Kollmanns Blog

Cristian Kollmann

02.09.2020

Weißrussland oder Belarus?

Für das kleine Land zwischen Polen im Westen und Russland im Osten ist in den deutschsprachigen Medien in letzter Zeit vermehrt die Bezeichnung Belarus zu vernehmen. Der bisher im Deutschen geläufige Name Weißrussland soll offenbar zurückgedrängt bzw. gar nicht mehr verwendet werden. Die Begründung von Politik und Medien lauten sinngemäß, dass der Begriff Weißrussland eine Ableitung von Russland und damit eine Abhängigkeit des kleineren Landes im Westen vom weitaus größeren Land im Osten suggeriere. Doch wie lauten die Bezeichnungen der beiden Länder im Laufe der Geschichte? Lässt sich die politisch und medial gewollte Abkehr vom Landesnamen Weißrussland wissenschaftlich tatsächlich rechtfertigen? Was wären die Folgen, wenn sich die Bezeichnung Belarus auch im Deutschen durchsetzen würde? Diesen Fragen geht der Sprachwissenschaftler Cristian Kollmann nach.

Flagge von Weißrussland. - Foto: Pixabay.

Die Rus: Urheimat der Ostslawen.

Die Bezeichnungen Weißrussland bzw. Belarus sowie Russland sind zweifellos miteinander verwandt. Sie stammen, direkt oder indirekt, aus dem Altslawischen. Die frühesten slawischen Belege für jenes Kerngebiet, aus dem später Russland, Weißrussland und aber auch die Ukraine hervorgehen sollten, reichen ins 9. Jahrhundert zurück und treten in kyrillischer Schrift als altkirchenslawisch Роусь und altostslawisch Рꙋсь, Русь in Erscheinung. In lateinischer Schrift werden diese historischen Formen konventionell als Rusĭ, Rus’ oder, der Einfachheit halber, als Rus transkribiert. Das u ist dabei lang, und das ĭ bzw. der Apostroph ’ soll den Nachklang eines j andeuten. Die zu erschließende ursprüngliche Aussprache im Slawischen lautete somit genau genommen Rūsʲ, doch wird im Folgenden die vereinfachende Schreibung Rus, wie sie auch in Belarus vermehrt vorkommt, verwendet. Rus – im Deutschen heißt es überwiegend die Rus – bezieht sich ursprünglich auf einen Herrschaftsbereich im östlichen Europa ab der Mitte des 9. Jahrhunderts bis um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die wichtigsten Orte innerhalb der Rus waren die heutige russische Stadt Weliki Nowgorod (früher deutsch: Neugart), ca. 300 Kilometer östlich von der heutigen estnisch-russischen Grenze gelegen; Polazk, das ist die älteste Stadt Weißrusslands im Norden des Landes gelegen; sowie Kiew, die Hauptstadt der heutigen Ukraine. Die Hauptstadt der Rus war anfänglich Nowgorod, doch bereits im Jahr 882 wurde sie nach Kiew verlegt. Aus letzterem Grund sowie in Abgrenzung zum erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts entstandenen Großfürstentums Moskau, das auch als „Moskauer Rus“ bekannt war, wird die Rus seit dem 19. Jahrhundert von den Geschichtsschreibern als „Kiewer Rus“ und seit dem 20. Jahrhundert auch als „Altrussischer Staat“ bezeichnet. Für ein- und dasselbe historische Gebiet bedient sich die Geschichtsschreibung also unterschiedlicher Bezeichnungen. Unumstritten ist dagegen, dass die Rus als Urheimat der Ostslawen betrachtet wird, deren Sprache im Laufe der Geschichte die Einzelsprachen, Russisch, Weißrussisch und Ukrainisch hervorgebracht hat.

  • Die „Kiewer Rus“. - Quelle: Wikipedia.

Fortsetzer von Rus in den ostslawischen Sprachen.

