von Alexander Wurzer 12.09.2026 08:30 Uhr

PISA-Absturz: Das „gute Zeugnis“ ist Schönfärberei

„Gutes Zeugnis für Südtirols Schulen“, jubelt die Landespresseagentur über die neuen PISA-Ergebnisse. Ein Blick auf die Entwicklung seit 2006 zeichnet ein anderes Bild: Die deutsche Schule fällt in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften auf den niedrigsten Stand der Vergleichsreihe

Die Bildungslandesräte (von links) Daniel Alfreider, Philipp Achammer und Marco Galateo kommentierten die Südtiroler Ergebnisse der OECD-PISA-Studie. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)

Trotzdem bleibt sie das leistungsstärkste Schulsystem Südtirols. Statt sich selbst auf die Schulter zu klopfen, müsste die Bildungspolitik endlich schonungslos klären, warum das Niveau sinkt – und dabei auch die Sprachfrage auf den Tisch legen.

Bildungslandesrat Philipp Achammer ist zufrieden: „Wir haben eine gute Schule, wir haben ein gutes Bildungssystem.“ Die Landespresseagentur machte daraus gleich das „gute Zeugnis für Südtirols Schulen“.

Nur: Wer sich ausschließlich mit einem ebenfalls schwächer gewordenen OECD-Durchschnitt vergleicht, kann vieles schönreden. Entscheidend ist doch, wie sich Südtirols Schulen selbst entwickelt haben. Und da sieht das Zeugnis plötzlich ganz anders aus.

43 Punkte in Mathematik verloren

Die deutsche Schule erreichte 2018 in Mathematik noch hervorragende 534 Punkte. 2022 waren es nur mehr 492, jetzt sind es 491. 43 Punkte Verlust in sieben Jahren.

Beim Lesen ging es im selben Zeitraum von 505 über 489 auf 481 Punkte zurück. In den Naturwissenschaften sank der Wert von 510 auf 508 Punkte.

Noch unangenehmer ist der Langzeitvergleich: Die Präsentation des Landes zeigt die Ergebnisse seit 2006. 2025 erreicht die deutsche Schule in allen drei Bereichen den niedrigsten Punktewert der gesamten dargestellten Zeitreihe. In Naturwissenschaften waren es 2006 noch 534 Punkte, heute 508. In Mathematik ging es nach dem Höchststand von 534 Punkten 2018 auf 491 zurück. Beim Lesen stehen heute 481 Punkte zu Buche – 2006 waren es noch 508.

Das kann man „gutes Zeugnis“ nennen. Man kann es aber auch beim Namen nennen: Südtirols Schule hat massiv an Niveau verloren.

Und trotzdem ist die deutsche Schule klar die Nummer eins

Umso bemerkenswerter ist, was die Zahlen ebenfalls zeigen: Die deutsche Schule bleibt trotz ihres Abstiegs das mit Abstand stärkste Schulsystem im Land.

Naturwissenschaften: deutsch 508 Punkte, ladinisch 494, italienisch 474. Mathematik: 491, 476 und 459. Lesen: 481, 473 und 464.

Das ist auch eine klare Antwort an jene, die seit Jahren an der deutschen Schule herumbasteln und mehrsprachige Modelle als vermeintlichen Königsweg verkaufen wollen.

Das ladinische Schulmodell ist wesentlich stärker mehrsprachig ausgerichtet. Trotzdem liegt es aktuell in allen drei PISA-Bereichen hinter der deutschen Schule. Natürlich beweist das nicht, dass Mehrsprachigkeit schlechte Ergebnisse verursacht. Es widerlegt aber sehr wohl die Erzählung, ein mehrsprachiges Schulmodell sei automatisch der bessere Weg.

Für Experimente mit der muttersprachlichen deutschen Schule gibt es aus diesen Zahlen jedenfalls keinen Auftrag.

Italienische Schule weit abgeschlagen

Besonders schlecht schneidet die italienische Schule ab. In Naturwissenschaften erreicht sie 474 Punkte und liegt damit nicht nur deutlich hinter der deutschen Schule, sondern auch unter Italien mit 483 Punkten. Beim Lesen sind es 464 gegenüber 474 Punkten im gesamtstaatlichen Durchschnitt, in Mathematik 459 gegenüber 468.

Noch deutlicher wird das bei den schwachen Schülern: In Naturwissenschaften bleiben 24,1 Prozent der Schüler der italienischen Schule unter Kompetenzstufe zwei. An der deutschen Schule sind es 13,3 Prozent.

