von mmh 23.09.2026 14:36 Uhr

So viele setzen ihr Geld aufs Spiel – und die Gefahr beginnt im Kinderzimmer

Fast vier von zehn Südtirolerinnen und Südtirolern haben im vergangenen Jahr Geld auf einen Zufall gesetzt – beim Kartenspiel um Geld, beim Rubbellos an der Tankstelle oder beim Online-Trading am Handy. Für die meisten bleibt es ein harmloser Zeitvertreib. Für andere wird daraus ein Problem, das Finanzen, Beziehungen und die eigene Psyche belastet. Eine neue Erhebung des Landesinstituts für Statistik (ASTAT) zeichnet ein detailliertes Bild davon, wie Südtirol spielt – und zeigt zugleich, warum Fachleute zunehmend auf ein Phänomen blicken, das oft schon im Kinderzimmer beginnt: Glücksspiel-ähnliche Mechanismen in Videospielen.

(Bild: UT24/KI-generiert)

Was Glücksspielsucht eigentlich ausmacht

Fachlich unterscheidet man zwischen unproblematischem, problematischem und pathologischem Spielverhalten. Entscheidend sind dabei nicht die eingesetzten Beträge, sondern Verhaltensmuster: Kontrollverlust, gescheiterte Versuche, das Spielen einzuschränken, Streit mit nahestehenden Personen oder das Herunterspielen der eigenen Spielintensität vor anderen. Wer mehrere dieser Merkmale zeigt, gilt als „exzessiv“ Spielender – ein Sammelbegriff für problematische und pathologische Spielerinnen und Spieler, unabhängig davon, wie oft oder wie viel tatsächlich gespielt wird.

Südtirol im Zahlenspiegel

Laut ASTAT haben 69 Prozent der 16- bis 76-jährigen Südtirolerinnen und Südtiroler mindestens einmal im Leben gespielt, 37 Prozent taten dies im vergangenen Jahr. 63 Prozent haben in den letzten zwölf Monaten gar nicht gespielt, 32 Prozent spielten ohne problematisches Muster. Bei 5 Prozent – umgerechnet mehrere Tausend Personen – zeigt sich hingegen ein riskantes Verhalten: 3 Prozent gelten als problematisch, 2 Prozent als pathologisch Spielende.

Bemerkenswert ist die Entwicklung: Zwischen 2016 und 2026 stieg der Anteil exzessiv Spielender von 4 auf 5 Prozent – ein Anstieg, der ausschließlich auf Männer zurückgeht, bei denen die Quote von 6 auf 7 Prozent kletterte. Der Geschlechterunterschied ist insgesamt deutlich: Während 71 Prozent der Frauen nie spielen, sind es bei den Männern nur 55 Prozent. Auch das Alter spielt eine Rolle. Am stärksten betroffen sind junge Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren, von denen 9 Prozent zu den exzessiv Spielenden zählen – dreimal so viele wie bei den Über-50-Jährigen.

Traditionell vor Ort, aber online riskanter

Rubbellose, Lotto und SuperEnalotto werden nach wie vor überwiegend analog an Verkaufsstellen gekauft. Ganz anders bei Börsenspekulation, Online-Trading oder Gewinnspiel-Apps: Diese Formen finden fast ausschließlich digital statt. Insgesamt spielt online zwar nur knapp jede zehnte Person, doch der Anteil riskanten Verhaltens ist hier deutlich höher als in physischen Spiellokalen: 23 Prozent der Online-Spielenden zeigen problematisches oder pathologisches Verhalten, bei den öffentlichen Spielorten wie Bars oder Tabaktrafiken sind es nur 9 Prozent. Der Anteil pathologisch Spielender ist online mehr als dreimal so hoch wie in klassischen Lokalen.

Der erste Kontakt kommt früh

37 Prozent der Spielenden hatten ihr erstes Glücksspielerlebnis vor dem 20. Lebensjahr, weitere 32 Prozent zwischen 20 und 29 Jahren. Ausgelöst wurde der Einstieg meist über Freundinnen und Freunde (34 Prozent) oder einfach durch Zufall (32 Prozent) – Werbung und soziale Netzwerke spielten dagegen nur eine untergeordnete Rolle (3 Prozent). Als Hauptmotiv nannten 69 Prozent die Hoffnung auf einen Geldgewinn, mit deutlichem Abstand vor Zeitvertreib, Geselligkeit oder Nervenkitzel.

