Verbotene Pestizide auf dem Teller

Anfang Mai hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ihren Bericht über die Pestizidanalysen des Jahres 2024 veröffentlicht. Insgesamt flossen fast 126.000 Proben ein. Das Ergebnis: 38,3 Prozent der im Raum EU, Island und Norwegen analysierten Proben wiesen Pestizidrückstände unterhalb der Grenzwerte auf, bei 3,3 Prozent lagen die Rückstände darüber. Mehr als ein Viertel der Proben enthielt gleich mehrere Wirkstoffe, sogenannte Pestizid-Cocktails. Den traurigen Rekord erzielten Trockenfrüchte aus Vietnam mit 36 verschiedenen Pestiziden in einer Probe.
Besorgniserregend ist aus Sicht der Verbraucherzentrale Südtirol (VZS), dass der Anteil der Proben mit Grenzwertüberschreitungen bei häufig konsumierten Lebensmitteln seit Jahren steigt: von 1,4 Prozent im Jahr 2018 auf nunmehr 2,4 Prozent. Am häufigsten betroffen waren Paprika, Tafeltrauben, Grapefruits und Olivenöl. Importware aus Drittstaaten fiel deutlich öfter durch als Ware aus der EU. Bio-Lebensmittel schnitten hingegen klar besser ab.
Verbotene Pestizide in Tee, Reis und Gewürzen
Für Aufsehen sorgt auch eine Untersuchung der Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Sie ließ 64 Produkte der Kategorien Reis, Tee und Gewürze analysieren. Das alarmierende Ergebnis: 70,3 Prozent der Proben enthielten Rückstände von Pestiziden, die in der EU wegen inakzeptabler Umwelt- und Gesundheitsrisiken gar nicht zugelassen sind. Nicht zugelassene Wirkstoffe, darunter bienengiftige Neonikotinoide, fanden sich in allen Proben von Paprikapulver, Chili und Kreuzkümmel sowie in fast allen Proben von grünem Tee.
Dahinter steckt aus Sicht der Verbraucherschützer eine Doppelmoral der EU, denn obwohl zahlreiche Pestizide in Europa verboten sind, produzieren Konzerne wie Bayer, BASF und Corteva die Substanzen weiterhin in der EU und exportieren sie in Länder mit laxeren Auflagen. Über importierte Lebensmittel landen die Chemikalien am Ende trotzdem auf den Tellern der EU-Bürger, ganz legal, denn für Rückstände verbotener Pestizide gelten aus handelspolitischen Gründen Toleranzgrenzen. Die Exporte verbotener Pestizide „Made in EU“ sind laut Recherchen zuletzt sogar auf 122.000 Tonnen gestiegen.
„Zwar konsumieren die meisten Menschen Gewürze und Tee nur in kleinen Mengen“, sagt Silke Raffeiner, Ernährungsexpertin der VZS. „Dennoch zeigt die foodwatch-Analyse in erschreckender Weise auf, dass der derzeitige Rechtsrahmen der EU für Pestizide massive Lücken aufweist und die Menschen nicht ausreichend vor besonders gefährlichen Wirkstoffen schützt.“
Bedenkliche Funde in Erdbeeren
Das Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN Europe ließ 41 Proben aus elf EU-Ländern untersuchen. 78 Prozent der konventionellen Proben wiesen Rückstände auf, mehr als die Hälfte war mit PFAS-Pestiziden, den sogenannten Ewigkeitschemikalien, belastet. 56 Prozent enthielten besonders gefährliche Wirkstoffe, darunter die Fungizide Fludioxonil und Cyprodinil, die als hormonell wirksam eingestuft sind. In den Bio-Proben fanden sich hingegen keine messbaren Rückstände.
Da gerade Kinder gerne Erdbeeren essen, werten die Umweltorganisationen die Ergebnisse als sehr besorgniserregend. Kritik gibt es auch an der EFSA selbst: Sie berücksichtige bei ihrer Risikobewertung keine Mehrfachrückstände, obwohl sich die Wirkungen verschiedener Pestizide addieren oder gegenseitig verstärken könnten.






