Sprachglosse

Dr Igl

10.07.2018

Einfach deutsch

Das Eigenschaftswort „deutsch“ scheint im politisch hochempfindlichen Südtirol wieder in Gebrauch und zu Ehren zu kommen.

So lesen wir im Tagblatt der Südtiroler, dass der italienische Bürgermeister von Bozen sagt: „Ich weiß, dass die deutschen Bozner…“ und sein Vize von der SVP antwortet ihm über die Zeitung, ja er sehe sich als „Vertretung der deutschen Bürger“. Ein paar Seiten vorher meint ein aufstrebender Landtagsabgeordneter, auf seiner 5-Sterne-Liste bleibe „von deutschen Kandidaten nichts übrig“ (alles in „Dolomiten“ vom 10. Juli 2018).

Sicher, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, aber jahrelang haben sich die politisch Korrekten von den Grünen bis zum Obmann der SVP beflissen, das Attribut „deutsch“ zu vermeiden und es durch „deutschsprachig“ zu ersetzen (die Italiener sowieso).

Das neue Wörtchen war überaus praktisch, denn es hatte eine Doppelklinge. Für die Italo-Chauvis bedeutete es: Wir sind alle Italiener, nur manche von uns sprechen Zuhause halt noch Deutsch.

Die Weltbürger hingegen sagen damit, dass deutsch sprechen nichts weiter sei als eine Beiläufigkeit, so wie jemand schwarzhaarig oder blond sein kann. Ein bekannter Südtiroler Journalist hat das so zu Portal gegeben: „Denn deutsch ist kein Qualitätssiegel (auch wenn das in Südtirol viele so sehen), sondern eine Sprache wie viele andere.“

Es ist zwar lobenswert, wenn man versucht, nationalen Dünkel oder gar Übermut zu entschärfen. Aber kein Mensch, der sich über Sprache auch nur halbwegs Gedanken macht, wird verneinen wollen, dass die Attribute „deutsch“, englisch“, russisch“, italienisch“ usw. auch Prädikate sind, d.h. ihnen tief verwurzelte Wertvorstellungen innewohnen. Diese kommen deutlich in den gängigen Vorurteilen heraus, dann heißt es eben: „Typisch deutsch!“, „Typisch italienisch“ usw. Andersrum kann von deutscher Technik, französischer Mode oder italienischem Essen geschwärmt werden.

Zwar bezeichnet die Eigenschaft in diesen Fällen nicht die Sprache, aber es fallen nationale Qualitätsaussagen, so richtig oder falsch sie auch sein mögen, immer auf die Sprechenden zurück. Sobald jemand den Mund aufmacht, werden ihm die Vorzüge oder die Vorurteile untergeschoben, die unzertrennlich mit seiner Sprache verknüpft sind.

Ah, Italiener? Und schon rattern die Stereotype vom Stapel. Bei Wohlwollen kommen Amore, Pasta, Bella Italia, Ferrari, sonst eben Mafia, Bustarella, Casino. Selbiges bei anderen Nationen und deren Idiom.

Der Mensch geht nach einer Wahrscheinlichkeitserwartung vor und liegt damit öfter richtig als falsch, auch wenn es noch so viele faule Deutsche oder fleißige Italiener geben mag.

Somit ist deutsch (und jede andere Sprache großer Kulturnationen) immer auch ein Qualitätssiegel und nicht nur eine von vielen Sprachen.

Das Unheil fängt da an, wenn ein nationales Attribut „über alles“ gestellt wird mit dem Beisatz: „alles andere ist minderwertig“. Diese Einstellung, die so gerne den Deutschen angekreidet wird, liegt ausgerechnet den netten Italienern mehr als allen anderen im Blut. Ob aus Selbstverliebtheit, Minderwertigkeitsgefühl, schierer Unwissenheit oder dem heimlichen Hass gegen den „straniero“ von jenseits der Alpen – in Italien steht Italien und die Italiener über alles und allem: Eine Stunde Fernsehquatsch reicht. Und was sie dir über die deutsche Küche sagen – das ist kulinarischer Rassismus.

Aber lassen wir das und freuen uns drauf, arglos sagen zu können, dass wir deutsche, ladinische und italienische Landsleute sind – und noch viele andere dazu haben, etwa albanische, türkische…

Die sind allesamt nicht nur so- und so-sprachig, die denken und fühlen deutsch, ladinisch, italienisch, albanisch…

Wer aus Angst vor Ultra-Nationalismus und militantem Rassismus die einfache Sprache ins politisch Korrekte abschwächt, der bannt die Ungeister nicht, der verleiht ihnen neue Macht im Untergrund.

Drum bin ich einfach und offen deutsch und nicht nur deutschsprachig.

 

 

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