von lif 23.04.2026 11:04 Uhr

Vals, ein Kulturraum besonderer Art (Teil 1)

Einige Spuren, die Reinhold Stecher, Bischof der Diözese Innsbruck zwischen 1981 und 1997, hinterlassen hat, weisen den Weg zwischen Innsbruck und Vals. Dem begeisterten Bergsteiger und „Oberhirten“ war „der Winkel zwischen Olperer, Kraxentrager, Vennspitze und Padaunerkogel“ sehr vertraut. Anno 1987 sandte er anlässlich der 300-Jahr-Feier der Seelsorge St. Jodok einen „herzlichen Segensgruß für … Häuser und Familien“ in Vals.

Kreuz zum Zugang vom Fidlerhof (Christian Rosenkranz)

Genau unter dem Kreuz über der Mittelempore der Hofkirche in Innsbruck ist mit Hut und Stab sowie einfachem volkstümlichen Gewande „Sant Jos Konigs Son in Brittania“ – der heilige Jodok – platziert. Jodok (* um 600, + 668/669) schloss sich einer vorbeiziehenden Pilgergruppe an, um den Thron nicht besteigen zu müssen. Ab 644 war er an verschiedenen Orten Europas Einsiedler, um 665 auf einer Wallfahrt nach Rom. Im Mittelalter galt er neben Jakob als Patron der Pilger und Reisenden.

Das Wipptal war Teil einer der wichtigsten europäischen Verkehrsrouten. Der Austausch von Waren und Ideen war entscheidend für Lebendigkeit und Fortschritt. Doch wie das Sprichwort sagt: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Mit den Handelsschiffen der italienischen Seerepubliken kam im 14. Jahrhundert die Pest nach Europa. Der „Schwarze Tod“ raffte nicht immer einen größeren Kreis von Personen im Wipptal dahin, sondern war bisweilen auf einzelne Häuser beschränkt. Die Seuche der Jahre 1611 und 1612 heimsuchte nur Teile des Wipptales. Vals blieb anscheinend davon frei.

Hermann Mair vom Fidlerhof vor seiner Kapelle (Bild: Johann Gatt)

Da in jenen Zeiten der Glaube fest verankert war, dass die „bese Sucht“ eine Strafe Gottes sei, nahm die Verehrung von Heiligen zu. Jodok wurde zum wichtigen Ansprechpartner der Gläubigen und wie Rochus zu einem Schutzpatron gegen die Pest. Da Vals verschont geblieben war, kam es der Überlieferung nach zu einem Gelöbnis, dessen Folge das „Kreuzziehen“ war – ein heute noch gelebter einzigartiger Brauch, der zu den ältesten Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit im Alpenraum zählt.

Die Gläubigen beten den Rosenkranz von Kreuz zu Kreuz – früher im gesamten Tal, heutzutage in Außervals entlang der Landesstraße vom „Gasteiger“ aus taleinwärts bis zum „Petern“. An jeder der neun Stationen – sieben Kreuzen sowie den zwei Kapellen beim „Fidler“ und „Griller“ – halten die Betenden inne. Es sind zumeist 20 bis 30, die der Einladung des Fidlerbauern Hermann Mair folgen, sich am Mittwochabend der Karwoche beim Gasteigerkreuz einzufinden. Der etwa eine Stunde währende Bittgang mutet wie das Echo auf Hermanns Ruf „Kommt, sagt es allen weiter“ an.

Das Einzugsgebiet des Valser Baches war seit der Antike besiedelt. Der griechische Historiker Strabon lobte bereits ein Menschenalter nach der römischen Eroberung Rätiens die ausgedehnte Viehzucht in diesen Bergen. Käse bildete seit alters einen der wichtigsten Waren des rätischen Außenhandels. Das von den Rätern als Almweide genutzte Vals erschien ihnen als das Tal schlechtweg – daher rührt der Name „valle“, lateinisch „vallis“.

 

Von Christian Rosenkranz

(Teil 2 folgt)

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