Der Name Rus (Русь) lebt direkt fort in Belarus (Беларусь), das ist die weißrussische Bezeichnung für Weißrussland. Warum der Name, nachweislich seit dem 13. Jahrhundert, mit dem Zusatz Bela-, der ‘weiß’ bedeutet, versehen wurde, ist in der Forschung völlig umstritten und de facto unklar. Eine rezente Theorie besagt, dass, durch mongolischen Einfluss, mit Farben die Himmelsrichtungen bezeichnet wurden. Die Farbe Weiß habe sich demnach auf den Westen bezogen. Einer anderen Theorie zufolge rührt der Zusatz Bela- ‘weiß’ daher, dass Weißrussland lediglich eine Bezeichnung für den russischen Teil des Großherzogtums Litauen war, das 1236 von baltischen Fürsten gegründet wurde. Das Wort baltisch bedeutet nämlich ebenfalls ‘weiß’, und Weißrussland war bis 1791 ein Teil Litauens, also bis zu jenem Jahr, als der Unionsstaat Polen-Litauen ins Russische Reich eingegliedert wurde. Laut einer weiteren Theorie bezog sich die Farbe Weiß auf die typischen Oberkleider und Filzmützen eines Teiles der Bevölkerung. Jede Deutung hat sicher etwas für sich, doch welche historisch richtig ist, kann nicht entschieden werden. Neben Weißrussland existieren auch die historischen, allerdings jüngeren Bezeichnungen Schwarzrussland (weißrussisch Tschornaja Rus) für ein Gebiet im Südwesten des heutigen Weißrusslands gelegen, sowie Rotrussland (weißrussisch Tschernowa Rus) für ein Gebiet, das sich heute über das südöstliche Polen und über Teile der westlichen Ukraine erstreckt. Ebenso historische spezifizierende Begriffe sind z.B. Großrussland (russisch Welikaja Rus oder Welikorossíja) für die im 14. Jahrhundert entstandene nördliche Rus sowie Kleinrussland (russisch Malaja Rus oder Malorossíja), die ebenfalls im 14. Jahrhundert aufkam, für den nördlichen Teil der heutigen Ukraine.

  • „Weißreußland“, auch „das litthauische Reußen“, in dem im Jahr 1747 erschienenen dritten Teil von M. Johann Georg Hagers „Ausführliche Geographie“.

Bezeichnungen für die Rus und Russland im Lateinischen, Griechischen und Deutschen.

Für die Rus waren im Gelehrtenlatein des Mittelalters und der frühen Neuzeit die Bezeichnungen Russia oder Ruthenia üblich. Entsprechend hieß es für Weißrussland, Schwarzrussland, Rotrussland, Großrussland und Kleinrussland im Gelehrtenlatein Russia oder Ruthenia Alba, Rubra, Nigra, Magna (Maior) und Minor. Die ältesten Bezeichnungen im Neuhochdeutschen für die Rus und deren Nachfolgestaaten lauten dagegen Reußen, Reußland, Ruthenien und, seltener, Russien, die ebenfalls mit den entsprechenden Zusätzen Weiß-, Schwarz-, Rot-, Groß-, Klein- versehen werden konnten. Speziell bei Ruthenien handelt es sich um eine Entlehnung aus gelehrtenlateinisch Ruthenia, das seinerseits wohl eine (im Detail noch erklärungsbedürftige) Erweiterung von RussiaRuthenia nach dem Muster Prussia (Borussia) Pruthenia für Preußen darstellt. Die Ähnlichkeit mit dem keltischen Personennamen *Rutēnos, der ursprünglich ‘der Rothaarige’ bedeutet, beruht wahrscheinlich nur auf Zufall. Lateinisch Russia stellt eine Entlehnung aus altslawisch Rus nach dem Muster von griechisch Rhōsía (in griechischer Schrift Ῥωσία) dar, das aus Rhōs erweitert ist. Aus dem Griechischen entlehnt sind russisch Rossíja (kyrillisch Россия), weißrussisch Rasía (kyrillisch Расія), ukrainisch Rosía (kyrillisch Росія). Mit Rhōs sind wir zum ältesten schriftlichen Beleg für die Rus, also den Namen für jenes Gebiet angelangt, in dem sich die Wiege der heutigen drei Nationen Russen, Weißrussen und Ukrainer befand. Nach dem Muster Rossíja (kyrillisch Россия) wurde im Russischen auch der Name Belorussíja (kyrillisch Белоруссия) für Weißrussland gebildet, allerdings nicht im Weißrussischen selbst, wo es nach wie vor Belarus (kyrillisch Беларусь) heißt. Desgleichen gilt ukrainisch Bilorus (kyrillisch Білорусь). Der Name für Weißrussland zeigt somit im Weißrussischen und Ukrainischen keine Übernahme der ursprünglich griechischen Erweiterung auf ‑íja (kyrillisch ‑ия). Auch ist nicht nur im weißrussischen und ukrainischen, sondern auch im russischen Namen für Weißrussland der Vokal u der Stammsilbe noch erhalten. Dies im Gegensatz zum weißrussischen, russischen und ukrainischen Namen für Russland, in dem auf Grund des o der Stammsilbe der Einfluss von griechisch Rhōs deutlich in Erscheinung tritt. Am ehesten erklären ließe sich dieser Einfluss über die griechisch-orthodoxe Kirche, aus der auch die russisch-orthodoxe Kirche hervorging