Wenn das Spiel zur Bewältigung wird

Besonders aufschlussreich sind die psychologischen Befunde der ASTAT-Erhebung. Während Glücksspiel für die meisten Menschen keine emotionale Funktion hat – nur 3 Prozent aller Spielenden nutzen es, um Angst, Trauer oder Schuldgefühle zu bewältigen –, kippt dieses Bild bei pathologisch Spielenden komplett: 37 Prozent von ihnen setzen das Spiel gezielt zur Emotionsregulierung ein. Auch depressive Symptome nehmen mit steigender Problematik zu, ebenso wie Rauchen (30 Prozent bei pathologisch Spielenden gegenüber 18 Prozent im Bevölkerungsschnitt) und Alkoholkonsum während des Spielens.

Die Betroffenen selbst sind sich ihres Verhaltens dabei oft bewusst: Auf einer Skala von 1 bis 5 stufen pathologisch Spielende ihre eigene Risikobereitschaft im Schnitt mit 2,8 ein (gegenüber 1,3 bei unproblematisch Spielenden) und geben deutlich häufiger an, Schwierigkeiten zu haben, Einladungen zu riskantem Spiel abzulehnen. Fast ein Viertel der pathologisch Spielenden berichtet zudem von Streit mit anderen Menschen wegen des Spielens, und rund jede vierte spielende Person hat zumindest einmal versucht, das eigene Verhalten einzuschränken – nicht immer mit Erfolg.

Der Weg in die Sucht beginnt oft im Kinderzimmer

Während die ASTAT-Daten die Situation von Erwachsenen in Südtirol abbilden, warnt die internationale Forschung vor einer Entwicklung, die bereits im Kindesalter ansetzt: Lootboxen. Das sind virtuelle „Beutekisten“ in Videospielen, deren Inhalt per Zufall bestimmt wird und die oft mit echtem Geld gekauft werden(UT24 hat bereits über die Glücksspielfalle im Fußballspiel „EA FC“ berichtet). Eine Studie unter Zürcher Jugendlichen (Durchschnittsalter knapp 14 Jahre) fand einen klaren Zusammenhang zwischen intensiver Lootbox-Nutzung und problematischem Video- beziehungsweise Glücksspielverhalten. Eine britische Untersuchung von Close und Lloyd kommt zu einem ähnlichen Schluss: Rund ein Drittel jener kleinen Gruppe, die den Großteil des Lootbox-Umsatzes erzeugt, zeigt bereits Anzeichen problematischen Spielverhaltens – unabhängig vom verfügbaren Einkommen.

Entscheidend ist dabei nicht die Lootbox selbst, sondern das Prinzip dahinter: Belohnungen werden nicht garantiert, sondern zufällig vergeben. Genau dieses Muster gilt in der Verhaltenspsychologie als besonders wirksam, um ein Verhalten zu verfestigen, und ist strukturell identisch mit dem Hebel eines Spielautomaten – das Gehirn reagiert schon auf die Erwartung, nicht erst auf den Gewinn. Verstärkt wird der Effekt durch knappe Fast-Gewinne, aufwendige Licht- und Soundeffekte beim Öffnen der Box sowie virtuelle Währungen, die das Gefühl für den tatsächlichen Geldwert verwischen. Sozialer Druck durch Gleichaltrige und zeitlich limitierte Angebote tun ihr Übriges.

Genau darin liegt die eigentliche Gefahr: Kinder lernen so schon Jahre vor dem legalen Mindestalter für Glücksspiel, dass Zufall und Belohnung zusammengehören. Der spätere Schritt zu echten Wettformen wie Sportwetten-Apps oder Online-Casinos, die mit denselben Reizen arbeiten, fällt dann leichter – weil das Muster bereits vertraut ist.

Fazit: Ein Phänomen mit vielen Gesichtern

Die Südtiroler Daten zeigen: Glücksspiel bleibt für die überwiegende Mehrheit ein kontrollierbares Freizeitvergnügen – doch für eine relevante Minderheit, vor allem junge Männer und Online-Spielende, wird daraus eine ernstzunehmende Belastung mit finanziellen, sozialen und psychischen Folgen. Gleichzeitig deutet die internationale Forschung darauf hin, dass die Grenze zwischen Videospiel und Glücksspiel für die nächste Generation zunehmend verschwimmt – lange bevor der erste echte Einsatz überhaupt getätigt wird. Prävention und Aufklärung, so sind sich Fachleute einig, müssten deshalb deutlich früher ansetzen als bisher: nicht erst beim ersten Rubbellos, sondern beim ersten virtuellen Beutekisten-Klick.

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