
Alexander Wurzer
Wenn Vorbilder die Heimat vergessen

Nein. Es ist nicht harmlos. Und ja: Es tut weh. Es schmerzt, weil es nicht irgendeine Geste ist – sondern ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, wie leichtfertig manche bereit sind, das Eigene beiseitezulegen, sobald Applaus, Karriere und Anerkennung winken.
Südtirol ist nicht „irgendein Land“. Südtirol ist eine Heimat mit Narben. Unsere Sprache, unsere Kultur, unser Tiroler Erbe sind kein folkloristisches Beiwerk, das man nach Lust und Laune aus- und wieder anziehen kann. Es ist das Fundament unserer Identität. Und dieses Fundament wurde nicht geschenkt – es wurde verteidigt. Über Generationen. Mit persönlichem Risiko, mit Ausgrenzung, mit Mut. Viele unserer Vorfahren haben nicht „ein bisschen“ gelitten, damit wir heute bequem sein können. Sie haben durchgehalten, weil sie wussten: Wenn die Sprache fällt, fällt das Volk. Wenn man sich schämt, wer man ist, dann hat man schon verloren, bevor der Gegner überhaupt etwas tun muss.
Darum ist das, was wir heute erleben, so beschämend. Nicht, weil Sportler keine italienischen Sätze schreiben dürfen. Nicht, weil jemand als Athlet im italienischen Verband startet – oft gibt es dafür strukturelle Gründe wie den Umstand, dass sich die politische Mehrheit gegen eine Sportautonomie wehrt. Sondern weil aus einer Notwendigkeit ein Bekenntnis gemacht wird. Weil das Mitmachen plötzlich zum Mitjubeln wird. Weil man nicht nur „dabei“ ist, sondern sich begeistert einordnet – in eine Symbolik, die unsere Geschichte allzu oft missachtet hat.
Es ist ein Unterschied, ob man respektvoll mit einer Realität umgeht – oder ob man sie verinnerlicht und feiert. Wer in Südtirol aufwächst, weiß: Diese Fahne ist nicht nur Sportdekoration. Diese Hymne ist nicht nur Musik. Für viele Familien sind das Zeichen einer Zeit, in der unsere Muttersprache klein gemacht wurde. In der man uns einreden wollte, wir müssten „italienischer“ werden, um akzeptiert zu sein. In der man deutsche Ortsnamen tilgen, Vereine umformen, Schulen beeinflussen, Identität umschreiben wollte. All das ist nicht „weit weg“. Es steckt in Erinnerungen, in Erzählungen, in der stillen Vorsicht vieler Menschen, die gelernt haben, dass man das Eigene verteidigen muss, weil es sonst verschwindet.
Und genau hier beginnt die Verantwortung der Vorbilder.
Sportler stehen heute nicht nur für Leistung. Sie stehen für Wirkung. Sie prägen Sprache, Gesten, Stil – und damit auch Selbstbilder. Wenn ein junger Südtiroler sieht, dass „Erfolg“ scheinbar bedeutet, sich im entscheidenden Moment möglichst laut zur Trikolore zu bekennen, dann lernt er etwas – und zwar das Falsche: dass man Anerkennung bekommt, wenn man sich anpasst. Dass das Eigene ein Hindernis ist. Dass Tiroler Identität etwas ist, das man im Wohnzimmer bewahren kann, aber nicht auf der großen Bühne.
So beginnt Assimilation im 21. Jahrhundert: nicht mit Verboten, sondern mit Vorbildern. Nicht mit Druck, sondern mit Bequemlichkeit. Nicht mit Zwang, sondern mit dem süßen Gefühl, „dazuzugehören“. Und irgendwann merkt man: Die eigene Sprache wird seltener. Der eigene Stolz wird leiser. Die eigene Geschichte wird zu einem Randthema. Und dann heißt es plötzlich: „So wichtig ist das doch alles nicht.“ Doch. Es ist wichtig. Weil es uns ausmacht.
An die Tiroler, die das genauso fühlen: Euer Schmerz ist berechtigt. Es ist kein „Überempfindlichsein“, wenn man spürt, dass hier etwas kippt. Es ist Wachsamkeit. Es ist das Gespür dafür, dass Identität nicht nur durch Angriffe verloren geht, sondern auch durch inneres Aufgeben. Wenn jene, die sichtbar sind, das Eigene nicht mehr hochhalten, dann wird die stille Mehrheit irgendwann müde. Und Müdigkeit ist der Anfang vom Ende.
Und an die Jugend: Nehmt euch keine Vorbilder, die euch lehren, euch selbst klein zu machen. Ihr müsst nicht laut sein, um Tiroler zu sein. Aber ihr dürft euch nie einreden lassen, dass ihr euch schämen müsst. Eure Sprache ist keine Last. Eure Tradition ist kein Makel. Eure Herkunft ist keine Peinlichkeit. Das alles ist Würde. Und Würde zeigt sich gerade dann, wenn man im Rampenlicht steht.
Niemand fordert, dass ein Athlet auf dem Podest eine politische Rede hält. Aber man darf erwarten, dass ein Südtiroler auf Südtiroler Boden nicht vergisst, wer er ist. Dass er nicht ausgerechnet in dem Moment, in dem er für „Südtirol“ wahrgenommen wird, symbolisch alles ablegt, was Südtirol ausmacht. Ein schlichtes, stilles Zeichen würde genügen: Ein Satz, der die Heimat einschließt, statt sie zu verdrängen. Ein Bewusstsein dafür, dass Identität mehr ist als ein Trikot.
Denn: Wenn ein Südtiroler Sportler „Forza Italia“ schreibt, dann klingt das in vielen Ohren nicht wie Sportbegeisterung – sondern wie Selbstverleugnung. Und das ist die bittere Wahrheit: Man kann alles gewinnen – und trotzdem etwas verlieren, das unbezahlbar ist.
Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen. Nicht aus Feindseligkeit, sondern aus Selbstachtung. Wir müssen wieder klarer sagen, was wir sind – und warum. Nicht, weil wir anderen etwas wegnehmen wollen, sondern weil wir uns selbst nicht wegwerfen dürfen.
Südtirol braucht Vorbilder, die nicht nur schnell sind, stark sind, talentiert sind – sondern die Rückgrat haben. Vorbilder, die verstehen: Wer auf dieser Erde steht, steht nicht auf neutralem Boden. Er steht auf Geschichte. Auf Opferbereitschaft. Auf dem Trotz jener, die gesagt haben: „Wir bleiben, wer wir sind.“
Es wäre das Mindeste, dass die, die heute bejubelt werden, diesen Satz nicht mit Füßen treten.
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