Johann Mittermaier neu entdeckt: Ein Vater-Sohn-Dialog über Realontologie

In einem exklusiven Interview mit UnserTirol24 sprechen die beiden Autoren über ihre Beweggründe und den Entstehungsprozess ihres Buches. Karl Mittermaier, Sohn des Philosophen (UT24 führte mit ihm bereits ein Interview, anlässlich des Geburtsjahres des Philosophen Immanuel Kant vor 300 Jahren), teilt seine Erfahrungen und Erinnerungen an seinen Vater, während Hannes Mittermaier, der die philosophische Linie seines Großvaters weiterführt, detaillierte Einblicke in die „Realontologie“ gibt – eine Philosophie, die die Grenzen von Realismus und Idealismus zu überschreiten sucht.
Das Interview bietet nicht nur eine seltene Gelegenheit, mehr über die philosophischen Konzepte Johann Mittermaiers zu erfahren, sondern auch einen persönlichen Einblick in die Herausforderungen und Entdeckungen, die sowohl der Sohn als auch der Enkel bei der Erforschung und Veröffentlichung dieses bedeutenden Werkes erlebt haben. Das Gespräch entspricht einer Reise durch die Gedankenwelt der Mittermaier-Familie. Dabei entdecken Sie, wie Philosophie über Generationen hinweg weitergegeben und interpretiert wird.
UnserTirol24: Herr Mittermaier, vor kurzem gaben Sie mit Ihrem Sohn Hannes ein philosophisches Buch über Ihren Vater Johann heraus. Wie kam es dazu?
Karl Mittermaier: Ja, mein Sohn Hannes und ich haben im Bucher Verlag ein Buch über meinen Vater, aber auch von meinem Vater herausgebracht. Über meinen Vater, weil Hannes sein Hauptwerk interpretiert; von meinem Vater, weil sein philosophisches Hauptwerk präsentiert wird. Gleichzeitig wird sein Leben in Eigendokumenten nachvollzogen, die ich ausgewählt habe.
Karl Mittermaier
UT24: War Ihr Vater von Anfang an in Ihrem Leben eine Art philosophische Inspirationsquelle?
Karl Mittermaier: Das kann man sagen. Von klein auf hörte ich wiederholt philosophische Sätze, Worte und Verweise. Allerdings hütet Vater sich, mich zu früh in seine Philosophie einzuführen. Er war überzeugt, dass man vor dem 18. Lebensjahr für die Philosophie nicht reif sei. Dann erreichte ich dieses Alter, und er führte mich eines Nachmittags ein. Ich verstand reichlich wenig, zu tiefreifend waren seine Argumentationen. Ich machte damals viel Musik und, das gestehe ich heute, interessierte mich höchstens am Rande für seine Philosophie. Als dann das Interesse in mir erwachte, war es zu spät: Vater starb, als ich 21 Jahre alt war.
UT24: Wie wurden die Schriften und Gedankengänge Ihres Vaters für das Buch ausgewählt und zusammengestellt?
Karl Mittermaier: Mein Sohn und ich entschieden uns für den deduktiven Weg. Wir veröffentlichten nicht die vielen Aufsätze, Aphorismen und Erörterungen, sondern brachten das Hauptwerk heraus. Das ist äußerst konzis gehalten und verlangt viel Konzentration.
UT24: Können Sie in diesem Zusammenhang auch von besonderen Herausforderungen oder Schwierigkeiten berichten?
Karl Mittermaier: Die besondere Herausforderung ist Vaters Philosophie. Sie ist gewiss sehr eigenwillig, hat eine eigene Terminologie und verlangt absolute Abstraktionsfähigkeit. Ich denke, dass Hannes sie sehr gut verstanden hat und entsprechend der Leserschaft näherbringt. Da er in München, ich in Brixen lebe, arbeiteten wir via Skype am Werk.
UT24: Kommen wir zu Hannes Mittermaier: Was verbirgt sich unter dem Begriff der „Realontologie“?
Hannes Mittermaier: Die „Realontologie“ ist, begrifflich gesehen, die Komprimierung einer Philosophie, die sich an die Tradition des Realismus und des Idealismus gleichzeitig anlehnt, um beide Strömungen miteinander zu vereinen. Wenn der zweite Teil des Wortes dem philosophischen Teilgebiet der Ontologie entnommen ist, dann insistiert die Realontologie darauf, dass es in ihrer Erkenntnistheorie immerzu einen ideellen – man nenne das hier heuristisch kurz „geistigen“ – Anteil gibt, der den realen Objekten anhaftet. Das erklärt nun den ersten Teil des Wortes „Realontologie“: Mit der Realität von Dingen wird auf ihre konkrete Situierung im Dasein verwiesen, da sie als Objekte der Erkenntnis den Subjekten der Erkenntnis, also uns Menschen, wahrhaftig, das heißt, tatsächlich und eben empirisch erscheinen. Mit dieser Bestimmung als empirisch erhalten die Objekte den Status real.
