„Geschichtspfusch“: Die umstrittene Grenzziehung im Pustertal

Der Londoner Geheimvertrag
Der Londoner Geheimvertrag spiegelt das Interesse der beteiligten Staaten um 1915 wider; der viereinhalb Jahre später festgesetzte Friedensvertrag von Saint-Germain diente als Grundlage für die unwiderrufliche Entstehung der neuen Grenzen. Eine passgenaue Definition, Verordnung und Richtschnur für die Grenzziehung spezifisch auszuarbeiten, war für die Siegermächte keinesfalls möglich und zudem auch nicht erforderlich.
Das häufig als Friedensdiktat titulierte und im Pariser Vorort parafierte Vertragswerk setzte den Londoner Geheimvertrag außer Kraft, obgleich dieser ausschlaggebend für die späteren Bestimmungen war.
Das Wirken des Grenzregelungsausschusses
Der österreichisch-italienische Grenzregelungsausschuss konnte sich über die Vorgaben bezüglich der problematischen Wasserscheidentheorie, die auch das Pustertal betrifft, erheben.
Man muss wissen, dass Wasserscheiden in Einzugsgebieten, die den Wasserzustrom für gewisse Flusssysteme sicherstellen, imaginäre Linien sind. Es ist freilich auch klar, dass sich Einzugsgebiete verändern können und sich im steten Wandel befinden. Nicht wenige vertreten die Ansicht, dass Wasserscheiden auch durch Eingriffe des wirtschaftenden Menschen verändert werden.
Postkartensammlung von Andreas Raffeiner
Irrsinn der Wasserscheide
Wenn man die Wasserscheide als Staatsgrenze ansehen möchte, müssten außerdem Teile der Schweiz wie etwa der Kanton Tessin an Italien, die Westschweiz und das Wallis an Frankreich und die Ostschweiz an Deutschland, unter Umständen zum Teil an Frankreich fallen. Es liegt nun im Auge des historisch interessierten Lesers, ob er den Rhein in seinem Oberlauf als Grenzscheide wahrnehmen will oder nicht. Natürlich ist dies nicht weiter relevant, zumal die Schweiz kein Verliererstaat des Ersten Weltkrieges, sondern ein neutraler Staat war. Frankreich gehörte bekanntlich zu den Siegermächten.
Claus Gatterer und der Geschichtspfusch
Der bekannte Südtiroler Journalist und Autor Claus Gatterer stammte aus Sexten. In einem seiner Bücher schrieb er, dass seine Heimatgemeinde infolge des größten Geschichtspfusches zu Italien geschlagen wurde. Doch was meinte er damit? Wagen wir den Versuch einer geografischen Antwort und bringen wir das Toblacher Feld ins Spiel. Dieses liegt bekanntermaßen am höchsten Punkt des Pustertaler Talbodens und bildet demzufolge eine Wasserscheide. Silvesterbach und Rienz fließen gen Westen und münden über den Eisack und die Etsch ins Adriatische Meer. Die Drau, die zwischen Toblach und Innichen entspringt, fließt gen Osten und auch durch Osttirol, mündet im späteren Verlauf in die Donau und mit ihr ins Schwarze Meer.
Das Toblacher Feld
Das Toblacher Feld rückte im Verlauf seiner Historie mehrere Male in den Fokus. Vor mehr als 100 Jahren war es im Zuge des von Ettore Tolomei forcierten Bestrebens, das italienische Staatsgebiet bis zu den Wasserscheiden auszuweiten, anfänglich als Grenze zu Österreich vorgesehen. Militärisch-strategische Argumente sorgten dafür, dass auch die Engstelle östlich des Sattels bis hin zu einer weiteren Engstelle zwischen Winnebach und Sillian zu Italien geschlagen wurde.
Hier wurde 1919 die besagte Staatsgrenze im Pustertal gesetzt. Interessant ist auch der Fakt, dass das Gericht Sillian (Heinfels) im Jahre 1809 etwas über die heutigen Grenzen des Bezirks Lienz hinausging und ihm Innichen und Sexten bis zum Kreuzberg unterstellt waren.
In Toblach entspringen die Rienz und die Drau – Foto: Michael Damm from Cottbus, Deutschland, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons
Das Pustertal wird geteilt
Ein Memorandum erhitzte die Gemüter. Im Februar 1919 legte der italienische Außenminister eine Denkschrift vor, die die Verlegung der Grenze von der Toblacher Wasserscheide gut 14 Kilometer gen Osten hin verlangte. Auch wenn sich die österreichischen Verhandlungspartner und die italienischen Sozialisten zur Wehr setzten, wollte man die neue Grenze und die Angliederung der Gemeinden Innichen, Sexten, Innichberg, Vierschach und Winnebach mit allen Mitteln erreichen.
Die betroffene Bevölkerung setzte ihre Hoffnung in die Friedenskonferenz, dass die streng bewachte Grenze binnen kurzer Zeit wieder verschwinden werde. Im italienisch verwalteten Toblach gab es keine Lebensmittelknappheit; östlich davon herrschte arge Hungersnot. Die Italiener nutzten die ausgehungerten und kriegsmüden Menschen für ihre Interessen, zumal gleich nach der Grenzverschiebung am Bahnhof Toblach einige Lebensmittelwaggone eintrafen.
Das Gesetz Nr. 1322
Das Gesetz Nr. 1322 vom 26. September 1920 sorgte dafür, dass der Friedensvertrag von Saint-Germain italienisches Recht und die das Pustertal teilende Grenze schmerzlich spürbare Realität wurde. Sie zerriss ein landschaftlich durchgehendes Tal, missachtete kirchliche Zuständigkeiten, zerriss historische Bezirke, Familien, ländlichen Besitz, unterband den Warenverkehr, wirtschaftliche, kulturelle und touristische Aktivitäten.
Postkartensammlung von Andreas Raffeiner
Die Isolierung Osttirols
Obwohl zu Beginn sowohl die Winnebacher als auch die Arnbacher Grenzscheine zu Grenzübertritten erhielten, sorgte die Machtergreifung der Faschisten im Oktober 1922 dafür, dass die idyllische Landschaft in ein System an Bunkern, Kasernen und Sperren verwandelt wurde. Grenz- und Zollstationen sowie die gezielte Zuwanderung italienischer Beamter verunstalteten einen Tiroler Landstrich, der zuvor niemals eine Grenze dargestellt hatte.
Die Teilung Tirols verschob die Parameter entscheidend
Mit der am 10. Oktober 1920 erfolgten Annexion Südtirols durch Italien wurde Osttirol komplett isoliert. Während der Bezirk Lienz im westlichen Drautal von den Italienern besetzt wurde, war er von nun an mit Nordtirol nicht einmal mehr geografisch verbunden. Die Landeshauptstadt Innsbruck war nur noch mühsam über Kärnten und Salzburg erreichbar.
Status quo
Erst nach 1945 gab es verbesserte Möglichkeiten, über das Südtiroler Pustertal in die Landeshauptstadt zu gelangen. Sowohl der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 als auch die Entfernung des Grenzschlagbaums und das Inkrafttreten des Schengener Abkommens drei Jahre später haben die Grenze zwischen Winnebach und Arnbach durchlässiger gemacht, aber sie ist immer noch da.
Von Andreas Raffeiner






