Lukas Steinwandter

18.10.2020

Wer von Eigenverantwortung spricht, muss sie auch gewähren

Wenn die regierenden Politiker einen Appell an die Bürger richten, dann ist Vorsicht geboten. Denn entweder ist die Lage wirklich ernst, oder die Herrschenden wollen sich wichtigmachen und die ihnen anvertraute Macht bis aufs Letzte ausreizen.

Südtirols LH Arno Kompatscher Foto: LPA/Ivo Corra

Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher wandte sich am gestrigen Samstag im Namen der Landesregierung mit einem Appell an die Bürger dieses Landes. Darin lobte der SVP-Politiker die „gemeinsame Anstrengung und Disziplin“ und forderte seine Landsleute auf, „die geltenden Regeln zu respektieren und auch andere dabei zu unterstützen“. Denn jetzt, wo die Infektionszahlen wieder stiegen, „befinden wir uns wieder in einem entscheidenden Moment“.

Kompatscher lobte zurecht die Eigenverantwortung der Südtiroler. Diese bewirke langfristig mehr als Verbote. Das ist korrekt und nebenbei beschneidet eine solche Herangehensweise die Freiheit weniger krass. Doch wieso behandelt uns dann der Landeshauptmann wie Kinder?

„Halten wir zusammen, schauen wir aufeinander und respektieren wir in gegenseitigem Respekt (sic!) die Regeln“, schreibt Kompatscher. So spricht auch ein Grundschullehrer, der sich mit seiner Klasse zum nächsten Weiler aufmacht, um Bäume zu pflanzen. „Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske tragen ist nicht schwierig“, stellt der Landeshauptmann klar. Die Lehrerin hätte gesagt: Haltet euch an die Regeln, Kinder, sie sind wirklich nicht schwierig.

Den Appell ließ Kompatscher nicht nur in den Tageszeitungen abdrucken, er schickte ihn auch an die Bürgermeister und Vereine. Im beiliegenden Anschreiben benutzte er das sogenannte Gender-Sternchen („Bürger*innen“, „Südtiroler*innen“). Dabei handelt es sich um eine Erfindung postmoderner Mannsweiber, die die Gesellschaft schlussendlich zum Nachteil aller Geschlechter, also Frauen und Männer, verändern wollen.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache lehnte diese Schreibweise kürzlich ab mit der Begründung: „Bei seiner Verwendung entstehen nicht nur grammatisch falsche Formen (z. B. Arzt*in oder Ärzt*in), auch den Regeln der deutschen Rechtschreibung entspricht das Sternchen nicht.“ Auch andere vergleichbare Ausdrucksmittel wie der Gender-Unterstrich, der Gender-Doppelpunkt oder der Gender-Mediopunkt seien „mit den amtlichen Regeln der deutschen Rechtschreibung nicht vereinbar“.

Zurück zu Corona und Südtirol: Es war im Frühjahr verständlich, harte Maßnahmen zu ergreifen, um gegen die damals unbekannte Pandemie vorzugehen. Löblich ist auch, dass Südtirol einen leicht anderen, weniger radikalen Weg einschlug. Heute sind wir aber weiter. Noch nie in der Geschichte konnte die globale Ausbreitung eines Virus praktisch live mitverfolgt werden. Noch nie konnten so viele Daten erhoben werden.

Wir wissen, wer zu den Risikogruppen gehört und wer nicht. Wir wissen, dass das Virus Gott sei Dank nicht so tödlich ist, wie einige Experten zunächst vermutet hatten. Wir wissen aus anderen Ländern, wie das gewohnte Leben einigermaßen normal weitergehen kann, ohne dass Corona alles zugrunde richtet.

In der Goethe-Stadt Weimar in Thüringen fand vor kurzem der „Zwiebelmarkt“ statt. Innerhalb von fünf Tagen besuchten ihn laut Angaben der Stadt rund 75.000 Menschen. Das Besondere: Der sogenannte Inzidenzwert, also die Anzahl der Infizierten pro 100.000 Einwohner, stieg danach nicht an.

Der Oberbürgermeister gab zwar an, dies habe auch mit „ganz viel Glück“ zu tun gehabt. Vermutlich hing der gute Ausgang aber auch mit dem Hygienekonzept und der Eigenverantwortung der Besucher sowie Geschäftsleuten und Gastronomen zusammen. Letztere hätten „ein riesen Interesse daran, dass das funktioniert, die machen auch selber mit“.

Wer so vollmundig von Eigenverantwortung spricht wie der Landeshauptmann, der muss den Bürgern auch die Möglichkeit zur Eigenverantwortung geben. Wer zur Risikogruppe gehört, bleibt Feiern in geschlossenen Räumen aus eigenen Stücken fern. Wer als junger Bursche die Sau raus ließ und möglicherweise infiziert ist, ohne Symptome zu haben (so wie bei vielen), der wird aus Liebe seinen Großeltern erstmal nicht mehr zu nahe kommen. Wer aber Feiern beschränkt, Restaurants zwangsweise schließt und die Wirtschaft verängstigt, der sollte wenigstens zugeben, dass er den Leuten nicht traut und lieber hart durchreguliert.