Auch daran sieht man: Das deutsche Schulmodell ist nicht das Problem. Es ist trotz allem noch immer das Erfolgsmodell Südtirols.

Die Sprachfrage endlich offen ansprechen

Die eigentliche Frage lautet deshalb: Warum baut gerade dieses System derart ab? Natürlich gibt es mehrere Faktoren. Das Land selbst nennt den sozialen und kulturellen Hintergrund, das Bildungsniveau der Eltern, digitale Medien und das schulische Umfeld.

Aber ein Punkt darf nicht länger politisch umschifft werden: Immer mehr Kinder sitzen in deutschen Klassen, ohne die deutsche Unterrichtssprache ausreichend zu beherrschen.

Das betrifft sowohl Einwandererkinder als auch Kinder aus italienischsprachigen Familien, deren Eltern bewusst die deutsche Schule wählen.

Dass Sprachkompetenz und Leistung zusammenhängen, ist keine böse Unterstellung. Schon die PISA-Auswertung 2022 zeigte an der deutschen Schule erhebliche Unterschiede. In Mathematik erreichten Schüler ohne Migrationshintergrund im Schnitt 498 Punkte, Schüler der zweiten Generation 458 und jene der ersten Generation nur 439 Punkte. Die Landesevaluationsstelle verwies ausdrücklich darauf, dass ein Migrationshintergrund häufig mit unzureichenden Kenntnissen der Unterrichtssprache verbunden ist und sich dies auf die Leistungen auswirken kann.

Das ist kein Beweis dafür, dass der gesamte PISA-Absturz darauf zurückzuführen ist. Es ist aber ein derart deutlicher Befund, dass es fahrlässig wäre, genau diese Frage nicht bis ins Detail zu untersuchen.

Denn Unterricht funktioniert nicht im luftleeren Raum. Wenn ein Teil einer Klasse zunächst die Sprache lernen muss, bindet das zwangsläufig Aufmerksamkeit und Ressourcen. Lehrer müssen Defizite auffangen, die eigentlich vor oder zusätzlich zum Fachunterricht behoben werden müssten. Die Leidtragenden sind am Ende alle.

Die Goetheschule erkannte das Problem

Genau deshalb wollte die Bozner Goetheschule bereits 2024 handeln. Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse sollten zunächst gezielt und intensiv sprachlich gefördert werden. Das Modell wurde von der Bildungsverwaltung gestoppt.

Danach wurde geredet, beraten und angekündigt. Inzwischen gibt es zusätzliche Sprachförderung und individuelle Bildungspläne. Das Grundproblem aber bleibt: Kinder können weiterhin in eine deutsche Regelklasse kommen, obwohl ihre Deutschkenntnisse für einen normalen Unterricht nicht ausreichen. Eine konsequente vorgeschaltete Intensivförderung gibt es nicht.

Dabei wäre das weder Ausgrenzung noch Schikane. Im Gegenteil: Wer ein Kind in eine deutsche Schule schickt, muss erwarten können, dass dort auf Deutsch unterrichtet werden kann. Und ein Kind, das diese Sprache noch nicht ausreichend beherrscht, hat Anspruch darauf, sie zuerst so intensiv zu lernen, dass es dem Unterricht überhaupt folgen kann. Alles andere ist falsche Rücksichtnahme auf Kosten der Schüler und Lehrer.

Kein Grund zum Feiern

Achammer dankt den Lehrern und Mitarbeitern und verweist auf die kleinen Klassen. Damit hat er sogar recht. Dass die deutsche Schule trotz dieses dramatischen Langzeitverlustes international weiterhin weit vorne liegt, spricht wohl gerade für die Arbeit der Lehrer.

Die Politik sollte sich diesen Erfolg aber nicht selbst ans Revers heften. Ihre Aufgabe wäre es jetzt, die unangenehmen Fragen zu beantworten: Warum ist die deutsche Schule seit Jahren im Sinkflug? Welchen Anteil haben fehlende Kenntnisse der Unterrichtssprache? Wie stark verändern Schüler, die dem Unterricht sprachlich nicht folgen können, das Leistungsniveau einer gesamten Klasse? Und warum wurde bei einem Problem, das seit Jahren bekannt ist, nicht längst konsequenter gehandelt?

Die deutsche Schule braucht keine weiteren Experimente. Sie braucht klare sprachliche Voraussetzungen und eine Politik, die ihr Niveau schützt, statt den eigenen Absturz als „gutes Zeugnis“ zu verkaufen.

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