von Alexander Wurzer 10.10.2026 07:00 Uhr

Tanken wird zum Kostenfaktor: So viel mehr zahlen Südtirols Pendler

Wer in Südtirol für den Weg zur Arbeit auf das Auto angewiesen ist, wird derzeit gleich doppelt getroffen: An der Zapfsäule gehören die Preise zu den höchsten Italiens, während das Land ausgerechnet in diesem Jahr die Pendlerbeiträge deutlich gekürzt hat. Ein Rechenbeispiel zeigt, dass ein Dieselpendler inzwischen gegenüber dem Durchschnittspreis von 2025 mehrere hundert Euro zusätzlich im Jahr ausgeben muss. Dabei verfügt Südtirol durchaus über Handlungsspielraum – und nimmt selbst erhebliche Summen aus dem Treibstoffbereich ein.

Foto: APA

Die Zwei-Euro-Marke ist längst keine psychologische Warnschwelle mehr. Sie gehört in Südtirol inzwischen zum Alltag. Anfang Oktober kostete Benzin im Selbstbedienungsmodus im Schnitt deutlich über zwei Euro pro Liter, Diesel lag noch einmal darüber. Südtirol gehörte damit bei beiden Kraftstoffen zu den teuersten Gebieten Italiens.

Beim Diesel beträgt der Aufschlag fast 32 Prozent

Erst der Vergleich mit dem vergangenen Jahr zeigt jedoch die Dimension. 2025 kostete ein Liter Diesel in Südtirol im Jahresdurchschnitt 1,730 Euro, Benzin 1,794 Euro. Anfang Oktober 2026 lag der Dieselpreis bei rund 2,28 Euro. Das bedeutet einen Aufschlag von knapp 55 Cent je Liter beziehungsweise rund 31,7 Prozent.

Beim Benzin fällt der Anstieg geringer aus, ist aber ebenfalls deutlich. Verglichen mit dem durchschnittlichen Preis des vergangenen Jahres liegt der Aufschlag derzeit bei knapp 16 Prozent.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um eine kurzfristige Spitze. Schon im zweiten Quartal 2026 war Diesel in Südtirol im Jahresvergleich um mehr als 22 Prozent teurer. Im September kletterten die Preise zeitweise noch deutlich höher. Von einer Rückkehr zum Preisniveau des vergangenen Jahres kann keine Rede sein.

40 Kilometer zur Arbeit: mehr als 600 Euro Mehrkosten

Was 55 Cent Unterschied pro Liter tatsächlich bedeuten, wird erst greifbar, wenn man nicht auf eine einzelne Tankfüllung, sondern auf ein ganzes Arbeitsjahr blickt.

Geht man bei einer klassischen 5-Tage-Woche nach Abzug von Wochenenden, Feiertagen und Urlaub von rund 230 Arbeitstagen im Jahr aus, kommt ein Arbeitnehmer, dessen Arbeitsplatz 40 Kilometer von seinem Wohnort entfernt ist, allein für Hin- und Rückweg auf rund 18.400 Kilometer jährlich. Bei einem sparsamen Dieselverbrauch von sechs Litern je 100 Kilometer werden dafür 1.104 Liter Treibstoff benötigt.

Beim durchschnittlichen Dieselpreis des Jahres 2025 von 1,730 Euro hätten diese Fahrten rund 1.910 Euro gekostet. Beim derzeitigen Preisniveau von rund 2,28 Euro sind es dagegen etwa 2.517 Euro. Das ergibt eine Differenz von gut 600 Euro pro Jahr.

Und dabei geht es ausschließlich um den Weg zur Arbeit. Urlaubsfahrten, Einkäufe, Freizeitfahrten oder andere notwendige Wege sind noch gar nicht berücksichtigt.

