Kollmanns Blog

Cristian Kollmann

01.12.2023

Letzter faschistischer Ortsname im Aostatal abgeschafft. Und nun?

In der autonomen Region Aostatal gibt es, anders als in Südtirol, nur einen einzigen Ortsnamen, der die Zeit des Faschismus überdauert hat: Cervinia. Doch wurde dieser Name nun offiziell abgeschafft. Seitdem gehen im Aostatal und in den Medien die Wogen hoch. Doch was sind eigentlich die Hintergründe? Wo sind die Parallelen zu Südtirol? Und wovor hat die Gegenseite Angst? Diesen Fragen geht Cristian Kollmann nach.

Ortstafel „Le Breuil – Cervinia“ (© Google Maps)

Im lokalen frankoprovenzalischen Dialekt heißt er Lo Breuill. Die Rede ist von einem kleinen Weiler der Gemeinde Valtournenche im Aostatal, der bis vor Kurzem amtlich den Namen Breuil-Cervinia führte. Bekannt ist der Ort vor allem als Skigebiet, wobei das nahe gelegene Matterhorn natürlich sehr zum Bekanntheitsgrad beigetragen hat. 

Jüngst ist der Ort aber aus einem anderen Grund in die Schlagzeilen geraten: Die Gemeinde Valtournenche hat beschlossen, den Ort amtlich nur noch Le Breuil zu nennen und auf den Zweitnamen Cervinia zu verzichten. Diese Entscheidung hat, was eigentlich zu erwarten war, die (immer noch) faschistische Partei Fratelli d’Italia auf den Plan gerufen, die nun, in bekannter Manier, alle Register zieht, weil sie an einem faschistischen Kulturverbrechen festhalten will. Doch werden Fratelli & Co mit ihrer jüngsten Hetzkampagne, in der diesmal ausnahmsweise nicht Südtirol im Fokus steht, Erfolg haben?

Faschistisches Kulturverbrechen trifft auf Authentizität

Die Bezeichnung Cervinia mag zwar italienisch klingen, hat jedoch vor dem Faschismus nie existiert. Sie ist eine Schreibtischkonstruktion. Sie wurde, gemeinsam mit vielen anderen ihresgleichen, unter dem Faschismus der Bevölkerung des Aostatals auferlegt, um die Siedlungs- und Sprachgeschichte dieses Gebiets zu manipulieren. Es sollte der Eindruck entstehen, dass hier immer schon Italiener lebten und man immer schon italienisch sprach. Cervinia sollte sich so anhören, als sei dieser Begriff von Cervino, den italienischen Namen für das nahe gelegene Matterhorn, abgeleitet. Nun gut, das ist er zwar, aber die Ableitung ist artifiziell und ideologisch motiviert, kurzum: nicht authentisch. 

Authentisch hingegen ist nur die französische Bezeichnung Breuil, die, genau genommen, mit dem bestimmten Artikel verwendet wird: Le Breuil, entsprechend frankoprovenzalisch Lo Breuill. Dieser Name ist, im Gegensatz zu Cervinia, historisch fundiert und verfügt über eine echte Etymologie (zu griechisch étymos ‘wahr’). Auszugehen ist von einem gallischen Wort, das als *brógilos erschlossen und dem die Bedeutung ‘umzäunter Bezirk’ zugeschrieben wird. Jene Römer, die mit den Galliern in Kontakt standen, entlehnten das Wort in ihr volkssprachliches Latein, und von dort aus wurde es an die späteren oberitalienischen und frankoprovenzalischen Dialekte weitergegeben. In oberitalienischen Dialekten erscheint das Wort meist als broilo, wo es überwiegend ein eingezäuntes Grundstück nahe des Wohnhauses, einen Anger, bezeichnet. Im Frankoprovenzalischen bezeichnet das Wort hingegen einen kleinen eingezäunten Wald, der als Zufluchtsort für Wild dient, oder aber auch eine sumpfige Wiese. 

Auf Grund dieser Bedeutungen hat das Wort oft zahlreiche Flurnamen hervorgebracht, was nicht verwunderlich ist. Beispielsweise für den Ort Le Breuil, frankoprovenzalisch Lo Breuill, war der sumpfige Boden das Benennungsmotiv. Dieser Name ist sicher Hunderte Jahre alt und ist aus einer natürlichen Notwendigkeit heraus und ohne ideologische Intention entstanden. Anders als Cervinia: Auch wenn dieser Name seit den 1930er Jahren existiert und damit 90 Jahre alt ist, entbehrt er eines historischen Unterbaus und bleibt somit eine künstliche Konstruktion. Genau dies waren die Beweggründe für die Gemeinde Valtournenche, ausschließlich auf die authentische Bezeichnung Le Breuil zu setzen und auf den aufgesetzten, nur zum Schein italienischen Namen Cervinia zu verzichten. Doch die Gemeinde hat wohl nicht damit gerechnet, dass sie mit ihrer Entscheidung einen derart großen Sturm der politischen und medialen Entrüstung auslösen würde.

