von mmh 31.08.2026 13:03 Uhr

Neue Studie: Fast jeder sechste Südtiroler bewegt sich zu wenig

Eine neue Studie der Freien Universität Bozen zeigt: Obwohl das Aktivitätsniveau junger Menschen in Südtirol insgesamt hoch ist, erreicht fast jeder sechste Erwachsene die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Mindestwerte bei Bewegung nicht. Gleichzeitig verbringen junge Erwachsene im Schnitt fast fünf Stunden am Tag im Sitzen.

Symbolbild von Daniel Reche auf Pixabay

Die Studie „LOOK4SPORT“ unter Leitung von Prof. Attilio Carraro hat 400 Südtiroler im Alter zwischen 18 und 34 Jahren untersucht. Das Forschungsteam analysierte dabei nicht nur die körperliche Aktivität, sondern auch das Sitzverhalten, das psychische Wohlbefinden und mögliche Hindernisse für einen aktiven Lebensstil.

Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, die von der WHO empfohlenen 150 Minuten moderater körperlicher Aktivität pro Woche zu erreichen oder zu überschreiten. Damit liegt Südtirol italienweit im Spitzenfeld.

Dennoch erfüllen 17 Prozent der jungen Erwachsenen die Mindestempfehlung nicht. Diese Gruppe lebt laut Studie mehrheitlich in Orten mit weniger als 15.000 Einwohnern und ist überwiegend älter als 27 Jahre.

Persönliche Hürden spielen größte Rolle

Als wichtigstes Hindernis für regelmäßige Bewegung wurden persönliche Barrieren festgestellt. Dazu zählen unter anderem mangelndes Vertrauen in die eigenen sportlichen Fähigkeiten, eine fehlende Körperwahrnehmung, Schwierigkeiten beim Aufbau neuer Gewohnheiten und das Gefühl, im Alltag keine Zeit für Bewegung zu haben.

Wer mit besonders vielen persönlichen Hürden zu kämpfen hat, hat laut Studie eine fast viermal höhere Wahrscheinlichkeit, die WHO-Mindestwerte nicht zu erreichen, erklärt Studienmitautor Antonino Mulè.

Soziale Faktoren wie das Umfeld von Freunden und Familie sowie Bedingungen der Umgebung spielen demnach eine deutlich geringere Rolle.

Fast fünf Stunden täglich im Sitzen

Neben dem Bewegungsmangel untersuchten die Forscher auch, wie viel Zeit junge Erwachsene sitzend verbringen. Trotz des insgesamt hohen Aktivitätsniveaus kommen dabei durchschnittlich fast fünf Stunden pro Tag zusammen.

Zudem zeigte die Untersuchung einen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Einkommen sowie persönlichen und umweltbezogenen Barrieren und einem geringeren psychischen Wohlbefinden.

Carraro sieht gerade bei den 18- bis 34-Jährigen eine wichtige Phase. Studium, Berufseinstieg, finanzielle Eigenständigkeit und Familiengründung würden in diesen Jahren große Veränderungen mit sich bringen. Wer in diesem Alter dauerhaft inaktiv bleibe, könnte laut Carraro auch später einen überwiegend bewegungsarmen Lebensstil beibehalten.

Bewegung soll Teil des Alltags werden

Aus Sicht des Forschungsteams braucht es deshalb individuellere Strategien. Statt ausschließlich auf allgemeine Informationskampagnen zu setzen, sollten Menschen dabei unterstützt werden, Motivation aufzubauen und Bewegung dauerhaft in den Alltag einzubauen. Das könne bereits beim Treppensteigen beginnen.

Besonders wirksam sei es, Bewegung als gemeinschaftliche Aktivität zu fördern. Gemeinsam Sport zu treiben, könne die Motivation erhöhen. Gleichzeitig brauche es vielfältige Angebote, die über klassische Sportplätze hinausgehen.

Auch sichere öffentliche Räume spielen für die Forscher eine wichtige Rolle. Beleuchtete Geh- und Radwege könnten es erleichtern, auch abends spazieren zu gehen oder zu joggen.

Bewegungsmangel verursacht hohe Kosten

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt laut den Forschern auch ein Bericht von WHO und OECD aus dem Jahr 2023. Demnach könnte Italien bis 2050 jährlich zwei Milliarden Euro für die Behandlung von Krankheiten ausgeben müssen, die mit Bewegungsmangel zusammenhängen.

Würden in den EU-Staaten mehr Menschen das empfohlene Mindestmaß an Bewegung erreichen, könnten bis 2050 laut der Publikation insgesamt 11,5 Millionen Fälle nichtübertragbarer Krankheiten vermieden werden. Darunter wären 3,8 Millionen Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 3,5 Millionen Fälle von Depressionen und mehr als 400.000 Fälle verschiedener Krebserkrankungen.

Kann KI beim Sport helfen?

Eine zweite Studie des Forschungsteams beschäftigte sich mit der Frage, ob Künstliche Intelligenz Menschen beim Überwinden persönlicher Bewegungshürden unterstützen kann. Für die Ende 2025 veröffentlichte Studie „AI in motion“ wurden acht wissenschaftliche Untersuchungen zu KI-gestützten Maßnahmen zur Bewegungsförderung ausgewertet.

Dabei zeigte sich, dass Apps, Chatbots und digitale Avatare Nutzer individuell begleiten, an Bewegung erinnern und Empfehlungen an persönliche Bedürfnisse anpassen können.

Ob dadurch langfristig tatsächlich ein aktiverer Lebensstil entsteht, sei allerdings wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt, erklärt Andrea Ciorciari, Postdoktorand an der Freien Universität Bozen.

KI soll persönliche Betreuung nicht ersetzen

Für Carraro ist KI deshalb kein Ersatz für persönliche Betreuung. Sie könne als zusätzliches Werkzeug dienen, Menschen motivieren und begleiten, aber die Arbeit von Fachkräften derzeit nicht vollständig ersetzen.

Das größte Potenzial sehen die Forscher daher in sogenannten hybriden Modellen. Dabei übernehmen Fachkräfte aus Bewegungswissenschaft, Personal Training und Gesundheitsbereich weiterhin die Trainingsplanung und persönliche Betreuung. Die KI kann gleichzeitig an Bewegungsziele erinnern und individuell zugeschnittene Impulse geben.

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