Wer täglich 60 Kilometer je Richtung zurücklegen muss, kommt bei denselben Annahmen auf rund 27.600 Kilometer im Jahr. Dafür werden etwa 1.656 Liter Diesel benötigt. Der Unterschied zum durchschnittlichen Dieselpreis des vergangenen Jahres summiert sich damit bereits auf rund 910 Euro jährlich. Versicherung, Reparaturen, Reifen, Kfz-Steuer und Wertverlust kommen noch dazu.

Ausgerechnet jetzt kürzt das Land die Pendlerbeiträge

Genau hier bekommt die Entwicklung politische Brisanz. Im Februar hat die Landesregierung die Fahrtkostenbeiträge für Arbeitnehmer in allen vier Beitragsstufen um jeweils 250 Euro gekürzt. Aus 600 Euro wurden 350 Euro, aus 700 Euro wurden 450, aus 800 Euro 550 und aus 900 Euro nur noch 650 Euro. In der niedrigsten Beitragsstufe entspricht das einer Kürzung von fast 42 Prozent.

Begründet wurde die Maßnahme unter anderem mit der steigenden Zahl der Anträge und der Notwendigkeit, das Gesamtbudget von drei Millionen Euro einzuhalten. Mit anderen Worten: Weil mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, bekommt der Einzelne weniger.

Der Zeitpunkt könnte für Pendler kaum ungünstiger sein. Während Diesel gegenüber dem durchschnittlichen Preis des vergangenen Jahres um fast ein Drittel teurer geworden ist, wird die reguläre Unterstützung für jene Arbeitnehmer gekürzt, die öffentliche Verkehrsmittel nicht oder nur unter erheblich erschwerten Bedingungen nutzen können.

Nicht jeder Pendler bekommt überhaupt Geld

Dabei handelt es sich beim Fahrtkostenbeitrag ohnehin nicht um einen allgemeinen Zuschuss für jeden Autofahrer. Anspruch besteht nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Unterstützt werden vor allem Arbeitnehmer, die aufgrund ihres Wohnortes, ihrer Arbeitszeiten oder unzureichender öffentlicher Verbindungen faktisch auf das eigene Auto angewiesen sind. Gerade in Seitentälern, bei Schichtarbeit oder frühmorgendlichen und späten Arbeitszeiten gibt es vielerorts schlicht keine brauchbare Alternative. Umso stärker fällt ins Gewicht, dass gerade diese Unterstützung gekürzt wurde.

Das Pikante: Hunderte Millionen aus der Mineralölsteuer – aber nur drei Millionen für Pendler

Zur Debatte gehört ein weiterer Aspekt, der angesichts der hohen Treibstoffpreise besonders bemerkenswert ist. Südtirol nimmt erhebliche Summen aus der Mineralölsteuer ein. Wie Landeshauptmann Arno Kompatscher Ende Juni im Landtag bestätigte, wurden im Jahr 2024 rund 457 Millionen Liter Benzin, Diesel und Flüssiggas verbraucht. Allein die Einnahmen aus den Mineralölakzisen beliefen sich nach seinen Angaben auf 273,3 Millionen Euro.

Natürlich sind diese Steuereinnahmen nicht automatisch für Rückzahlungen an Autofahrer reserviert. Dennoch wirft der Vergleich eine politische Frage auf: Während über die Mineralölsteuer Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe in den Landeshaushalt fließen, stehen für die Unterstützung der Pendler gerade einmal drei Millionen Euro zur Verfügung. Und selbst dieser vergleichsweise bescheidene Betrag reichte der Landesregierung nicht aus, um die bisherigen Beitragshöhen beizubehalten.

Angesichts dieser Größenordnungen stellt sich die Frage, ob das Land bei der finanziellen Entlastung seiner berufstätigen Bevölkerung tatsächlich alle Möglichkeiten ausschöpft.

Drei Millionen Euro bei einem Milliardenhaushalt

Auch die allgemeine Finanzlage des Landes spielt eine Rolle. Südtirol verfügt über einen Haushalt in Milliardenhöhe.

