Teure Pflichtkurse: Kleine Gastgeber in Südtirol unter Druck

Im Mittelpunkt der Kritik steht der Lehrgang „Gastgeben mit Zukunft“. Die 80-stündige Ausbildung kostet laut Robin 2.430 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Mitglieder von Tourismusorganisationen zahlen 1.940 Euro. Zusätzliche Ausgaben für Vertiefungsmodule und Exkursionen können hinzukommen.
Robin stellt die Notwendigkeit von Weiterbildung grundsätzlich nicht infrage. Kenntnisse in Recht, Betriebswirtschaft, Marketing, Digitalisierung und Gästebetreuung seien durchaus hilfreich. Allerdings müsse geprüft werden, ob die Ausbildung für alle Betroffenen in diesem Umfang und zu diesen Kosten erforderlich sei. Das gelte insbesondere für Menschen, die bereits seit Jahrzehnten Gäste beherbergen oder einen Familienbetrieb übernehmen.
Günstigere Alternativen sollen geprüft werden
Dass Weiterbildung auch günstiger angeboten werden kann, zeigt laut Robin ein Lehrgang der Landesberufsschule für das Gastgewerbe Savoy in Meran. Die dortige Nachqualifizierung im Servicebereich umfasst rund 200 Stunden und kostet nach Angaben des Vereins etwa 800 Euro. Ob diese Ausbildung als Ersatz für die vorgeschriebene Qualifikation privater Zimmervermieter anerkannt wird, ist allerdings nicht belegt. Auch die unterschiedlichen Ausbildungsziele müssten berücksichtigt werden.
Robin fordert deshalb das Land auf, gemeinsam mit öffentlichen Berufsschulen und anerkannten Bildungseinrichtungen kostengünstigere und auf die Zielgruppe zugeschnittene Angebote zu entwickeln. Außerdem sollten einschlägige Berufserfahrung und bereits erworbene Qualifikationen stärker berücksichtigt werden.
Für betroffene Betriebe drängt die Zeit: Laut einem Informationsschreiben der Gemeinde Kaltern müssen Personen, die ihre Tätigkeit seit dem 17. August 2022 aufgenommen oder bestimmte Änderungen vorgenommen haben, den erforderlichen Qualifikationsnachweis grundsätzlich bis zum 20. Juni 2027 erbringen. Andernfalls drohen die Einstellung der Tätigkeit und eine Geldbuße. Bei einer Schließung könnten zudem die Gästebetten an die Gemeinde zurückfallen.
Für manche Familien gehe es damit nicht um eine bloße Formalität, sondern um ihre wirtschaftliche Existenz, betont der Verbraucherschutzverein.
Bettenstopp darf die Kleinen nicht benachteiligen
Die Debatte über die Pflichtausbildung steht für Robin in engem Zusammenhang mit der grundsätzlichen Entwicklung des Südtiroler Tourismus. Ein nachhaltiges Tourismusmodell brauche unterschiedliche Formen der Beherbergung – vom Campingplatz über Privatzimmer und kleine Pensionen bis hin zu Ferienwohnungen und Fünf-Sterne-Hotels.
Gerade kleinere Gastgeber trügen mit persönlichen Empfehlungen, regionalen Kenntnissen und dem direkten Kontakt zwischen Gästen und Einheimischen zur Vielfalt des Landes bei. Südtirol dürfe nicht zu einem standardisierten Urlaubsziel werden, in dem die Begegnung mit dem alltäglichen Leben zunehmend verloren gehe.
Wenn die Politik die Zahl der Gästebetten begrenzen wolle, müsse sie transparent und fair vorgehen. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass kleinere Anbieter durch zusätzliche Auflagen aus dem Markt gedrängt würden, während größere Strukturen ihre Position behaupten oder weiter ausbauen könnten.
Overtourismus verursacht auch Infrastrukturkosten
Robin verweist zudem auf die ökologischen und sozialen Folgen des touristischen Wachstums. Straßen, Wasserressourcen und Abwasseranlagen würden durch zusätzliche Gäste belastet. Die damit verbundenen Investitionen könnten erhebliche Kosten verursachen, die nicht einfach der Allgemeinheit und den privaten Haushalten aufgebürdet werden dürften.
Wer zusätzliche Belastungen verursache, müsse sich nach Ansicht des Vereins angemessen an deren Finanzierung beteiligen. Gleichzeitig brauche es konsequente Kontrollen gegen illegale Kurzzeitvermietungen und faire Wettbewerbsbedingungen für alle Anbieter.
Es sei widersprüchlich, einerseits über Overtourismus und Bettenbegrenzungen zu diskutieren und andererseits kleine, regional verwurzelte Betriebe durch teure Pflichtausbildungen zusätzlich zu belasten.
Robin fordert Kurswechsel
Der Verbraucherschutzverein fordert die Südtiroler Landesregierung auf, die Kosten und die Verhältnismäßigkeit der verpflichtenden Ausbildung zu überprüfen, günstigere öffentlich unterstützte Bildungsangebote zu schaffen und Berufserfahrung sowie bestehende Qualifikationen angemessen anzuerkennen.
Darüber hinaus müsse der Bettenstopp fair gestaltet, illegale Vermietungen konsequent kontrolliert und die Umwelt- und Infrastrukturkosten nach dem Verursacherprinzip verteilt werden.
Das Ziel sei ein Tourismus, der wirtschaftlich erfolgreich ist und zugleich die Lebensqualität der Bevölkerung, die Natur und die Vielfalt der Gastgeber schützt. Südtirol brauche keinen Tourismus von der Stange, sondern eine Entwicklung mit Augenmaß, persönlicher Gastfreundschaft und fairen Chancen für große wie kleine Betriebe.






