Deutsch, Italienisch – und dann war da noch Ladinisch

Deutsche Schule oder italienische Schule. Deutsche Ortsnamen oder italienische Ortsnamen. Zweisprachigkeit, Sprachprüfungen, öffentliche Ämter, Beschilderungen und politische Debatten. Sprache ist in Südtirol allgegenwärtig. Nur eine Sprache kommt dabei erstaunlich selten vor: Ladinisch.
Am 26. September wird europaweit der Tag der Sprachen begangen. Das diesjährige Motto lautet „Languages unite!“. Seit 2001 soll dieser Tag auf die sprachliche Vielfalt Europas und auf den Wert auch kleinerer Sprachen aufmerksam machen. Für Südtirol wäre das eigentlich wie gemacht.
Drei Sprachgruppen – aber zwei bestimmen die Debatte
Südtirol besteht nicht nur aus einer deutschen und einer italienischen Sprachgruppe. Bei der jüngsten Sprachgruppenzählung entfielen 68,61 Prozent auf die deutsche, 26,98 Prozent auf die italienische und 4,41 Prozent auf die ladinische Sprachgruppe. Hinter diesen 4,41 Prozent stehen 19.853 gültige Sprachgruppenerklärungen.
Eine kleine Minderheit innerhalb eines Landes, dessen deutsche Bevölkerung selbst jahrzehntelang um den Schutz einer Minderheit kämpfen musste. Eigentlich müsste man deshalb in Südtirol besonders sensibel dafür sein, dass die Größe einer Sprachgruppe nicht über ihre Bedeutung entscheidet.
In der Realität wird Ladinisch aber häufig erst dann sichtbar, wenn ausdrücklich von „allen drei Sprachgruppen“ die Rede ist. Im täglichen politischen Schlagabtausch stehen Deutsch und Italienisch im Vordergrund. Das Ladinische wird mitgenannt.
Klein – und kleiner werdend
Dabei sind die Herausforderungen keineswegs theoretischer Natur. Der Anteil der ladinischen Sprachgruppe ist gegenüber der Volkszählung 2011 leicht von 4,53 auf 4,41 Prozent zurückgegangen. Das ist kein dramatischer Einbruch. Für eine ohnehin sehr kleine Sprachgemeinschaft sind solche Entwicklungen aber zumindest einen genaueren Blick wert.
Noch deutlicher zeigt sich die demografische Entwicklung in den Schulen. Vor zehn Jahren besuchten 3.172 Kinder und Jugendliche die ladinischen Kindergärten und Schulen. Inzwischen sind es rund 2.900. Ein Rückgang von ungefähr acht Prozent. Selbst die ladinische Bildungsverwaltung nennt die demografische Entwicklung ausdrücklich als eine der Herausforderungen für die kommenden Jahre.
Eine Sprache lebt schließlich nicht von ihrer Erwähnung in einem Autonomiestatut. Sie lebt davon, dass Kinder sie lernen, Jugendliche sie verwenden, Eltern sie weitergeben und Menschen ganz selbstverständlich in ihr denken, schreiben und sprechen.
Viel Engagement – aber außerhalb der Täler kaum sichtbar
Untätigkeit kann man den ladinischen Institutionen dabei kaum vorwerfen. Das Istitut Ladin Micurá de Rü arbeitet an Wörterbüchern, digitalen Textsammlungen, einer Online-Grammatik, ladinischen Publikationen und Sprachkursen. Das Land fördert Kultur- und Bildungsprojekte, Literatur und mittlerweile verstärkt auch die digitale Präsenz der Sprache.
Erst vor wenigen Tagen wurde zudem der ladinische Literaturwettbewerb SCRIBO abgeschlossen. Knapp 30 Autoren beteiligten sich daran. Der diesjährige „Di dla cultura ladina“ stand bezeichnenderweise unter dem Motto, Sprache und Kultur von einer Generation an die nächste weiterzugeben.
In Gröden und im Gadertal ist Ladinisch damit alles andere als unsichtbar. Doch sobald man diese Täler verlässt, ändert sich das Bild schnell.
Wie viele deutsch- oder italienischsprachige Südtiroler könnten spontan auch nur einen einfachen Satz auf Ladinisch sagen? Wie oft begegnet einem Ladinisch in Bozen, Meran oder im Unterland, wenn nicht gerade eine offizielle Mitteilung dreisprachig veröffentlicht wird? Wie oft wird über die Zukunft dieser Sprache diskutiert, wenn gerade kein ladinischer Politiker das Thema aufgreift? Diese Fragen sind unangenehm. Gerade deshalb sollte man sie stellen.
Nicht nur Sache der Ladiner
Denn das Ladinische ist nicht ausschließlich Angelegenheit der Ladiner. Es gehört zur Geschichte dieses Landes. Die ladinische Sprachgemeinschaft war lange vor der heutigen Staatsgrenze, lange vor den modernen Sprachgruppenkonflikten und lange vor der Südtirol-Autonomie in den Dolomiten zu Hause.
Wer Südtirol als historisch gewachsenen mehrsprachigen Raum versteht, kann das Ladinische deshalb nicht als hübschen Zusatz behandeln. Das gilt auch für jene, denen der Schutz der deutschen Sprache besonders wichtig ist. Gerade eine deutsche Minderheit sollte verstehen, wie schnell eine kleine Sprache unter Druck geraten kann. Und sie sollte verstehen, dass Minderheitenschutz dort besonders wichtig wird, wo die Zahl der Betroffenen klein ist.
Die nächste Herausforderung ist bereits da
Hinzu kommt eine Entwicklung, die man vor wenigen Jahren kaum auf dem Radar hatte: die Digitalisierung. Suchmaschinen, automatische Übersetzungen, Sprachassistenten und künstliche Intelligenz verändern zunehmend, in welcher Sprache Menschen Informationen suchen und kommunizieren. Für große Sprachen stehen gewaltige Mengen digitaler Inhalte zur Verfügung. Für Ladinisch ist die Ausgangslage eine völlig andere.
Auch deshalb investieren die ladinischen Einrichtungen inzwischen gezielt in digitale Wörterbücher, Sprachdaten und automatische Übersetzungsmöglichkeiten. Die Landesverwaltung bezeichnet die Digitalisierung selbst als eine zentrale Zukunftsfrage für die Sprache. Das ist entscheidend.
Denn eine Sprache kann offiziell anerkannt und rechtlich geschützt sein – wenn sie in der Lebenswelt der nächsten Generation immer weniger vorkommt, hilft ihr der schönste Gesetzestext auf Dauer wenig.
Eine dritte Landessprache darf nicht dritte Wahl sein
Am Europäischen Tag der Sprachen wird viel von Vielfalt die Rede sein. Südtirol braucht dafür eigentlich keine europäischen Sonntagsreden. Das Land besitzt diese Vielfalt selbst. Deutsch. Italienisch. Ladinisch.
Vielleicht wäre der heutige 26. September deshalb ein guter Anlass, sich daran zu erinnern, dass hinter dem dritten Wort dieser Aufzählung keine folkloristische Fußnote steht, sondern eine lebendige Sprachgemeinschaft mit eigener Geschichte, Literatur, Schule und Kultur.
Ladinisch ist zahlenmäßig die kleinste der drei Südtiroler Landessprachen. Gerade deshalb verdient sie nicht weniger Aufmerksamkeit. Sondern mehr.