Hannes Mittermaier
UT24: Wie hat die Realontologie Ihre eigene Sicht auf die Philosophie und die Arbeit Ihres Großvaters verändert?
Hannes Mittermaier: Das sind zwei getrennte Fragen. Ich selbst habe meinen Großvater vor allem über Berichte meines Vaters kennengelernt. Mein Großvater verstarb lange vor meiner Geburt. Die Realontologie ist quasi eine neue Quelle für mich, um den Denker Johann Mittermaier kennenzulernen. Sie hat freilich etwas Monumentales, weil Johann sein ganzes Leben daran gearbeitet hat, wobei der Begriff der „Arbeit“ klärungsbedürftig ist: Es ist keine Arbeit, für die er entlohnt wurde, es ist eine reine, aus seinem Denken heraus entstandene Beschäftigung. Das macht das Projekt noch spannender, denn es zeigt den wahren Denker Johann Mittermaier.
Meine eigene Sicht auf die Philosophie (Was ist das?) hat sich geändert, weil ich älter geworden bin, weil ich mehr an Erfahrung habe, weil ich mehr gelesen habe und weil ich mich mehr der Fragen widmete, die eh schon kursierten. Gewiss ist die Realontologie hier ein Beisatz, um noch vertiefter vorzugehen. Man sollte aber erwähnen, dass die Realontologie keinerlei Interesse an einer geschichtlichen Verortung von Philosophie hat. Was also gemeingeläufig als Geschichte der Philosophie an Schulen oder Universitäten gelehrt wird, das spielt für Johann Mittermaiers Denken keine Rolle. Man kann also sagen, die Realontologie purifiziert sich als philosophisches Projekt von seinen Vorgängern. Das habe ich dann daraus gelernt: Mit der Realontologie begegnet man der Philosophie in einer echten, reinen Art und Weise.
UT24: Wie wird das Dasein von abstrakten Einheiten wie Zahlen oder universalen Eigenschaften in diesem philosophischen Teilbereich betrachtet?
Hannes Mittermaier: Welchen philosophischen Teilbereich meinen Sie? Das Dasein? Das Dasein ist eine Manifestation des Seins, und zwar eine Etappe, wenn man so will, in der das Dasein eine bestimmte, durch das Sein vorausgeschickte Form annimmt. In dieses Dasein hineingepflanzt sind alle Entitäten, die wir als seiende Dinge wahrnehmen. Das ist, bis hierher, klassischer Heidegger. Ich denke, Sie insistieren mit Ihrer Frage auf die Tatsächlichkeit nicht materieller Dinge. Das ist, zugegeben, ein interessanter Punkt, dem sich schon Philosophen wie Kant genähert haben. Kant löst das „Dilemma“ über die Annahme a priorischer Dinge, die nicht der Sinnenwelt entnommen sind und deswegen ihre Realität ohne empirische Kohärenzen nachvollziehen. Die Realontologie wendet sich entschieden ab und betont die Wichtigkeit einer Sinneserfahrung: Zuerst muss das Ding real sein, sprich, es muss durch seine empirische Konstitution erfahrbar sein. Was nicht erfahrbar ist, kann nicht erkannt werden. Diese Erfahrbarkeit einer gegenständlichen Welt ist dann das Eintrittstor für eine für den Menschen spezifische Tätigkeit: die Abstraktion. Die „Abstraktion“ ist eines der Schlüsselworte der gesamten Realontologie, denn von ihr heraus wird die geistige Entität seiender Dinge erklärt. Die Zahl „Eins“ gibt es, weil es vorher einmal eine Sinnenerfahrung gab, die dann abstrahiert wurde und zur mathematischen Kategorie der Eins umfunktioniert wurde. Dies alles geschieht übrigens, nicht ohne Überraschung, stets im Medium der Sprache. Der phonetische Ausdruck ist dann wiederum das empirische Material, der reale Reflex, einer schon zur Abstraktion gewordenen sinnlichen Entität.
UT24: Welche Weisen des Seins und Formen der Existenz werden in der Realontologie differenziert und voneinander abgegrenzt?
Hannes Mittermaier: Das Sein ist. Ein uralter Satz, der auch für die Realontologie in ihrer Seinskonstitution gilt. Das Sein ist der allgemeinste, allumfassendste und totalste Begriff, um das zu beschreiben, was die Universalität von Welt meint. Das Sein wird dann, vor allem aus heuristischen Zwecken, unterteilt in eine Dreiheit: Eins-Sein, Fülle-Sein und dem Was-Sein. Es ist eben keine Dialektik mehr und keine stringente Annahme eines dualistischen Seinsmodells, sondern eine Dreiheit, die die Vielfalt der Welt erklärt. Das Sein – erlauben Sie mir den trivialen Ausdruck – „spielt“ mit diesen drei Seinskräften, und je nach Vorhandensein der jeweiligen Kraft werden die Unterschiede der seienden Dinge erklärt. Doch keine Seinskraft ist unabhängig vom Sein, denn alle drei gehören zur Einheit des Seins. Deswegen, streng genommen, gilt weiterhin der Satz: Das Sein ist. Sein Werden ergibt sich über die Spielarten der Seinskräfte, aber alles, was im Sein ist – und es kann nichts darüber hinaus geben – ist ein Teil des Seins.
