Florian Stumfall

07.11.2023

Herrschaft über die Sprache

Abgesehen von Krieg und Kriegsgeschrei dürfte wohl kaum ein anderer Gegenstand so viel Aufmerksamkeit für sich beanspruchen wie der Klimawandel. Über viele Jahre und meist in überbordender Fülle wird von dräuender Gefahr und einer Zukunft gesprochen, die zu erleben sich niemand mehr wünschen dürfe.

Bild von Adrian auf Pixabay

Und bei einem derartigen Aufwand finden manchmal auch Leute Gehör, die wenig oder nichts zu sagen haben, wie die Journalistin Nadja Ayoub. Sie brachte es zu einer Randnotiz, weil sie mit der nachdrücklichen Forderung hervorgetreten war, angesichts des Weltübels nicht von einem Klimawandel, sondern von einer Katastrophe zu sprechen.

Wenn auch diese Wortmeldung nur vorübergehende Wirkung hatte, so ist doch der Handlungsgrund, der dahintersteckt, von bleibender Kraft. Er beruht auf der Erkenntnis, dass politische Bewegungen nicht in Gang gebracht werden können ohne ein anhaltend begleitendes semantisches Rüstzeug und die Bereitschaft, dieser Unterstützung durch das Wort ein großes Gewicht zu geben, gegebenenfalls auch in überzogener Dimension.

Es handelt sich dabei um eine sprachliche Doppelfunktion. Ist die Rede von einem Wandel, so hat man es mit einer sachlichen Darstellung zu tun, die sich an die Erkenntniskraft des Zuhörers richtet. Spricht man dagegen von einer Katastrophe, so geht die Zielrichtung dahin, erstens bange Gefühle zu erwecken, die, zweitens, in den Zusammenhang mit einem zwingenden Moralismus gestellt werden.

Die Gleichung also lautet: Klima bedeutet Gefahr, und wer dem nicht folgt, zeigt einen Abgrund an Schlechtigkeit. Die sachliche Mitteilung hat nur noch den Wert einer Hilfs-Funktion. Sie ist in die Gefühlswelt verlagert und dort obendrein mit der moralistischen Drohung verbunden. Ein solches Vorgehen ist zutiefst unredlich.

Wandel versus Katastrophe

Doch nach diesem Muster nimmt die politische Korrektheit ihren Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen, die sich ihr ergeben, nicht nur bei der Klima-Diskussion, sondern in allen bestimmenden Feldern der Politik.

Natürlich ist es kein Wunder, dass die immer länger werdende Liste von Sprach-Verboten sehr bald das Bewusstsein geweckt hat, dass diese Bemühungen zu Bevormundung und Zensur führen. Umso emsiger das Bestreben, solche Bedenken zu zerstreuen. Einer der Propheten der politischen Korrektheit, der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, schreibt sinngemäß in seinem Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“, niemand könne es gutheißen, Menschen mit besonderen unveränderlichen Merkmalen zu beleidigen. Das ist richtig, doch gerade mit dieser Apologie zeigt Stefanowitsch, was faul ist an der Strategie der Sprach-Tabus und dem Ziel, das dahintersteckt.

Dass man seinen Mitmenschen nicht zu nahetritt, sie höflich, rücksichtsvoll und mit Ehrerbietung behandelt, ist eine Frage der guten Erziehung. Dazu braucht man keine übergeordneten Instanzen. Moral ist Privatsache, die ethische Dimension des Staates ist das Gesetz. Er hat sich nicht darum zu kümmern, ob ein Bürger vielleicht schlechte Manieren zeigt. Wer aber die Sphäre des persönlichen Wohlverhaltens samt Sachbestimmung und Kontrolle sozialisieren will, der will auch einen übergriffigen Staat, der bis in die persönlichsten Winkel seiner Bürger hineinregiert und hineinkontrolliert. Und dies notgedrungen mit einer Machtvollkommenheit, die totalitäre Züge trägt.

Die Ampel-Regierung in Berlin passt recht genau in dieses Bild. Zudem zeigt sie, wenn wahrscheinlich auch wider Willen, welches der Unterschied ist zwischen Regieren und Lenken. Bundeskanzler Olaf Scholz mag tun, was seines Amtes ist, nämlich regieren, wenn auch erbärmlich. Hingegen ist er weit davon entfernt zu lenken. Nicht einmal die Grünen, die doch die Richtung vorgeben, tun das. Denn beide sind in ihrer ideologischen Verblendung weit von der Wirklichkeit entfernt. Doch die ist es, die endgültig ein Urteil spricht.

Um die Kluft zwischen den Bürgern und den Politikern darzustellen, soll die Zeugenschaft einer Institution bemüht werden, die darin glaubhafter ist als andere, weil sie keine politischen Ziele verfolgt, jedenfalls nicht vorwiegend. Es geht hier um eine Versicherung, nämlich die R+V, die nach einer Umfrage die größten Sorgen der Deutschen auflistet. Danach steht die Teuerung mit Abstand auf Platz eins, etwas spezifizierend gefolgt von der Wohnraumnot und sich der daraus ergebenden Höhe der Mieten. Als dritte folgt die Angst vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen.

Vorbei an der Wirklichkeit

In allererster Linie also wird allgemein eine wirtschaftliche Bedrängnis befürchtet. Dazu kann man auch in gewissem Umfang das Gefühl der meisten Befragten rechnen, der Staat und seine Stellen würden mit der großen Anzahl von Zuwanderern nicht fertig. Zudem herrscht die Angst vor einer Rezession. Mangelndes Vertrauen in die Politiker und die Befürchtung, die Gesellschaft breche auseinander, runden das Bild ab.

Man stellt also fest: Keine der von der Politik vordringlich behandelten Themen erfasst die Bürger, nicht die Kriege, nicht der Klimawandel, nicht das Gendern. Der Umbau der Gesellschaft oder die Energiewende finden keinen Widerhall mit Ausnahme der letzteren in Form ihrer schlimmen Folgen. Weder die Sanktionen gegen Russland bewegen die Menschen noch das, was Karl Lauterbach unter Gesundheitspolitik versteht, ob mit oder ohne Corona. Sie glauben nicht an die Integration, nicht an Multikulti noch an ein Paradies in grüner Harmonie.

Wer so an der Wirklichkeit vorbeiregiert, ist gezwungen, Machtmittel gegen Mehrheitsmeinung und Mehrheitswillen einzusetzen. Dazu gehören Kontrolle und die Aufforderung zum Denunzieren, dazu gehört die Einengung dessen, was gedacht und gesagt werden darf und dazu gehört nicht zuletzt die Herrschaft über die Sprache. Jede Ideologie bemüht sich um die Oberhoheit über die Sprache. Sobald ihr das gelingt, wird aus der Ideologie Totalität. Dann ist nicht mehr das Wohl der Bürger erstes Staatsziel, sondern die Verwirklichung eines Parteiprogramms. Wer sich dem aber widersetzt, wird umerzogen.

Kolumne von Dr. Florian Stumfall
Erstveröffentlichung PAZ (redaktion@preussische-allgemeine.de)

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