von ih 21.08.2026 13:54 Uhr

„Die ganze Stadt war voller Migranten“

Straßenschlachten, geschlossene Geschäfte und Tausende junge Nordafrikaner, die nach Europa strömen: Der deutsche Autor und YouTuber Oliver Flesch war während der Migrationskrise persönlich in Ceuta. Im Gespräch mit UT24 schildert er, was er vor Ort erlebt hat – und widerspricht dabei mehreren Darstellungen, die seiner Ansicht nach ein falsches Bild der Ereignisse vermitteln.

Ceuta wurde von Migranten geflutet. UT24 hat dazu mit einem Augenzeugen gesprochen, der diese Zustände hautnah mitbekam. - Foto: Oliver Flesch.

„Du konntest noch nicht einmal eine Flasche Wasser kaufen“

Die Bilder aus Ceuta gingen um die Welt: Innerhalb kurzer Zeit versuchten zehntausende Migranten, von Marokko aus in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, Einbrüchen und Plünderungen.

Oliver Flesch war einen Tag nach dem Höhepunkt der Ausschreitungen vor Ort. Was er dort sah, habe sich deutlich von vielem unterschieden, was später in sozialen Medien und Medienberichten zu sehen gewesen sei.

„Die ganze Stadt quasi voller Migranten“, beschreibt Flesch die Situation im Gespräch mit UT24. Selbst die Innenstadt und die touristischeren Bereiche seien betroffen gewesen. Die Folge: Geschäfte und Restaurants machten aus Angst vor Plünderungen zu.

Besonders eindrücklich sei für ihn die Situation bei einem Lidl-Supermarkt unmittelbar am Hafen gewesen. Der Supermarkt habe gerade geschlossen, als Flesch dort ankam. Zu viele Menschen hätten sich ohne zu bezahlen mit Waren versorgt.

„Du konntest noch nicht mal eine Flasche Wasser kaufen“, erzählt er. Auch für ihn selbst sei das zunächst ein Problem gewesen. Erst als die Migranten in einem Hotel untergebracht wurden, habe sich die Versorgungslage für ihn entspannt.

  • Foto: Oliver Flesch

Die Bewohner verschwanden aus dem Stadtbild

Wie groß die Angst unter der einheimischen Bevölkerung war, lasse sich laut Flesch vor allem daran erkennen, dass die Bewohner der Stadt kaum noch zu sehen gewesen seien.

„Du hast die Leute, die da gewohnt haben, gar nicht gesehen“, erzählt er im UT24-Gespräch. Viele hätten sich vollständig zurückgezogen und wollten mit den Ereignissen nichts zu tun haben.

Auch Flesch selbst habe sich nicht jederzeit sicher gefühlt. Er war mit seinem Handy unterwegs und filmte die Ereignisse. Wenn größere Gruppen auf ihn zukamen, sei ein mulmiges Gefühl entstanden.

„Wenn die so in großen Gruppen auftauchen, […] dann ist das ein Scheißgefühl, weil du halt nicht weißt, wie reagieren sie“, schildert er gegenüber UT24.

Gleichzeitig betont Flesch, dass er vor Ort nicht pauschal nur eine Seite verantwortlich machen wolle. Sowohl linke als auch rechte Aktivisten hätten seiner Ansicht nach teilweise mit falschen oder übertriebenen Darstellungen gearbeitet.

  • Foto: Oliver Flesch

Militär riegelt die Innenstadt ab

Am Freitag habe sich die Lage laut Oliver Flesch allerdings bereits deutlich verändert. Spanien setzte Militär und Sicherheitskräfte ein. Die Migranten wurden zunehmend aus der Innenstadt zurückgedrängt.

Oliver Flesch hat diesen Prozess unmittelbar miterlebt und unter anderem für den Deutschland-Kurier dokumentiert.

„Je mehr Militär kam, desto schneller wurden die dann verdrängt“, erzählt er. Die Sicherheitskräfte hätten dabei sehr genau zwischen Einheimischen, Touristen, Journalisten und Migranten unterschieden.

Schließlich sei nur noch ein Weg Richtung Grenze offen gewesen. Über Stunden habe er beobachten können, wie große Gruppen über diesen Weg zurückströmten.
„Die Straße, dieser Weg ist irgendwie […] drei Meter breit, und der war voll, der war voll über den ganzen Tag.“

Für Oliver Flesch war dies ein wichtiger Punkt: Seiner Einschätzung nach belegte die Situation vor Ort, dass die Zahl der Menschen tatsächlich enorm gewesen sein müsse.