  • „Russia Alba“ (also Weißrussland) auf der „Carta Marina“ aus den Jahren 1527–39 von Olaus Magnus. - Quelle: Wikipedia.

Erstnennung als „Rhos“.

Der Name der Rus erscheint erstmals in den schriftlichen Quellen nicht als Gebietsbezeichnung, sondern als Stammesbezeichnung (Phylonym), und zwar in der Form „Rhos“ in den Annalen des Klosters Sankt Bertin (im Norden des heutigen Frankreichs gelegen). Prudentius, ein dem fränkischen Hof unterstellter Kleriker, berichtet sinngemäß u.a.: Im Jahr 839 traf eine Abordnung des byzantinischen Kaisers Theophilus am Hofe des fränkischen Kaisers Ludwig der Fromme in Ingelheim am Rhein ein. Unter den Gesandten befanden sich einige Männer, die angaben, zum Stamm, den man „Rhos“ nennt, zu gehören (qui se, id est gentem suam, Rhos vocari dicebant). Ihr König heiße Chacanus. Er hatte sie zum byzantinischen Kaiser Theophilus gesandt, denn die beiden stünden in freundschaftlicher Verbindung. Von Kaiser Theophilus überreichte die Abordnung Ludwig dem Frommen einen Brief, in dem er gebeten wurde, er möge den Reisenden, damit sie in ihre Heimat zurückkehren können, die Durchquerung des Frankenreiches gewähren. Diese Route, die über die Ostsee führte, sei für sie vor Plünderangriffen sicherer als jene, die sie damals auf dem Weg nach Byzanz gewählt hatten, denn dabei waren sie auf außerordentlich barbarische und wilde Völker gestoßen. Nach eingehender Prüfung des Anliegens war für Ludwig den Frommen klar, dass die Gruppe, die bei ihm vorgesprochen hatte, aus Schweden stammt (eos gentis esse Sueonum). Dennoch blieb er skeptisch, denn es könnte sich um Spione handeln. Ob Ludwig der Fromme den Bittstellern die Durchreise durch sein Reich gewährte, ist letztlich nicht bekannt, da der Stammesname „Rhos“ in den späteren Annalen keine Erwähnung mehr findet. Auf jeden Fall scheint es sich bei „Rhos“, auf Grund der Graphie mit h, um eine Entnahme aus einer griechischen Vorlage zu handeln. Es wird vermutet, dass diese direkt Theophilus’ Brief gewesen sein könnte.

  • Ludwig der Fromme (778 – 840).

Ursprung der „Rhos“.

