
Christian Steger
Tradition, die man zum Schweigen bringt, stirbt nicht – sie weint

Von Christian Steger, Exerzierreferent des Schützenbezirks Pustertal und Hauptmann der Schützenkompanie St. Johann in Ahrn.
Als Verantwortlicher für das zeremonielle Protokoll weiß ich: Das Böllern ist kein willkürlicher Knall. Es ist ein rituelles Element, das seit Jahrhunderten die höchsten christlichen Feiertage und die Vorabende von Hochzeiten begleitet. Wenn die Kanone feuert, dann öffnet sich ein Raum, der größer ist als der Moment. Der Knall trägt Erinnerung, Würde und Tiefe. Er hebt das Festliche aus dem Alltag, er lässt Geschichte hörbar werden. Eine Feier ohne dieses Echo verliert einen Teil ihrer Seele – so wie ein Lied ohne seinen ersten Ton.
In der aktuellen Diskussion werden Argumente rund um Tierschutz und Ruhestörung oft selektiv eingesetzt. Während Schwerverkehr, Baustellen und touristische Großereignisse als unvermeidbar gelten, wird ein Brauchtum infrage gestellt, das an wenigen Tagen im Jahr für wenige Sekunden hörbar ist. Es ist ein merkwürdiges Ungleichgewicht: Das Dauernde wird geduldet, das Seltene bekämpft. Doch wer Tradition erhalten will, darf sie nicht in ein stilles Museum sperren. Tradition lebt nur, wenn sie hörbar, sichtbar und spürbar bleibt. Gerade heute, in einer Welt, die immer schneller und unpersönlicher wird, brauchen wir Rituale, die uns erden.
Ich sehe täglich im Pustertal, mit welchem Verantwortungsbewusstsein unsere Schützen mit der Kanone und dem Gewehr umgehen. Es geht um Disziplin, Sicherheit und Ehre. Das Böllern ist kein Spektakel, sondern ein Bekenntnis – zu unseren Wurzeln, zu unserer Geschichte, zu einem Tirol, das nicht nur in Bildern existiert, sondern im Klang, im Gefühl, im gemeinsamen Erleben.
Wenn wir beginnen, das Böllern in Vahrn zu verbieten, schaffen wir einen Präzedenzfall, der weit über eine Gemeinde hinausreicht. Heute verstummt eine Kanone. Morgen vielleicht ein Stück Tirol. Und irgendwann weint eine Tradition, die niemand mehr verteidigt hat.
Ich appelliere daher an die Verantwortlichen: Überdenken Sie diese Entscheidung. Heimat ist nicht verhandelbar.




