tepf“ werden, hat schon erste Anhaltspunkte für das Verstehen. Zudem sollte man einige Besonderheiten im Wortschatz kennen, zum Beispiel „sem“ für „dort“ oder „sel“ für „das.“
Im Dialekt gibt es auch alte romanische Relikte, die besonders italienischsprachigen Personen, aber nicht nur, beim Verstehen helfen können. Dazu zählen beispielsweise Wörter wie „Karfiol“, das nicht zufällig Ähnlichkeiten mit dem italienischen Wort „cavolfiore“ aufweist, oder „Ribisl“ mit „ribes“ oder „Pergl“ mit „pergula“.
Kein „besseres“ oder „schlechteres“ Deutsch
Ein zentrales Anliegen der Sprachwissenschaftlerin ist es, mit einem hartnäckigen Vorurteil aufzuräumen: „Einen Dialekt können wir weder als schlechteres oder besseres Deutsch bezeichnen.
Dialekte sind einfach eigene sprachliche Varietäten – vollständige Sprachsysteme, historisch gewachsen und wandelbar wie alle lebenden Sprachen.
Andrea Abel widerspricht auch der früher verbreiteten Vorstellung, Dialekt könne den Erwerb der Standardsprache behindern. Diese Sicht sei längst überholt. Im Gegenteil, er könne sogar das Sprachbewusstsein schärfen.
Sprache der Nähe – Standardsprache für den Beruf
Warum hält sich der Dialekt in Südtirol so stark? Die Antwort liegt in seiner Funktion. „Im Privaten wird der Dialekt als Sprache der Nähe, der Intimität, des Informellen verwendet – und das trifft nicht nur auf Südtirol zu“, sagt Abel zu UT24.
Standardsprache hingegen dominiert in Schule, Beruf und Medien. Viele Menschen bewegen sich ganz selbstverständlich zwischen beiden Formen. Linguisten sprechen außerdem von einem „Kontinuum“ – einem fließenden Übergang zwischen Dialekt und Standardsprache.
Auch Andrea Abel selbst nutzt dieses Spektrum: Niemand spreche im Alltag ausschließlich „gestochenes Hochdeutsch“ oder konsequent Dialekt. Vielmehr passe man die Sprache situativ an – je nachdem, mit wem man spricht.
Dialekt kann die Teilhabe an einer mehrsprachigen Gesellschaft erleichtern
Gerade im Kontext von Zuwanderung wird der Dialekt oft kritisch gesehen. Doch Abel sieht darin auch eine Chance.
„Dass Kompetenzen im Dialekt in einem mehrsprachig geprägten Alltag nützlich sein können, ist klar“, erklärt Abel. „Und Dialekte können wir als Teil und Bereicherung unserer individuellen Sprachenrepertoires verstehen.“
Interessant ist auch ein Blick auf Studien: Jugendliche mit italienischer Erstsprache, die Dialekt verstehen, besitzenbessere Kompetenzen im Standarddeutschen – so die KOLIPSI-Studien.
Der Grund dafür liegt laut Abel allerdings nicht im Dialekt selbst, sondern im sozialen Umfeld: Wer Dialekt versteht, sei meist stärker in den dialektal geprägten deutschsprachigen Alltag in Südtirol eingebunden, habe mehr Kontakte – und nutze die Sprache generell häufiger.
Mehr Kontakt, weniger Vorurteile
Damit führt die Sprachfrage direkt zu einer gesellschaftlichen Erkenntnis. Sprache entwickelt sich nicht im Klassenzimmer allein, sondern im Miteinander.
„Sprachkompetenzen und Abbau von Vorurteilen gehen ganz häufig über Kontakt und Freundschaften“, betont Andrea Abel im UT24-Interview.
Diese sogenannte „Kontakthypothese“ gilt in der Forschung als gut belegt: r Gemeinsamer Austausch, gemeinsame Ziele dienen dem Abbau von Barrieren.
Dialekt kann dabei eine Brücke sein – wenn man ihn nicht als Hürde versteht, sondern als Teil der gemeinsamen Lebensrealität.
Ein Stück Südtirol verstehen
Am Ende bleibt eine klare Botschaft: Dialekt ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Bestandteil der Südtiroler Gesellschaft.
Er ist Ausdruck von Identität, Alltag und Nähe – und kann gleichzeitig ein Schlüssel sein, um genau daran teilzuhaben.
Oder, anders gesagt: Wer den Dialekt versteht, versteht oft auch die Menschen ein Stück besser.
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