Wie altslawisch Rus konnte auch die bereits davor belegte griechische Stammesbezeichnung Rhos für Singular und Plural gleichermaßen verwendet werden. Doch wer genau waren die Rhos, woher stammt der Name, und welche Sprache sprachen diese Leute? Genau diese Fragen beschäftigt die Forschung seit Jahrhunderten und sind bis heute nicht restlos geklärt. Sehr oft kam dabei auch die Ideologie mit ins Spiel – mitunter auf Kosten der Wissenschaft. So gab/gibt es auf der einen Seite die Normannisten, auf der anderen Seite die Antinormannisten. Die beiden Lager unterscheiden sich dadurch, dass – in aller Kürze gesagt – die Normannisten einen skandinavischen Ursprung des Namens Rhos für wahrscheinlich halten, während die Antinormannisten, besonders noch in der Sowjetzeit, sich andere Szenarien vorstellten. Die Liste der Abhandlungen, die sich letztlich mit dem Ursprung des Namens der Russen beschäftigen, ist sehr lang, und dabei werden zahlreiche Detailfragen untersucht. Manche dieser Fragen sind indes unumstritten geklärt, doch zu einem definitiven und allgemein akzeptierten Gesamtergebnis ist man bis heute nicht gekommen. Auf jeden Fall ist die vorherrschende (und somit nicht ausschließliche Meinung) jenseits etwaiger „Lagerkämpfe“ zu Gunsten der Normannisten. In Übereinstimmung mit der Erstnennung der Rhos in vorgenannter Quelle wie aber auch in späteren Quellen, wird der Ursprung der Rhos tatsächlich in Skandinavien vermutet und sogar präzisiert. Konkret denkt man dabei an die Küstengegend Roslagen in Uppland nordöstlich von Stockholm, die im Jahr 1296 als altschwedisch „Roþin“ in Erscheinung tritt. Die Sprachwissenschaft erschließt für diesen Namen ein urgermanisches Substantiv *rōþuz (þ ist wie th in englisch thing und z wie ein stimmhaftes s zu sprechen) und leitet ihn von der urindogermanischen Verbalwurzel *h₁reh₁– ‘rudern’ ab (der Zusatz ‑lagen, zu schwedisch lag ‘Recht’, kam erst später auf, und bei diesem handelt es sich um einen in der schwedischen Toponomastik sehr häufig auftretenden Begriff für Gebiete mit spezifischer Gesetzgebung). Die wahrscheinlichste ursprüngliche Bedeutung des urgermanischen Wortes *rōþuz muss meines Erachtens ‘das Rudern – als Verkörperung’ gewesen sein. Konkret verkörpert werden konnte diese Tätigkeit durch eine Gruppe von Individuen, aber auch durch die See, in der die Tätigkeit ausgeführt wurde bzw. durch die Küste, in der sich ebenfalls vieles um diese Tätigkeit drehte. Aus der Bedeutung ‘Verkörperung des Ruderns’ konnten sich leicht die Bedeutungen ‘Rudergemeinschaft’ oder ‘Rudergegend’ ergeben. An dieser Stelle sei an die historische Unbestreitbarkeit erinnert, dass unter den alten Skandinaviern die Tätigkeit des Ruderns bereits im Altertum eine zentrale Rolle im Alltag spielte, sei es aus der Sicht der Wirtschaft, sei es aus der Sicht der Kriegsführung oder auch einfach nur für die Mobilität im Allgemeinen. Die Menschen in Roslagen waren wohl mehrheitlich direkt oder indirekt Teil einer Rudergemeinschaft und in irgendeiner Form in die Organisation derselben – etwa in der Herstellung und Wartung von Ruderbooten, Ausbildung und Ausstattung der Ruderer, Koordinierung von Ruderflotten – eingebunden. Aus diesem Grund wurde urgermanisch *rōþuz ‘Rudergemeinschaft’, das sich im Nordgermanischen, genau genommen dem Altnordischen (ca. 700 bis ca. 1200), zu *Rōþʀ entwickeln musste, zur Eigenbezeichnung der Siedler, wurde aber auch auf deren Einsatzgebiet, das ist die Küste und die See, übertragen.

  • Der Küstenstreifen Roslagen (dreieckig umrandet) in Schweden. - Quelle: Google Maps.

Migration des Namens und des Stammes.

