Liebe Südtiroler, lasst euch Eier wachsen!

Ein Recht wird stillschweigend aufgegeben
Ein Beispiel verdeutlicht diese Dynamik: An einer Tankstelle entlang der MeBo möchte ein älterer Mann seine Rechnung begleichen. Er sagt auf Deutsch: „Ich hatte die Nummer 5.“ Die Antwort des Kassierers erfolgt ausschließlich auf Italienisch. Selbst als der Kunde erneut auf Deutsch antwortet – „Bitte mit Karte“ – bleibt die Reaktion einseitig italienisch.
Was folgt, ist typisch: Viele Südtiroler geben in solchen Momenten nach. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit oder Konfliktvermeidung. Man wechselt ins Italienische, um die Situation möglichst reibungslos zu beenden. Schließlich, so die oft unausgesprochene Rechtfertigung, lebe man ja in Italien.
Doch genau hier liegt das Problem. Denn dieses Verhalten ist nicht nur ein pragmatischer Kompromiss – es ist auch ein stilles Aufgeben eines Rechts. Und vor allem: ein Signal. Ein Signal, dass man nicht bereit ist, für die eigene Sprache einzustehen.
Italiener haben kein Problem, sich durchzusetzen
Interessant ist dabei die umgekehrte Perspektive: Kaum ein Südtiroler Mitarbeiter würde es wagen, einem italienischsprachigen Kunden ausschließlich auf Deutsch zu antworten. Die Hemmschwelle ist hoch, der Respekt vor möglicher Konfrontation noch höher. Auf italienischer Seite hingegen scheint diese Unsicherheit kaum zu existieren. Dort wird die eigene Sprache selbstverständlich und mit Nachdruck verwendet – oft ohne Rücksicht auf die sprachliche Situation des Gegenübers.
Das wirft Fragen auf. Warum fehlt vielen Südtirolern dieses Selbstbewusstsein? Warum wird so selten darauf bestanden, auf Deutsch bedient zu werden – selbst dann, wenn man im Recht ist? Warum wird respektloses Verhalten, etwa wenn Behörden oder Dienstleister konsequent nur Italienisch verwenden, so häufig stillschweigend akzeptiert?
Die Antworten darauf sind unbequem. Es geht um Gewohnheit, um Konfliktscheu – aber auch um eine schleichende Anpassung, die über Jahre hinweg zur Normalität geworden ist. Dabei ist die rechtliche Grundlage eindeutig: Das Autonomiestatut garantiert den Gebrauch der eigenen Muttersprache. Es ist kein Privileg, sondern ein verbrieftes Recht. Doch ein Recht, das nicht eingefordert wird, stirbt mit der Zeit und verliert somit an Bedeutung.
Steht zu eurer Sprache
Es stellt sich daher die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, dieses Verhalten zu überdenken.
Nicht im Sinne von Konfrontation um jeden Preis, sondern im Sinne von Klarheit und Selbstachtung. Wer seine Sprache nicht selbstbewusst spricht und verteidigt, überlässt anderen die Deutungshoheit über den eigenen Alltag.
Oder, weniger diplomatisch formuliert: Liebe Südtiroler, lasst euch Eier wachsen!






