Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 85)

Beginnend mit den ersten zivilen Flugpionieren und Schauflügen vor dem Ersten Weltkrieg, spannt das Buch den Bogen über den Bau des ersten regulären Verkehrsflughafens in der Reichenau im Jahr 1925 bis hin zur totalen Vereinnahmung der Infrastruktur durch die Nationalsozialisten und die Luftwaffe. Neben technischen Aspekten arbeitet Chraust präzise die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Verflechtungen der Epoche heraus.
Die Pionierjahre und der zivile Aufbruch (1910–1925)
Das erste Drittel des hier zu rezensierenden Buches bettet die Tiroler Entwicklungen geschickt in die globalen Grundsätze der Luftfahrt zwischen den Systemen „leichter“ und „schwerer als Luft“ ein. Regionalgeschichtlich spannend wird es ab dem Jahr 1910, als die Verfasserin die Gründungsjahre des „Vereins für Luftschiffahrt“ in Tirol und die Euphorie rund um die ersten Innsbrucker Flugtage im September 1912 rekonstruiert.
Besonders stark zeigt sich Chrausts Blick für die historischen Zäsuren bei der Darstellung des Ersten Weltkriegs. Innsbruck war keineswegs isoliert, sondern wurde am 20. Februar 1918 Schauplatz des ersten feindlichen Luftangriffs, was die verletzliche strategische Lage der Stadt im Alpenraum schlagartig offenlegte.
Die Nachkriegszeit war geprägt vom zähen Ringen um eine dauerhafte Infrastruktur. Auf der einen Seite standen die visionären Pläne des Konstrukteurs Oskar Hummel, der ein billiges Volksflugzeug entwarf und einen Höhenflugplatz auf der Seegrube (über 1900 m Seehöhe) projektierte, sowie die Ideen des Bozner Raumfahrtpioniers Max Valier. Auf der anderen Seite agierte die öffentliche Hand, die unter dem Druck des alliierten Flugverbots aus dem Staatsvertrag von St. Germain stand. Dass am 1. Juni 1925 der Flughafen Innsbruck-Reichenau feierlich eröffnet werden konnte, arbeitet die Autorin als logische Konsequenz eines historischen Konsenses zwischen der Stadt Innsbruck, dem Land Tirol und der Bundesregierung in Wien heraus.
Die Epoche der Konsolidierung und der Krisen (1926–1937)
Das Herzstück der Monografie widmet sich der Zwischenkriegszeit. Trotz der ab dem Jahr 1930 einsetzenden Weltwirtschaftskrise entwickelte sich der Flughafen Reichenau zu einem respektablen Knotenpunkt. Linienverbindungen der österreichischen ÖLAG auf der Strecke von Wien über Salzburg nach Innsbruck, teils bis Zürich und Konstanz, und der deutschen Lufthansa (München-Innsbruck-Mailand) machten die Stadt am Inn flugtechnisch international konkurrenzfähig. Die dichten Passagier- und Poststatistiken, die im Anhang des Werkes untermauern diesen Befund eindrucksvoll.
Gleichzeitig fängt das Buch den damaligen Zeitgeist über dokumentierte Publikumsattraktionen ein. Spektakulären Kunstflugvorführungen von Ernst Udet im Jahr 1925, die wissenschaftliche Begleitung zu Auguste Piccards historischer Stratosphärenfahrt (die 1931 mit einer Notlandung im Ötztal endete) oder bizarre Motorrad-Grasbahnrennen direkt auf dem Flugfeld zeigen den Flughafen als sozialen Schmelztiegel und Ort urbaner Sensationen.
Zwei Aspekte dieses Abschnitts verdienen besondere wissenschaftliche Hervorhebung. Einerseits dokumentiert die Autorin die Schattenseiten des frühen Flugbetriebs, wobei der tragische Unfalltod des Innsbrucker Flieger-Asses und stellvertretenden Flughafenleiters Raoul Stoisavljevic am 2. September 1930 einen tiefen Einschnitt markierte. Andererseits weist Chraust nach, wie das österreichische Bundesheer ab 1934 unter Umgehung internationaler Verträge eine geheime Fliegertruppe aufbaute. Parallel dazu erlebte der alpine Segelflugsport einen beispiellosen Boom: Waghalsige Starts vom Hafelekar durch die Pioniere Karl Frena und Wilfried Wiedner sowie systematische Hangschulungen in Sistrans legten die physikalischen Grundlagen für das Verständnis alpiner Flugbedingungen und des Föhnwinds.
Gleichschaltung, Krieg und das Ende in der Reichenau (1938–1945)
Das letzte große Kapitel widmet sich der totalen Vereinnahmung des Flugwesens durch die Nationalsozialisten Mit dem Anschluss im März 1938 endete die Ära der eigenständigen österreichischen Luftfahrt. Die traditionsreiche ÖLAG wurde liquidiert, der zivile Linienflugverkehr im Sommer 1939 eingestellt und der Sportflugbereich in das „Nationalsozialistische Fliegerkorps“ eingegliedert.
Paradoxerweise liefen die administrativen Planungen für die Zukunft auf Hochtouren, während der alte Flughafen in der Reichenau ab 1943 im alliierten Bombenhagel versank und rein militärisch von der Luftwaffe genutzt wurde. Die im Anschlussjahr 1938 gegründete „Innsbrucker Flughafen Ges.m.b.H.“ betrieb im Hintergrund zäh den Grunderwerb auf der Ulfiswiese im Westen Innsbrucks bei Kranebitten.
Hier wurde mitten im Krieg das Fundament für den heutigen modernen Flughafen Innsbruck gelegt, wohin die Segelflieger kriegsbedingt im Jahr 1944 übersiedeln mussten. Die Schilderung der letzten Kriegstage, in denen das Innsbrucker Flugfeld als Basis für ein alpines Bergnot-Bereichskommando diente und Zeuge von Notlandungen der hochmodernen „Messerschmitt Me 262“-Düsenstrahljäger wurde, beschließt die Chronik dramatisch und packend.
Kritische Würdigung und Fazit
Tanja Chrausts Arbeit besticht durch eine außerordentliche Detailtiefe. Dass die Autorin dabei gelegentlich tief in lokale Mikrostrukturen eintaucht – wie bei den bürokratischen Streitigkeiten zwischen der Flughafenleitung und der städtischen Gutsverwaltung der Reichenau – macht die zu besprechende Publikation stellenweise zu einer dichten, chronikalischen Lektüre. Dies ist jedoch kein Manko, sondern Ausdruck wissenschaftlicher Redlichkeit.
Der exzellente wissenschaftliche Apparat mit fast 70 Seiten Anmerkungen, einem lückenlosen Quellenverzeichnis und einem dreigeteilten Register macht den Band zu einem herausragenden Nachschlagewerk. Da die Untersuchung konsequent mit dem Jahr 1945 endet, bleibt der reale Wiederaufbau in der Zweiten Republik ausgespart. Für den Zeitraum von 1910 bis 1945 jedoch ist das Buch ein meisterhaft recherchiertes, glänzend geschriebenes und bis heute alternativloses historisches Standardwerk zur Tiroler Landesgeschichte.
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Tanja Chraust, Das Innsbrucker Flugwesen. Von seinen Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieg (Veröffentlichungen des Innsbrucker Stadtarchivs, N. F. Bd. 31), Innsbruck [u. a.] 2004.