Vor diesem Hintergrund sollte man zumindest darüber nachdenken, ob drei Millionen Euro für Pendler tatsächlich die finanzielle Obergrenze darstellen müssen. Eine Verdoppelung des Budgets auf sechs Millionen Euro wäre im Vergleich zu den großen Summen im Landeshaushalt ein relativ kleiner Betrag. Dennoch könnte sie für jene Beschäftigten spürbar sein, die jeden Tag dutzende Kilometer zur Arbeit fahren müssen.

Freie Fraktion fordert Entlastungspaket

Auch die Freie Fraktion drängt auf Maßnahmen. Andreas Leiter Reber hat Ende September einen Beschlussantrag eingebracht, mit dem ein eigenes Entlastungspaket gegen die hohen Treibstoffpreise gefordert wird.

Der Antrag sieht unter anderem vor, die bestehenden Möglichkeiten zur Treibstoffverbilligung zu prüfen und gezielt Bürger, Berufspendler, Selbstständige und die Wirtschaft zu entlasten. Dabei soll auch untersucht werden, ob Südtirol ein dauerhaftes Modell nach dem Vorbild anderer Regionen einführen könnte.

Ein System zur Treibstoffverbilligung wäre für Südtirol nämlich nichts grundsätzlich Neues. Das Landesrecht sieht bereits heute Möglichkeiten vor, Bewohner bestimmter grenznaher Gemeinden beim Tanken zu entlasten. Ursprünglich sollten damit vor allem Wettbewerbsnachteile gegenüber Österreich und der Schweiz abgefedert und verhindert werden, dass Südtiroler zum Tanken über die Grenze fahren.

Ein ähnlicher Vorstoß war bereits im Frühjahr im Landtag gescheitert. Nun bringt die Freie Fraktion das Thema erneut auf die Tagesordnung.

Andere Regionen zahlen direkt an der Zapfsäule

Dass regionale Entlastungen funktionieren können, zeigt Friaul-Julisch Venetien. Dort erhalten Einwohner je nach Gebiet einen direkten Preisnachlass beim Tanken. Die Förderung wird unmittelbar an der Zapfsäule verrechnet und ist räumlich gestaffelt. In bestimmten Gebieten beträgt die Unterstützung mehrere zehn Cent pro Liter.

Das zeigt: Die politische Auswahl besteht nicht nur zwischen einer Vollsubventionierung aller Autofahrer und völliger Untätigkeit.

Möglich wären auch gezielte Modelle für Pendler, ländliche Räume, oder besonders belastete Arbeitnehmer.

Team K fordert zusätzlichen Pendlerbonus

Parallel dazu fordert das Team K einen zusätzlichen einkommensabhängigen „Pendlerbonus PLUS“ für die im Jahr 2026 entstandenen Fahrtkosten.

Außerdem sollen die gekürzten regulären Pendlerbeiträge ab der nächsten Antragsperiode wieder angehoben und die Einkommensgrenzen überprüft werden.

Ein bemerkenswerter Punkt dabei: Wer derzeit einen normalen Fahrtkostenbeitrag erhält, bekommt diesen für Ausgaben aus dem vergangenen Jahr. Die massive Verteuerung des Jahres 2026 schlägt sich in der regulären Förderung also erst zeitversetzt nieder. Während die Preise schon heute explodiert sind, kommt die Entlastung erst später.

Am Ende geht es längst nicht mehr um ein paar Cent

Die Diskussion über Spritpreise wird schnell abstrakt. Zwei oder drei Cent Unterschied an der Tankstelle wirken auf den ersten Blick überschaubar. Beim derzeitigen Unterschied zum vergangenen Jahr geht es beim Diesel aber nicht um zwei oder drei Cent. Es geht um rund 55 Cent je Liter.

Damit stellt sich die Frage nicht mehr, ob steigende Treibstoffpreise Pendler belasten. Das tun sie nachweislich. Die eigentliche Frage lautet: Wie lange will das Land noch zuschauen, während jene tiefer in die Tasche greifen müssen, die für ihren täglichen Weg zur Arbeit keine echte Alternative zum Auto haben?

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