Es wird gemutmaßt, dass in jenem Gebiet, das heute Roslagen heißt, die urnordisch sprechenden Nordgermanen und die Ostseefinnen zum ersten Mal miteinander in Kontakt kamen. Die Ostseefinnen bekamen dabei von ihren Nachbarn auch den Gebietsnamen *Rōþʀ zu hören. Er wurde, nach allgemeiner Auffassung, im 8. Jahrhundert, ins Ostseefinnische als *Roocci (oder *Rooθθi) entlehnt. Dort bezeichnete er nicht nur besagte Küstengegend und deren Bewohner, sondern er wurde – pars pro toto – auf das gesamte benachbarte Siedlungsgebiet und deren Menschen übertragen. So sind in den modernen ostseefinnischen Einzelsprachen beispielsweise finnisch Ruotsi und estnisch Rootsi die Bezeichnungen für Schweden. Im Karelischen dagegen kann Ruočči zudem das benachbarte Finnland sowie die Finnen bezeichnen, weil Finnland einst zum Schwedischen Reich gehörte. Was allerdings an dieser Stelle nicht verschwiegen werden darf: In einer Fülle von wissenschaftlichen, darunter auch rezenten Abhandlungen, wird die Etymologie des ostseefinnischen Namens für Schweden nach wie vor kontrovers diskutiert. Folglich wird auch dessen Herkunft aus urnordisch *Rōþʀ auf Grund von linguistischen Problemen, die hier nicht eingehender erörtert werden sollen, immer wieder angezweifelt. Allgemein hat die hier wiedergegebene Etymologie jedoch mittlerweile Zustimmung gefunden (Notiz am Rande: Lautgeschichtlich eleganter wäre ein germanisches Geberwort *Rōþs aus urindogermanisch *h₁roh₁‑t‑s, weil dieses praktisch problemlos zu den ostseefinnischen Formen wie finnisch Ruotsi usw. geführt hätte. Doch konnte es *Rōþs im Altnordischen nicht geben, sehr wohl aber im ostgermanischen Gotischen, das jedoch nicht ins Spiel gebracht wird). Ebenfalls Probleme bereitet die Etymologie des Namens Rus. Altslawisch *Ru (mit langem u zu sprechen) wird, trotz immer wieder vorgebrachter Einwände besonders seitens der Antinormannisten, mittlerweile von der Mehrheit der Wissenschaftler als Entlehnung aus ostseefinnisch *Roocci (oder *Rooθθi) ins Ostslawische erachtet (wobei jedoch meines Erachtens auch hier eine vom Ostseefinnischen unabhängige Entlehnung direkt aus ostgermanisch *Rōþs weitaus weniger problematisch wäre). Untermauert wird die These, dass mit altslawisch *Rusĭ ursprünglich Skandinavier bezeichnet wurden, durch archäologische Funde, die die Präsenz von Skandinaviern ab dem 8. Jahrhundert in der Gegend der späteren Rus beweisen. Namentlich von den Warägern, die zu den Wikingern gerechnet werden, ist bekannt, dass sie sich ab dem 8. Jahrhundert unter anderem an Dnepr, Düna und Wolga niederließen und dass ihr Fürst Rjurik im 9. Jahrhundert in Nowgorod die Kiewer Rus bzw. den Altrussischen Staat begründete. Doch die Waräger waren nicht die einzigen Siedler in der Gegend. Vor und gleichzeitig mit ihnen ist mit Sicherheit mit weiteren germanischen Zuwanderern zu rechnen. Mancherorts dürften sie dabei auf eine finnische, baltische oder slawische Vorbevölkerung gestoßen sein, die sich auch ihrerseits immer wieder in Migration befunden hatte und immer noch befand. Die in der Rus lebende Bevölkerung war ursprünglich also multiethnisch. Der ostslawische Anteil dürfte sich noch vor der ersten Jahrtausendwende durchgesetzt und die nichtslawischen Anteile akkulturiert haben, doch über den genauen Zeitpunkt wird bis heute diskutiert. Der ursprüngliche Stammesname Rus, der zwischenzeitlich zur Bezeichnung für ein innerhalb derselben Verwaltungseinheit lebendes Völkergemisch geworden war, blieb im Ostslawischen erhalten und wurde dort, nachdem der Akkulturierungsprozess zu Gunsten der Slawen abgeschlossen war, zur Eigenbezeichnung. Im Zuge des späteren slawisch-germanischen Sprachkontakts wurde der nunmehr slawische Volks- und Ländername Rus auch ins Deutsche entlehnt. So heißt es z.B. mittelhochdeutsch (ca. 1050 bis ca. 1350) u.a. Riuʒe ‘Russe’, Riuʒen Lant ‘Land der Russen’, entsprechend ab dem Frühneuhochdeutschen (ca. 1350 bis ca. 1650) Reuße und Reußenland, Reußland. Auch ist bereits ab dem 14. Jahrhundert der Landesname das Weiße Reußen zu finden. Die Bezeichnungen mit kurzem u statt mit eu, also (Weiß‑)Russe, (Weiß‑)Rußland, kamen wohl erst in neuhochdeutscher Zeit auf. Bei diesen handelt es sich wahrscheinlich um Halbgelehrtenbildungen, die von lateinisch Russia beeinflusst sind.

