Ein Blog von

Georg Dekas

03.10.2021

Eine schöngeredete Geschichte

Als ‚wahres Manifest des Fortschritts’ feiert der neue Chefredakteur Gobbato von salto.bz das Papier des alten, längst vergessenen „Aufbau” der SVP. Am 30. September 1961 wagte eine Appeasement-Gruppe um Roland Riz und Dolomiten-Chef Toni Ebner d.Ä. den Aufstand gegen die fest im Volk verankerte SVP-Führung um Silvius Magnago. Das „progressive” Portal salto.bz will im SVP-„Aufbau” Gleichgesinnte und Gleichgesinntes erkennen. Dafür ist der Verfasser bereit, die Geschichte schönzureden. Fünf Gründe dagegen.

Bild: Aus dem Archiv von Margareth Lun

Der verdrehte Hintergrund

Der gleich zu Beginn des Gobbato-Artikels stehende Satz, die Feuernacht vom 12. Juni 1961 sei dem Plan eines „algerischen” Volksaufstandes gefolgt, ist gut erfunden – dass es auf der italo-nationalistischen Seite so ausgesehen haben mag, ist eine andere Sache und spiegelt die Angst und das schlechte Gewissen der National-Italiener wieder. Folglich kann auch nicht die Rede davon sein, dass dieser phantomatische Volksaufstand ‘nicht gelungen’ sei („non decolla”). Die Ausführenden der Sprengstoffanschläge auf die Strommasten wurden sehr bald ausgeforscht, eingelocht und gefoltert. Die BAS-Strategie der gezielten Sachbeschädigung gegen die Pfeiler von Italiens Staatswirtschaft war damit am Ende. Die „Feuernacht” als einzig und letztes verbliebenes Mittel der Notwehr hatte ihren Sinn und trug ihre Früchte: Die Welt wurde auf das Südtirol-Problem aufmerksam und Österreich konnte die Streitsache vor die Vereinten Nationen bringen. Halbfüßig ist auch Gobbatos Aussage, die „Feuernacht” und folgende Anschläge hätten sich über die Jahre in gemeinem Terrorismus verlaufen („negli anni semplicemente” terrorismo”). Halbfüßig deshalb, weil die Staatsdiktion von Anfang “Terrorismus” gelautet hatte und weil sich im Gefolge der ersten Attentate nicht nur vereinzelt Neonazis und Ultra-Patrioten von außen einbrachten, sondern auch die italienischen Geheimdienste sich erfolgreich betätigten, indem sie Menschen gefährdende Anschläge planten und verübten, gerade um der Szene das Siegel des Terrorismus zu verpassen.

Das retuschierte Organ Alto Adige

Im Artikel beschreibt der Salto.bz-Chefredakteur Gobbato die Tageszeitung Alto Adige des Jahres 1961 als „einziges Leitmedium der Gruppe italienischer Zunge” („mezzo di informazione di riferimento per il gruppo di lingua italiana”) und als „die Tageszeitung in italienischer Sprache” („quotidiano in lingua italiana”). Diese Kennzeichnungen sind anachronistisch bis hin zur Geschichtsklitterung und außerdem falsch. Die Italiener im Südtirol von 1961 haben sich nicht als einheimische Gruppe verstanden, deren Verschiedenheit lediglich in der Muttersprache besteht, sondern als Nation „una ed indivisibile”, wie es in der Verfassung heißt. Auch war die scharfe Italo-Zeitung nicht das einzige Medium für die in Südtirol ansässig gewordenen Italiener – sie verfügten über die ganze Bandbreite der nationalen Medien, von der RAI Radiotelevisione Italiana über den Corriere della Sera, den L’Adige, bis hin zum Secolo d’Italia, dem Parteiorgan der Neofaschisten. Leitmedium für den lokalen Ultranationalismus, das war der Alto Adige, aber nicht im Sinne eines erbarmungswürdigen „nur”. Ebenso verdrehend wirkt die Benennung „die Tageszeitung in italienischer Sprache” – gemeint in Südtirol. So könnte man den “Alto Adige” heute nennen, wo er gleichberechtigt neben einer Dolomiten als der Tageszeitung in deutscher Sprache aus demselben Verlag kommt, aber nicht im Jahr 1961, als der Alto Adige das Kampf- und Hetzblatt der Italonationalisten war. Die im Artikel von Gobbato zitierte und illustrierte Schlagzeile vom 1. Oktober 1961 sagt diesbezüglich ja alles aus: Da wird die Mehrheit in der Sammelpartei SVP, die für die Selbstbestimmung ist, zum „Monopol der Ultras” („Monopolio degli oltranzisti”) herabgewürdigt, wobei die Wortendung „-zisti” noch einen satten semantischen Schlag in Richtung (na)zisti hergibt.