Hannes Mittermaier
UT24: Wie geht die Realontologie mit Paradoxien und Antagonismen um?
Hannes Mittermaier: Das sind zunächst zwei getrennte Begriffe, die beide auf einen gewissen Fehlschluss hinweisen. Offenkundige Antagonismen sind Widersprüche in Argumentationspositionen; Paradoxien sind nur scheinbare Widersprüche, die durch ihre Scheinbarkeit gelöst werden: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ gilt in der Rhetorik gerne als klassisches Paradoxon. Doch das Wissen über sein eigenes Nicht-Wissen ist bereits eine Form von Wissen, was die Paradoxie aufklärt. Spricht: Paradoxien fördern den geistigen Denkprozess, Antagonismen sind argumentative, dem Sinnenhalt entstammende Unzulänglichkeiten. Warum sind beide Fehlschlüsse? Wenn Paradoxien nicht erkannt werden, liegt der Fehlschluss im Rezipienten; bei Antagonismen liegt er im Produzenten derselben. Die Realontologie interessiert sich nicht dafür. Sie würde schlichtweg antworten: Was nicht richtig erkannt wurde, muss richtig erkannt werden.
UT24: Wo wird in diesem Gefüge der Glaube angesiedelt?
Hannes Mittermaier: Der Glaube spielt für die Kernfassung der Realontologie keine Rolle. Erst viel später unternimmt Johann Mittermaier den Versuch, sein Seinsmodell auf die Dreiheit der christlichen Lehre – Gott, Sohn und Heiliger Geist – zu übertragen.
UT24: Wo orten wir in der Debatte über persönliche Veranlassung und Identität realontologische Ansätze?
Hannes Mittermaier: Der Mensch ist im Setting der Realontologie das einzige Wesen, das die Seinsfrage stellen kann – ja geradezu: soll. Das ist die conditio humana. Wenn es eine Bestimmung des Menschen als Wesen gibt, das die Seinsfrage zu stellen vermag, dann verortet die Realontologie den Menschen genau hier. Das mag radikal klingen, ist aber eigentlich der große Motor des gesamten philosophischen Projektes: Es geht eben nicht mehr um die Ureinheit Natur-Mensch, es geht nicht mehr um ein paradiesisches, hedonistisches Genießen in und mit der Welt – es geht nur mehr um ein Erkennenkönnen der Seinszusammenhänge. Das ist die Raison d’Être des Menschen. Alles, was ihn von dieser Bestimmung abhält, ist eine Verirrung, ein Vergeuden von Zeit oder eine Ablenkung. Vielleicht sogar ein Zeichen von Schwäche. Die Realontologie vertritt aber keinen Elitismus, der besagen würde, dass nur Philosophen dem Zweck des Seins nachkämen, sie bedarf aber dieses Zweckes, um die Sonderstellung des Menschen in der Welt zu erklären. Diese Sonderstellung ist nicht abgegrenzt zwischen anderen Lebewesen oder Tieren und schon gar nicht zwischen Menschen verschiedener Art. Jeder hat als seiendes menschliches Wesen das Potenzial, die Seinsfrage zu stellen. Und das passiert vor allem nicht vor dem Hintergrund einer philosophischen Umgebung: Man gehe hinaus, betrachte die Schönheit der Natur, sitze an einem Fluss, werfe einen Stein in das Wasser und frage sich: Was ist das?
UT24: Eine abschließende Frage an beide: Was erhoffen Sie sich, dass die Leser aus dem Buch mitnehmen?
Hannes Mittermaier: Ein bisschen mehr Suche nach dem Sinn in dieser scheinbar sinnlosen Welt.
Karl Mittermaier: Abgesehen vom religiösen Glaube, kann allein die Philosophie den Menschen aus seinem selbst geschaffenen Dilemma herausführen.
UT24: Danke für das Interview!
Das Interview führte Andreas Raffeiner
Zu den Personen: Johann Mittermaier lebte von 1897 bis 1978. Hannes Mittermaier (*1994) promoviert und arbeitet an der LMU München. Karl Mittermaier (*1956) dozierte viele Jahre an der Uni Innsbruck, Institut für Philosophie.
Daten zum Buch
Johann Mittermaier: Realontologie. Oder Ein neuer Versuch zur Erklärung des Seins
Herausgegeben und kommentiert von Hannes und Karl Mittermaier
Bucher Verlag, Hohenems 2023
248 Seiten, 28 EUR
ISBN 978-3-99018-684-8
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