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  • Punta Linke: Der 1. Weltkrieg hautnah

    Die globale Erwärmung läßt unsere Gletscher schmelzen. Ungekannte Seiten des 1. Weltkrieges kommen so zu Tage. Auf der Punta Linke (Val di Sole - Welsch-Tirol) befindet sich ein einmaliges Freilichtmuseum.

    • Punta Linke: Die Seilbahnbaracke. Bild: Ufficio beni archeologici della Provincia autonoma di Trento.
    • Die Punta Linke an der lombardischen Grenze. Bild: UT24
    • Der Monte Vioz von Pejo aus gesehen. Bild: Giuliano Bernardi (GPL)
    • Die Zugmaschine der Seilbahn. Bild: Ufficio beni archeologici della Provincia autonoma di Trento.
    • Das Innere der Seilbahnbaracke mit den Funden an ihrem originalen Standort. Bild: Ufficio beni archeologici della Provincia autonoma di Trento.
    • Die Kaverne im felsigen Abschnitt. Bild: Ufficio beni archeologici della Provincia autonoma di Trento.
    • Überschuh aus Stroh. Deutlich zu lesen der Name "Antonio" Bild: Ufficio beni archeologici della Provincia autonoma di Trento.
    • Überschuhe aus Stroh. Bild: Ufficio beni archeologici della Provincia autonoma di Trento.

    Die globale Erwärmung läßt unsere Gletscher schmelzen. Der Rückgang der Eismassen bringt zahlreiche Funde aus der Menschheitsgeschichte zum Vorschein. Je älter ein Fund ist, desto mehr Aufmerksamkeit erregt er. Ötzi, der Eismann vom Similaun ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

    99,9% der archäologischen Reste im hochalpinen Raum stammen hingegen aus dem 1. Weltkrieg.

    Erfahrungen

    Das Welsch-Tiroler Denkmalamt nimmt sich seit Jahren dieses Themas an. In Zusammenarbeit mit dem Kriegsmuseum in Pejo hat man 2007 damit begonnen, Reste der militärischen Auseinandersetzung aus der Eisregion zu bergen.

    Die ersten Arbeitsgebiete waren der Piz Giumela (3.593m) und die Punta Cadini (3.524).

    Hier sammelten die Archäologen wertvolle Erfahrungen im Umgang mit den Kriegsresten im ewigen Eis. Wie müssen solche Arbeiten ablaufen? Wie sollen die Funde behandelt werden? Wie kann man die Strukturen am besten dokumentieren?

    All diese Lehren flossen in das bis heute ambitionierteste archäologische Projekt zum ersten Weltkrieg in der Eisregion ein:

    Die archäologische Untersuchung der österreichisch-ungarischen Stellungen auf der Punta Linke.

    Punta Linke

    Die Punta Linke liegt auf 3629m Seehöhe in der Ortler-Cevedale-Gruppe und gehört zum Gemeindegebiet von Pejo (Siehe Karte).

    Selbst der Name des Berges stammt aus dem Weltkrieg: Die Punta Linke ist die “linke” Vorgipfel-Stellung der Vioz-Spitze (3645m).

    2009 begann das Amt für Bodendenkmäler des Landes Welsch-Tirol in Zusammenarbeit mit dem Museum in Pejo mit der Untersuchung, der Dokumentation und der Restaurierung der Stellungen.

    Neben der wissenschaftlichen Arbeit war es immer das Ziel des Projektes, das Denkmal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die ehemalige Vioz-Hütte (heute Mantua-Hütte) liegt nämlich nicht weit entfernt.

    Tiefgefrohrene Geschichte

    Die Stellungen auf der Punta Linke hatten vor allem als logistischer Knotenpunkt eine große Bedeutung: Eine Seilbahn führte von Pejo herauf und von hier weiter zu den österreichisch-ungarischen Stellungen auf dem Südosthang des Palon del la Mare, die heute als «Coston delle barache brusade» (Rücken der verbrannten Baracken, 3300m) bekannt sind.

    Zur Seilbahn gehört eine Baracke mit mechanischer Werkstatt und der Zugmaschine (siehe Photo), damit verbunden war eine Kaverne von 30 Meter länge, die teils im Permafrost, teils im Felsen vorgetrieben wurde. An deren hinterem Ausgang startete die 1300 Meter lange Seilbahn zum «Coston delle barache brusade».

    Die Funde

    Das Denkmalamt hat die Baracke in ihrem originalen Zustand wiederhergestellt, ebenso wie die Zugmaschine deutscher Herkunft (Siehe Photo), die zerlegt im Inneren der Kaverne aufgefunden wurde.

    Die bergmännisch ausgebaute Kaverne wurde konsolidiert (Siehe Photo).

    Außerhalb der Baracke fand sich der Großteil der Kleinfunde: Werkzeuge, zahlreiche Rollen Stacheldraht, Seilbahnmaterial, Schutzschilde, Helme, ein Krautstampfer, usw.

    Namen im Eis

    Vor besonderer Bedeutung war der Fund von ca. 100 Überschuhen aus Stroh, die von den Soldaten während der Wachdienste übergezogen wurden, um sich vor Kälte zu schützen. Auf einem Exemplar fand sich noch der Stempel des Kriegsgefangenenlagers Kleinmünchen (bei Linz) wo das Objekt wahrscheinlich hergestellt worden ist. Auf anderen schrieben die Soldaten mit Bleistift ihre Namen (z.B. Mario oder Januk. Siehe Photo)

    Hier zeigt sich, wie eng die Fundstücke der Kriegszeit mit den handelnden Personen vor 100 Jahren verbunden sein können.

    Hier hat die Archäologie auch eine moralische Verantwortung, die über das blose Erfassen und Konservieren von Objekten hinausgeht.

    Auch Reste von Schriftstücken konnten noch geborgen werden: Neben einer handgeschriebenen Anleitung zur richtigen Bedienung der Seilbahn, fand sich eine Seite der Zeitschrift “Wiener Bilder” mit dem Photo von Menschen, die in der Reichshauptstadt vor einer Bäckerei Schlange stehen.

    Alle Fundobjekte wurden an Ort und Stelle belassen (Siehe Photo).

    Das Freilichtmuseum

    Punta Linke ist heute das höchst gelegene Freilichtmuseum des Ersten Weltkrieges in Europa. Wer diesen Ort betritt, taucht in die Welt von vor 100 Jahren ein.

    Die Stellungen auf der Punta Linke sind während der Sommeröffnungszeit der Viozhütte immer Samstags und Sonntag von 11 bis 15 Uhr zu besichtigen.

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