Margareth Lun

09.10.2020

100 Jahre Südtirol bei Italien – Schampus oder Trauerflor?

Gleich dies vorweg: Grund zu feiern sehen die Südtiroler keinen, anlässlich der 100 Jahre Zugehörigkeit bei Italien. Dem „Bella-Italia-Feeling“, das viele begeistert, wenn sie im Land der Zitronen und des Chianti Urlaub machen, dem können die Deutschen mit italienischem Pass wenig abgewinnen. Müssen sie doch täglich mit den nicht immer liebenswerten Marotten dieses Staates zurechtkommen.

Aber werfen wir einen Blick zurück: Ereignisreich war sie bei Gott, die Geschichte dieses Landes, das mehr als ein halbes Jahrtausend mit Überzeugung zu Österreich gehört hat, bevor es am 10. Oktober 1920 natürlich gegen den Willen der Bevölkerung an Italien angeschlossen wurde.

Dass die Tiroler unter widrigsten klimatischen Bedingungen im Hochgebirge die Dolomitenfront gegen den italienischen Aggressor halten konnten, zählte plötzlich nichts mehr in Anbetracht dessen, dass Österreich-Ungarn und Deutschland den Krieg verloren hatten.

Bereits 2 Jahre später sollte der Faschismus die Minderheiten mit voller Wucht treffen.  Mussolini kam in Italien ja bereits 1922, also 11 Jahre vor Hitler an die Macht: Alles, was deutsch war, wurde verboten, ruiniert, unterdrückt. Wer es wagte, den Kindern in den „Katakombenschulen“ heimlich Deutsch beizubringen, wurde schwer bestraft.

Abgelöst wurde der Faschismus 1943 beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht von den Nationalsozialisten, die von nun an für 20 Monate das Sagen hatten.

Die Hoffnung der Südtiroler, nach Kriegsende doch wieder zu Österreich zurückzudürfen, zerplatze schnell: Südtirol solle beim ungeliebten Italien bleiben, meinten die Siegermächte. Und es wurde halt mit einem Trosthäppchen abgespeist: dem Ersten Autonomiestatut von 1946. Dieses war allerdings das Papier nicht wert, auf dem es stand.

Denn: Noch bis weit in die 60er Jahre hinein sollten die deutschen und die ladinischen Südtiroler extrem benachteiligt sein. Gleich wie unter dem Faschismus gab es eine Massenzuwanderung von Süditalienern, für die der Staat tausende Wohnungen baute, öffentliche Stellen und Sozialwohnungen wurden zu fast 100 % an Italiener vergeben, in der Bozner Industriezone fanden so gut wie ausschließlich Italiener Arbeit, und auf allen öffentlichen Ämtern wurde eigentlich nur italienisch gesprochen.

Dies alles führte dazu, dass es in den 1960er Jahren zur „Feuernacht“ und zum Widerstandskampf des „Befreiungsausschuss Südtirol“ BAS kam. Dieser verteilte anfänglich Flugblätter, verübte aber bald auch Sprengstoffattentate auf Hochspannungsmasten, faschistische Denkmäler und andere Symbolobjekte des Staates. Die Reaktion Italiens sollte alle Vorstellungen übersteigen: Eigens ausgebildete Carabinieri-Einheiten folterten die Inhaftierten dermaßen brutal, dass es sogar Todesopfer gab. Die Südtiroler Täler wurden von tausenden Uniformierten überflutet, und auch die unbeteiligten Südtiroler lebten in ständiger Angst.

Zur Loslösung Südtirols von Italien kam es zwar nicht, aber immerhin wurde die internationale Öffentlichkeit wieder auf das Südtirol-Problem aufmerksam.

1972 kam es schließlich zum Zweiten, noch heute gültigen Autonomiestatut. Zwei seiner Säulen sollten von grundlegender Wichtigkeit sein: Erstens, dass jeder, der eine öffentliche Stelle will, auch einen Zweisprachigkeitsnachweis mit entsprechender Prüfung vorlegen muss, und zweitens, dass alle öffentlichen Stellen nach dem „ethnischen Proporz“ vergeben werden, also je nach Anteil der Bevölkerungsgruppen, die da wären: 70 % Deutsch, 26 % Italienisch und 4,5 % Ladinisch. Eine gerechte Sache also.

Wie schaut es aber heute in Südtirol mit seiner scheinbar „weltbesten Autonomie“ aus? Die Mängelliste ist lang: Das Recht auf muttersprachlichen Unterricht wurde ausgehöhlt, alle Medikamente haben ausschließlich einen italienischem Beipackzettel, es ist unmöglich, einen deutschen Telefonvertrag zu bekommen, alles, was mit Kreditkarten zu tun hat, ist italienisch, viele deutsche Versandportale schicken ihre Produkte nicht nach Italien, die Paketformulare auf der Post sind italienisch und französisch (!) bedruckt, und man muss immer wieder um sein Recht auf die Verwendung der Muttersprache kämpfen, wenn man Kontakt mit Polizei, Militär und der Steuerbehörde hat…

Aber auch vieles andere, was ein Tourist kaum wahrnimmt, brennt den Südtirolern unter den Nägeln. Etwa, dass die deutschen und ladinischen Ortsnamen derzeit von Italien nur geduldet, nicht aber rechtlich abgesichert sind. Oder dass die vakanten Arztstellen von Ärzten aus dem Mezzogiorno besetzt werden, die kein Wort Deutsch können, während alle österreichischen, bundesdeutschen, aber auch Südtiroler Ärzte, die ebenfalls keinen Zweisprachigkeitsnachweis vorweisen können, durch die Finger schauen. In einem Land, in dem 70 % deutscher Muttersprache sind, wohlgemerkt.

Es geht den deutschen und ladinischen Südtirolern auch um die Würde. Es geht darum, dass Südtiroler Spitzensportler in internationalen Medien nicht als „Italiener“ bezeichnet werden sollen, weil sie einfach, von einigen Ausnahmen abgesehen, deutsch sprechen, deutsch denken und einfach deutsch sind.

Es geht darum, dass sich die deutschen Südtiroler verkauft fühlen, wenn die Tourismuswerbung für Südtiroler Orte und Schigebiete die italienischen  meist im Faschismus erfundenen Namen verwendet, nur um vermeintlich mehr internationale Gäste anzuziehen.

Es geht darum, dass sich die Südtiroler nicht nur ärgern, sondern auch schämen, dass der Staat Italien in ihrem wunderschönen Land faschistisch belastete Straßennamen verteidigt und faschistische Denkmäler wie das Mussolini-Relief und das „Siegesdenkmal“ in Bozen hegt und pflegt.

Es geht darum, dass die Südtirolaktivisten der 60er Jahre immer noch nicht ihre geliebte Heimat betreten dürfen. Die mittlerweile 80-Jährigen ein halbes Jahrhundert, nachdem Friede eingekehrt ist, zu begnadigen, dazu fehlt Italien offensichtlich einfach die Größe.

Also keine Feierlaune, kein Sekt, keine Blumen, keine Festakte vielmehr ein Anlass, einmal innezuhalten und das hochgepriesene, von Natur aus wunderschöne, wirtschaftlich gut dastehende Land Südtirol auch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Margareth Lun

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