  • Statue des warägischen Fürsten Rjurik in Nowgorod. - Quelle: Wikipedia.

Welche Bezeichnung für Weißrussland ist nun im Deutschen korrekt?

Noch im 18. Jahrhundert ist für Weißrussland neben selbiger Bezeichnung die deutsche Bezeichnung Weiß-Reußen belegt. Etymologisch betrachtet wäre dies sozusagen der korrektere Landesname, da sich Reußen direkt von Rus herleitet und keinen Einfluss von lateinisch Russia zeigt. Dass Politik und Medien neuerdings vermehrt versuchen, im Deutschen das weißrussische Endonym Belarus durchzusetzen, hat keinen linguistischen, sondern einen politischen Hintergrund: Man will Weißrussland und Russland nicht nur politisch, sondern auch namentlich deutlich voneinander abgrenzen. Doch (vermeintliche) politische Korrektheit bedeutet nicht automatisch linguistische Korrektheit, denn wenn man für Weißrussland plötzlich nur noch das Endonym Belarus gelten lassen will, dann müsste man konsequenterweise auch das Endonym Rossíja für Russland propagieren. Der politisch und medial gewollte Verzicht auf den deutschen Landesnamen Weißrussland wird zudem aus linguistischer Sicht nicht weitergedacht, denn er bereitet folgende Probleme: Wie soll nun auf Deutsch das Adjektiv zu „Belarus“ lauten? Belarusisch? Und wie sollen die Einwohner heißen? Belarusen? Belaruser? Belarusier? Belarus-Bürger? Will man, um bloß nicht den seit Jahrhunderten überlieferten Namen Weißrussland zu verwenden, also Begriffe forcieren, die es vorher gar nicht gab? Gibt man – Stand: 1. September 2020 – auf der Hauptseite der deutschsprachigen Wikipedia den Suchbegriff „Belarus“ ein, wird man automatisch auf den Artikel „Weißrussland“ weitergeleitet – noch! Man darf gespannt sein, ob auch Wikipedia demnächst dem politischen und medialen Druck nachgeben und die Weiterleitung von „Belarus“ auf „Weißrussland“ umdrehen wird. Interessant wird auch sein zu beobachten, ob sich Belarus im deutschen Sprachgebrauch tatsächlich durchsetzen wird. Auf keinen Fall darf jedoch der Eindruck entstehen, dass Weißrussland plötzlich regelrecht verpönt ist. Im Gegenteil: Diese Bezeichnung unterstreicht, dass das Land aus deutscher Sicht schon seit Jahrhunderten als eigenständig wahrgenommen wird, während sich Belarus so anhört, als wäre dieses Land in der historischen Wahrnehmung durch die Deutschen nie von Relevanz gewesen. Will man also einmal mehr, durch übertriebene und linguistisch nicht fundierte politische Korrektheit, die Geschichte ausblenden bzw. sie praktisch ins Gegenteil verkehren?

  • Das „weiße Rußland“ in einem im Jahr 1669 erschienenen Buch mit dem Titel „Handlung von der Welt Alter, des römischen Reichs Ständen und derselben Beschaffenheit“.
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