Anschwärzen wirkt immer 

Dass diese „Nazi”-Deutung nicht im dunklen Jahr 1961 aufhört, dafür sorgt Gobbato, indem er in seinem Artikel vom 30. September 2021 noch einmal den Claus Gatterer aus Sexten herbeizitiert. Gatterers Aussage lautet verkürzt, Magnago und Co., die leitenden Köpfe der SVP, seien als Nazi-Geschulte quasi unfähig gewesen, demokratisch zu denken („non aveva esperienza parlamentare”; „spiritualmente e politicamente plasmata dal fascismo e dal nazismo”). Das satte Gatterer-Zitat, an dieser Stelle platziert (aber in der Sache völlig deplatziert) dient Gobbato und Freunden dazu, den Leuten vom damaligen „Aufbau”-Flügel in der SVP das Mäntelchen der friedfertigen, konstruktiven Aufgeklärtheit umzuhängen. Riz, Ebner, Amonn, die den „Aufbau” anführten, mussten in Wahrheit bald erkennen, dass ihre Friedenstaube in diesen bleiernen Jahren keinen Flug heil überstehen würde. Der Realpolitiker Silvius Magnago setzte sich mit seiner gemäßigten, aber glasklar harten Linie durch.

Die wundersame Bekehrung

Gobbato schreibt wie beiläufig am Ende seines kosmetischen Stückes den Satz „le redini della Dc vengono prese dalla sinistra berloffiana che fa capo direttamente ad Aldo Moro” (frei übersetzt: In der DC – Democrazia Cristiana – übernimmt der linke Flügel um Berloffa die Zügel der Partei, die direkt zu – Ministerpräsident – Aldo Moro führen.) Am Anfang des Artikels hatte es noch geheißen, alles war im festen Griff des rechten Flügels der DC, der sich ideologisch kaum von den Neofaschisten des MSI unterscheidet und keinen Millimeter Boden preisgibt ( – (Trento) – „…una sorta di Roma a 50 km di distanza, con la destra Dc che non è ideologicamente troppo lontana dal MSI e in Consiglio detta legge senza cedere di un millimetro. La tensione è costantemente molto alta.”) Eigenartig, wie leicht das Auftreten der Südtiroler Tauben des „Aufbau” das Baryzentrum der staatstragenden italienischen Partei DC in so kurzer Zeit erschüttern und verändern konnte, nicht wahr? Für die Apologeten der „Progressisti”, zu denen sich Gobbato offenkundig zählt, mag das ein schön klingendes Märchen sein, für die raue Welt der harten Tatsachen hingegen ist diese Fassung der Geschichte einfach zu schön – und nicht zutreffend.

Willst du Frieden, bereite den Krieg

Ohne nochmals die kaum verheilten Wunden der 1960er Jahre aufzureißen, sei hier an Bundeskanzler Helmuth Schmidt (SPD) erinnert, einem Mann, der wie Silvius Magnago seine Ausbildung und Kriegslaufbahn im „Dritten Reich” hatte und dennoch ein echter Sozialdemokrat war. Helmut Schmidt wurde ein „progressiver” und äußerst erfolgreicher Staatsmann. Einer, der in der Frage der Stationierung der atomaren Pershing-Raketen in Deutschland einen klaren bejahenden Standpunkt gemäß dem uralten lateinischen Sprichwort „si vis pacem para bellum” eingenommen hatte. Und Recht bekam. Grober Klotz auf groben Keil, sagt der Tiroler. Diese Wahrheit gilt leider immer und überall. Da können die Tauben gurren, solange sie wollen.

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  1. Perkeo
    04.10.2021

    Wieder einmal ein hervorragender Kommentar von Gerog Dekas! Dass das linksgrünliche Salto nicht viel mit historischer Wahrheit zu tun hat, sondern ausschließlich mit süßlich-kitschiger Geschichtsklitterung im Interesse des derzeitigen Mieters im Palais Widmann, ist bekannt. NIcht umsonst gilt dieses Portal (oder besser: Portälchen, recht viele Leser hat es ja nicht) als eine Art zweiter Landespresse-Agentur. Mit ungefähr gleichem Informationsgehalt.

  2. MartinB
    03.10.2021

    Die Wohlfühl-Schunkelei der wenn nicht der Elite so doch der wohlhabenden Schicht angehörenden Anti-Volksparteiler ist doch was schönes solange der Rubel rollt und die Andersprachigen bei Einem kaufen bzw. konsumieren und man sich so progressiv vorwärtsdenkend geben kann. Eine aufgeblasene Hülle ohne viel Inhalt.

  3. Puschtra
    03.10.2021

    Salto BZ hÜpf ist ja noch Linker , wie SüdtirolNews, die schon mal vor vier Jahren die Frechheit hatten, die Antifa-Meran als Faktenschecker zu zitieren und Verlinken, die nicht mal ein richtiges Impressum führen

  4. Elsa
    03.10.2021

    Wer liest schon Salto? Linksgrünes Feministengeschwafel und alte Männer, die sich wichtiger machen als sie im wahren Leben sind.

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