von lif 25.10.2026 13:54 Uhr

Die Lücke zwischen den Südtiroler Arbeitswelten

Anfang Oktober hat das Landesinstitut für Statistik zwei Auswertungen veröffentlicht, die fast gleich heißen und getrennt kaum auffallen. Die eine behandelt die Löhne im öffentlichen Dienst, die andere jene in der Privatwirtschaft, beide für das Jahr 2024. Legt man sie nebeneinander, ergibt sich ein Bild, das keine der beiden allein zeigt.

Bild: APA (Archiv/dpa)

Der Median, also jener Wert, bei dem die eine Hälfte mehr und die andere Hälfte weniger verdient, lag 2024 im öffentlichen Dienst bei 38.213 Euro brutto im Jahr. In der Privatwirtschaft waren es 29.851 Euro. Der Unterschied beträgt 8.362 Euro, umgerechnet rund 697 Euro pro Monat. Beim Durchschnitt sieht es ähnlich aus: 42.238 Euro im öffentlichen Dienst gegenüber 34.050 Euro in der Privatwirtschaft, ein Abstand von 24 Prozent. Beide Zahlen sind Bruttowerte vor Steuern und Abgaben und schließen Teilzeitkräfte mit ein. Das ist wichtig, denn der Teilzeitanteil ist in beiden Bereichen hoch und im öffentlichen Dienst besonders ausgeprägt.

Beide verlieren, aber unterschiedlich stark

Interessanter als die Lücke selbst ist, wie sie entstanden ist. Beide Bereiche haben seit 2019 an Kaufkraft verloren, denn die Löhne sind langsamer gestiegen als die Preise. Die Inflation betrug in diesem Zeitraum 20,4 Prozent. Im öffentlichen Dienst stieg der Medianlohn von 32.891 auf 38.213 Euro, nominal also um 16,2 Prozent. Nach Abzug der Inflation bleibt ein Minus von 3,5 Prozent.

In der Privatwirtschaft fiel der Rückgang mehr als doppelt so stark aus. Dort verlor der Medianlohn real 8,4 Prozent. Beim Durchschnittslohn, der von 30.134 auf 34.050 Euro stieg, waren es real minus 6,2 Prozent. Wer also in den vergangenen sechs Jahren im öffentlichen Dienst gearbeitet hat, konnte sich 2024 etwas weniger leisten als 2019. Wer in der Privatwirtschaft gearbeitet hat, verlor deutlich mehr. Das ASTAT nennt für den öffentlichen Dienst einen Grund: ausbleibende Vertragsverlängerungen. Wo ein Kollektivvertrag jahrelang nicht erneuert wird, laufen die Löhne der Teuerung hinterher, bis nachverhandelt wird.

Kein einziger Vertrag hat gehalten

In der Privatwirtschaft hat das ASTAT zehn Kollektivverträge untersucht. Bei allen zehn blieb nach Abzug der Inflation ein Minus. Am stärksten traf es das Bauwesen mit real minus 18 Prozent. Am besten hielten sich die Metallbranche und die Verträge für Beschäftigte in Freiberuflerkanzleien mit jeweils minus zwei Prozent. Mehr als sechs von zehn Beschäftigten in der Südtiroler Privatwirtschaft arbeiten unter einem von drei Verträgen. Deren Medianlöhne 2024:

  • Tourismus: 27.877 Euro
  • Handel: 29.534 Euro
  • Metall: 35.721 Euro

Der Metallvertrag ist jener mit den höchsten Löhnen unter den dreien, und er schneidet auch beim Kaufkraftverlust am besten ab. Trotzdem liegt sein Medianlohn noch 2.492 Euro unter dem Median des öffentlichen Dienstes.

Die Branchen, von denen Südtirol lebt

Noch deutlicher wird es beim Blick auf einzelne Wirtschaftszweige. Die Beherbergung ist mit 43.345 Beschäftigten der größte Arbeitgeber der Südtiroler Privatwirtschaft. Ihr Medianlohn lag 2024 bei 28.947 Euro. Im Einzelhandel arbeiteten 24.013 Menschen bei einem Median von 26.643 Euro, in der Gastronomie 19.247 Menschen bei 24.927 Euro.

Alle drei liegen unter dem Median der gesamten Privatwirtschaft. Und zwischen der Gastronomie und dem öffentlichen Dienst klafft eine Lücke von 13.286 Euro im Jahr. Der Medianlohn im öffentlichen Dienst ist damit gut eineinhalbmal so hoch wie jener in der Gastronomie.

Dabei ist zu bedenken, dass gerade im Gastgewerbe Saisonarbeit und Teilzeit verbreitet sind, was die Jahreswerte drückt. Ein Teil der Lücke erklärt sich also durch die Arbeitszeit und nicht durch den Stundenlohn. Ein Teil, nicht der ganze.

Wo die Beschäftigung wächst

In der Privatwirtschaft arbeiteten 2024 insgesamt 224.445 Menschen, 2,2 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Davon waren 159.896 in Vollzeit und 64.549 in Teilzeit beschäftigt. Der Frauenanteil lag bei 42,6 Prozent.

Auffällig ist das Alter. Der Anteil der über 60-Jährigen stieg seit 2019 von 5,9 auf 8,1 Prozent. Und genau diese Gruppe hat beim Lohn am meisten verloren: real minus 9,5 Prozent beim Median, der stärkste Rückgang aller vom ASTAT ausgewiesenen Altersgruppen. Auch im öffentlichen Dienst wächst die Beschäftigung, wenn auch langsamer. Gegenüber 2019 kamen 803 Personen hinzu, ein Plus von 1,5 Prozent, mit dem stärksten Zuwachs bei den über 55-Jährigen.

Warum das für Südtirol mehr bedeutet als anderswo

Die beiden Bereiche werben um dieselben Leute. Wenn die Landesregierung, wie im September beschlossen, 385 zusätzliche Vollzeitstellen im Sanitätsbetrieb schafft, muss sie diese Menschen irgendwoher nehmen. Ein Teil kommt aus der Ausbildung, ein Teil wechselt.

Für Betriebe im Tal bedeutet ein Lohnabstand von fast 700 Euro im Monat, dass sie bei gleicher Qualifikation schwerer mithalten. Für den öffentlichen Dienst bedeutet er, dass er beim Personal im Vorteil ist, solange die Verträge halbwegs rechtzeitig erneuert werden. Und für beide gilt: Seit 2019 ist der Reallohn in Südtirol gesunken. Die Frage ist nicht, wer gewonnen hat. Es hat niemand gewonnen.

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