Ein Blog von

Georg Dekas

26.10.2019

Liebes Österreich, 

du bist mein Großvaterland, und ich wünsche Dir zu deinem heutigen Geburtstag am 26. Oktober alles Gute, Gottes Segen und eine weiterhin Jahrtausende währende Gesundheit. Du bist eines der schönsten und reichsten Länder auf dieser Welt, und eins der Guten.

Foto: SSB

Der dich hier beglückwünscht, wurde in Südtirol geboren, im fernen Jahr 1953. Als ich 6 Jahre alt war, tratest du in mein Leben, als Erinnerung, ohne dass ich dich kannte. Mein Großvater, dessen Tschako und Säbel ich beim Vorbeigehen im Flur mit neugieriger Achtung begegnete, bevor ich das Zimmer mit den rotsamtenen Sesseln und dunklen Hölzern betrat, also mein Großvater Jakob rief mich zu sich ans Bett und fragte mich die üblichen kindlichen Dinge, bevor er anfing, zu erzählen. Die Kugel ging da hinein – seine knöchrigen Finger deuteten auf den Hals unterm Kinn – und da heraus – ich erinnere mich nicht mehr, an welcher Stelle er den Finger an seinem mächtigen Schädel am weißen Schnauzbart vorbei ansetzte, um den Austritt der Gewehrkugel anzuzeigen, die er als Hauptmann der Kaiserjäger an der Ortlerfront im Jahr 1917 vom italienischen Feind verpasst bekam … sonst wäre ich schon lang tot, höre ich ihn heute noch aus der Ferne.

Aber nein, der frühere Professor für moderne Sprachen an der Handelsakademie Innsbruck überlebte, fügte sich in sein Schicksal im abgetrennten Kronland und schenkte mit seiner Gemahlin Josephine drei Kindern das Leben. Sein Sohn, mein Vater, musste seine Wehrpflicht allerdings unter anderen Farben und ganz woanders ableisten. Er war Dolmetscher und Fahrer eines SS-Obersten, dessen Einheiten für den Nachschub der Truppen im oberitalienischen Raum zu sorgen hatten. Über diese Zeit vom März 1938 bis zum Mai 1945 reden wir Österreicher (ihr erlaubt) nicht gern, aber es ist unsere Geschichte, vor der wir nicht davon laufen können und auch nicht sollten. 

Kennen lernen sollte ich dich, du mein Österreich, aber erst zwei Jahrzehnte später, als ich in Wien endlich das  Universitätsstudium aufnahm. Einem Stipendium sei Dank, das die kaum wieder genesene Republik ihren abhanden gekommenen Söhnen und Töchtern aus dem südlichen Tirol ohne Ansehen von Leistung oder Gesinnung schenkte, weil sie eben Landsleute in widrigen Verhältnissen waren. Ewigen Dank dafür, und diesen Dank nicht nur für mich, sondern für nahezu die gesamte geistige Elite unseres kleinen Landes an Etsch, Eisack und Rienz. 

Ich kam also nach Wien – eine Weltstadt, gebeugt vor ihrer großen Geschichte, ein Wien noch mit viel geschwärzten Fassaden, Kriegswitwen, Lodenmänteln und einem großen Hunger, die verlorenen Jahre wieder aufzuholen. Und da geschah es. Ich ging in ein Hutgeschäft und die ältere Dame hinterm Tresen mit ganz feinem Benehmen fragte mich irgendwann, woher ich käme. Ich sagte Südtirol. Nie hätte ich mir diesen Gefühlsschwall erwartet. „Ach, wie schade, aber Ihr gehört zu uns“, sagte sie, und Tränen schossen in ihre Augen. Sie hätte, der Warmherzigkeit und dem Alter nach, meine Oma sein können. O, ich fühlte mich zu Hause angekommen. Der kleine Bub vom Land, weder ein Italiener noch ein “Hochdeutscher” (wie meine Enkelin Sophie sagen würde), stets im Zweifel gelassen, wohin er in Wahrheit gehörte in der großen, weiten Welt. Nun nicht mehr. Hier, in Wien, darf ich meine Sprache sprechen und der sein, der ich immer schon war. Hier sagen sie nicht Fremder zu mir, sondern Sohn und Bruder. Nicht in einem verschlafenen Nest, ich bin zu Hause in der Hauptstadt der Republik, der eines unvergessenen Reiches, der Residenz Habsburgs, einer der großen und glanzvollsten Städte der Welt. 1979 war das Jahr meiner dritten Geburt. 

Heute schreiben wir 2019. Vierzig Jahre sind nichts im Leben einer Nation, und doch ist mein Leben untrennbar mit Österreich verbunden so wie das von Millionen anderer Landsleute, Lebender und Verstorbener. In all den Jahren habe ich mich auf Spurensuche begeben und die Zugehörigkeit immer wieder und aufs Neue bestätigt bekommen, – ebenso wie die Ehre, ein Teil von dir sein zu dürfen, in Sprache, Denkart, Brauchtum und Gefühl. Für die Zukunft wäre es schön,  wenn alle unsere Nachkommen in dir Heimat und Schutz, Stolz und Zufriedenheit finden und dich lieben – und deren zukünftigen Großvätern es vergönnt sein möge, nicht zu schießen und beschossen zu werden und zu verlieren, auf was sie gebaut und gehofft hatten.   

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