Fratelli & Co treten erneut auf den Plan

Dabei wissen wir aus Südtirol zu gut: Wenn es um die Verteidigung und Relativierung der faschistischen Orts- und Flurnamen geht, dann legen die Nachfolgeparteien der Faschisten, erstaunlich viel Stehvermögen an den Tag. Sie ziehen alle Register und beharren auf ihrer Forderung so lange, bis die Gegenseite nachgibt. Die Methoden, auf denen sie dabei setzen, sind bekannt: Man spannt die Medien vor den Karren und erzählt ihnen, dass die Gegenseite die Geschichte auslöschen wolle, indem sie ein „Kulturgut“ zerstören wolle, dass man sich an den Gebrauch der Namen gewöhnt habe, und man warnt vor den hohen Kosten einer Namensänderung sowie vor möglichen Schäden für den Tourismus. Wie man es ja schon von Südtirol gewohnt ist, berichten die Medien auch im gegenständlichen Fall tendenziell einseitig, indem sie die Meldungen von Fratelli d’Italia und ihrer wohlgesinnten Medien unreflektiert übernehmen.

Die Antithese zum postfaschistischen Narrativ

Dass man durch den Verzicht auf einen faschistischen Namen die Geschichte auslöschen will, kann leicht widerlegt werden. Auslöschen will man nicht „die Geschichte“, sondern im konkreten Fall ein faschistisches Kulturverbrechen, das in die Gegenwart hereinreicht. Daher gilt es, in der Gegenwart eine Korrektur vorzunehmen. Unwahr und lediglich ein Wunschdenken der Fratelli & Co ist auch, dass die konstruierten und nur zum Schein italienischen Namen als „Kulturgut“ einzustufen seien. Sie sind und bleiben ein Kulturverbrechen, selbst nach 100 Jahren. Dies in Abrede zu stellen bzw. zu relativieren, gehörte freilich immer schon zum Narrativ der faschistischen und nationalistischen Parteien. 

Wahr ist es hingegen wohl, dass man sich an jene konstruierte Namen, die immer noch nicht aus dem amtlichen Gebrauch entfernt wurden, gewöhnt hat. Wahr ist jedoch auch, dass man es genau darauf von Anfang an angelegt hat. Ebenso war es von Anfang an die Intention, dass die konstruierten Namen als Selbstverständlichkeit empfunden werden. Diese Intention besteht bis heute, und genau aus diesem Grund wollen Fratelli & Co diese de facto kulturverbrecherischen Namen zum Kulturgut erheben und dafür umgekehrt jene als Kulturverbrecher bezeichnen und sogar mit den Taliban gleichsetzen, die eben anderer Meinung sind. Mit der Warnung vor hohen Kosten für die betroffenen Bürger und vor Einbußen für den Tourismus in Folge der Namensänderung will man schließlich ein weiteres Drohszenario schaffen, das in diesem Fall den geldbeutelgesteuerten Teil der Bevölkerung abschrecken soll. Dabei kann gerade die Namensänderung und die Rückbesinnung auf die Authentizität eines Gebietes einen besonderen Werbeeffekt haben und auch international großen Zuspruch finden.

Belastungsprobe für die Gemeinde Valtournenche

Wird die Gemeinde Valtournenche also standhaft bleiben und ihre Entscheidung, nur noch den authentischen Namen Le Breuil zu verwenden und auf den artifiziellen Namen Cervinia zu verzichten, verteidigen? Eines ist ganz sicher: Die Fratelli & Co werden keine Ruhe geben. Wir kennen sie zu gut. Zu gut sind sie nämlich auch im medialen Ausschlachten ihres faschistischen Kernthemas, im kampagnenmäßigen Hetzen, im Warnen vor einem „Angriff auf die Italianität“ oder sogar auf die „Einheit Italiens“. Ob die Fratelli sogar so weit gehen werden, dem Aostatal, so wie mit Südtirol und dem Fassatal bereits geschehen, ebenfalls den italienischen Verfassungsgerichtshof auf den Hals zu setzen? Falls ja, würde sich dann der Verfassungsgerichtshof mit der Argumentation um einiges schwerer tun, denn in der autonomen Region Aostatal gibt es, anders als in der autonomen Region Trentino-Südtirol, keine gesetzliche Verpflichtung zu einer „italienischen“ Toponomastik.

Angst vor Präzedenzfall für Südtirol

Cervinia ist im Aostatal der einzige faschistische Name, der seine Zeit bis in die Gegenwart herauf überdauert hat. Alle anderen, nur zum Schein italienischen Namen wurden im Aostatal schon längst aus dem amtlichen Gebrauch entfernt. Im Grunde geht es also nur um diesen einen Namen. Und genau das ist das Problem: Die Fratelli d’Italia und ihre ideologischen Mitläufer nicht nur in der Politik, sondern auch in den Medien, wollen um jeden Preis einen Präzedenzfall und somit auch eine Steilvorlage für Südtirol verhindern. Man stelle sich vor, die Südtiroler Tourismustreibenden würden beschließen, den (nur scheinbar) nördlichsten Berg Italiens fortan nur Klockerkarkopf zu nennen und auf den faschistischen Namen Vetta d’Italia zu verzichten. Dies wäre für die Fratelli d’Italia & Co der große Alptraum. Aus diesem aufzuwachen, wäre für die Fratelli auch keine Lösung, zumal sie dann in der Gegenwart ankommen würden. Daher haben sie nur eine Wahl: um jeden Preis an der faschistischen Vergangenheit festhalten: im Aostatal im Kleinen, in Südtirol im Großen!

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