Wer andere wie Kinder behandelt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn er als streng dreinblickender Zuchtmeister mit der Rute in der erhobenen Hand wahrgenommen wird. Vor allem, wenn er Teil einer grün-weiß-roten Schlendrian-Organisation ist, die in der Corona-Krise, aber auch schon lange davor, keine bella figura gemacht hat.

 

Lukas Steinwandter, Jg. 1990, der Journalist aus dem Hochpustertal arbeitet als Redakteur bei der Berliner Wochenzeitung Junge Freiheit.

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  1. Puschtra
    21.10.2020

    @Benny,seit wann ist der Autor für das Verhalten

    der Jungen Partytiger verantwortlich?, wenn Sie schon von Eigenverantwortung sprechen, einfach mal
    vom Verhalten der Jungen Partytiger Fotos machen und auf FB teilen, das hat mehr Wirkung als den Autor als “Schreiberling”
    abzuurteilen, denn in dem Falle unterscheiden Sie sich dann charackterlich auch nicht von kritisierten Partytigern

  2. Puschtra
    19.10.2020

    Als unser Arno mit den Grüßaugust Steinmeier Handschlag machte ohne Maske und Abstand, war ja die
    Eigenverantwortung besonders Vorbildlich, der Arno kann mich mal …
    Sag mir mit wehm du dich triffst, und ich sage dir wer du charackterich bist, im Bezug Steinmeier, einer der
    eine Antifa-Band positiv promotet, und den grössten Isralefeind den iranischen Mullahs zum Jahrestag
    der Revulution gratuliert, aber unser Arno sonnt sich gerne mit solchen Heuchlern.

  3. Puschtra
    19.10.2020

    Etwas noch vergessen, im Bezug “Eigenverantwortung” Frage an unsere Politiker, wie viele Tote gibt es sonst ausserhalb
    Corona mangels Eigenverantwortung zbsp. besoffen (AUTOFAHREN Luttach) oder überhöhte Geschwindigkeit, Unfälle auf den Arbeitsplatz,
    man könnte einen Roman reinschreiben.

  4. Puschtra
    19.10.2020

    Unser “Oberbefehlshaber ” Kompatscher eignet sich also jetzt auch schon der “Verhunzung” der schönen deutschen Sprache an,
    Muss Südtirol jetzt auch das “Gendern ” übernehmen? Übrigens die BRD hat kein Urheberrecht auf die deutsche Sprache!
    Denn Deutsch wurde schon gesprochen in Mitteleuropa (schon vor Beginn des Buchdrucks anno1500)da war nirgend in der Landkarte die
    die BRD eingezeichnet.
    Und über den Rest des Artikels bin ich mit den Autor einverstanden

  5. dege
    19.10.2020

    Noch was zu und für Benni: Bitte einigen wir uns doch darauf, jeden Schreibenden als Schreibenden zu respektieren, solange dessen Sprache im grünen Bereich bleibt. Man “schreiberlingt” nicht einen Artikel oder Kommentar, man schreibt ihn. Der Ausdruck “Schreiberling dieses Artikels” drückt eine verletzende Herablassung gegen den Schreibenden selbst aus und taugt nicht zur Abwehr einer möglicherweise irrigen Denkweise.

  6. dege
    19.10.2020

    Die rhetorische Frage von Benni besteht zurecht. Was, wenn die Eigenverantwortung fehlt? Wie in anderen Bereichen (Autoverkehr, Elternschaft, Vermögen, Genussmittel) gibt es Unverantwortliche auch in der Virus-Prävention. Heißt das, dass wir in Zukunft alle Bereiche, in denen es Unverantwortlichkeit und folglich Schuld und Leiden gibt, von oben herab (autoritär) mit harter Hand regulieren? Fast habe ich den Eindruck, als ob die von der Weltgesundheitsorganisation erklärte Pandemie “Covid 19” ein Exerzierfeld für totalitäre Gesellschaftsmodelle ist, die im 20. Jahrhundert groß in Mode waren, und dass nicht wenige diese Zeiten zurück haben möchten. Auch der Bolschewismus und (als Antwort auf diesen) der Faschismus wurden im Namen des Gemeinwohls und im Namen höchster Ideale eingeführt. Das Ende war Katastrophe. Nüchtern und bei Licht betrachtet, ist Covid zwar eine Gefahr, aber diese Gefahr ist überschaubar und sie darf den biologisch Alten, den Regierungen und den Verstärker-Medien keine Rechtfertigung dafür geben, die Allgemeinheit nach Belieben zu kujonieren.

  7. FranzK
    19.10.2020

    Genau @Benni, solche Leute wie sie, was bei dem Wort Corona in die Hose machen, sind eigentlich schuld an der Pandemie. Merken sie nicht, sie verbreiten doch die Angst.

  8. Benni
    18.10.2020

    Und was ist wenn den Leuten die Eigenverantwortung vollkommen egal ist, was ist wenn die Jungen Partytiger doch am Sonntag bei der Oma am Tisch sitzen. Was ist wenn die Risikogruppen, wir reden immerhin von 35 Prozent der Bevölkerung, keine Lust hat sich für 5 Monate zuhause einzusperren. Wer hat dann das Problem, der Schreiberling des Artikels, der aus vorteilhaften Position ohne irgend einer Verantwortung schreibt. Oder die Ärzte und Pfleger die das dann ausbaden müssen. Oft bei einer Ansteckung das eigene Leben riskieren…..

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