  • Foto: Oliver Flesch

„Am Samstagabend war die Stadt besenrein“

Besonders deutlich widerspricht Oliver Flesch der Darstellung, die Stadt sei auch nach dem Einsatz der Sicherheitskräfte weiterhin von den neu angekommenen Migranten überfüllt gewesen.

„Am Samstagabend war Ceuta besenrein. Du hast gar keinen mehr gesehen“, sagt er. Er habe selbst Aufnahmen vom leeren Strand gemacht. Seiner Ansicht nach seien Bilder und Videos vom darauffolgenden Sonntag teilweise missverständlich gewesen.

Denn nicht alle Migranten, die anschließend noch in Ceuta zu sehen waren, seien erst unmittelbar zuvor über die Grenze gekommen. In der Stadt gebe es bereits seit längerer Zeit ein Aufnahmezentrum sowie ein großes Viertel, in dem viele Migranten und Menschen mit afrikanischem oder muslimischem Hintergrund leben.
Flesch vermutet deshalb, dass manche Medienbilder den Eindruck erweckt hätten, die Stadt sei weiterhin voller Neuankömmlinge, obwohl ein Teil der gezeigten Personen bereits zuvor dort gelebt habe.

„Zigaretten oder ihre Mama anrufen“

Während seines Aufenthalts sprach Oliver Flesch auch mit zahlreichen Migranten. Dabei habe er sehr unterschiedliche Motive für ihre Grenzübertritte festgestellt.

„Von diesen 100 Mal haben, keine Ahnung, 30 Prozent Zigaretten haben wollen und 70 Prozent wollten ihre Mama anrufen“, schildert Oliver Flesch im UT24-Gespräch.

Er habe deshalb nicht den Eindruck gewonnen, dass sämtliche Neuankömmlinge mit einem klaren Plan gekommen seien, dauerhaft nach Europa auszuwandern. Für manche sei die Situation vielmehr wie ein spontanes Abenteuer gewesen.

Flesch vergleicht die Entwicklung mit einer aus dem Ruder gelaufenen Internetveranstaltung: Einer geht, Freunde schließen sich an, weitere folgen – und plötzlich entsteht eine Menschenmenge, die niemand mehr kontrollieren kann.

Andere hätten allerdings durchaus konkrete wirtschaftliche Erwartungen gehabt. Einer der Männer, mit denen Flesch gesprochen habe, habe ihm erklärt, dass es in Marokko kaum Möglichkeiten gebe, Geld zu verdienen. In Spanien dagegen würde jeder einen Arbeitsplatz bekommen.

Eine Vorstellung, die Flesch für unrealistisch hält. Er verweist auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien.

Bürgerwehren gegen Migranten

Besonders angespannt sei die Situation in einigen spanischen Vierteln in Ceuta gewesen. Flesch berichtet von Bewohnern, die sich spontan zusammenschlossen, um ihre Straßen zu schützen.

Dabei habe er auch Szenen beobachtet, die in Deutschland kaum vorstellbar wären: „Da gab es einen ganz anderen Zusammenhalt zwischen Polizei und Volk, als das bei uns in Deutschland der Fall ist“, sagt Flesch.

Er schildert unter anderem eine Situation, bei der eine Gruppe von Anwohnern einen Migranten, der vom Wasser aus an Land gelangen wollte, mit Steinen bewarf. Polizisten seien in der Nähe gewesen und hätten nicht eingegriffen.

Diese Beobachtung steht beispielhaft für die außergewöhnliche Spannung, die während der Ereignisse in Teilen der Stadt herrschte.

  • Foto: Oliver Flesch

Was ist mit der Aussage von SVP-Senatorin Julia Unterberger?

Im Gespräch konfrontiert UT24 Oliver Flesch auch mit Aussagen von SVP-Senatorin Julia Unterberger zu Ceuta.

Sie hatte damals medial darauf hingewiesen, dass Ceuta eine spanische Stadt an der nordafrikanischen Küste und nicht Teil des europäischen Festlands sei. Damit sollte unter anderem die Einordnung der Ereignisse in die europäische Grenzpolitik erklärt werden.

Flesch hält diese Argumentation für wenig hilfreich. „Selbst dann, wenn es so wäre, ich verstehe: Was will sie uns denn damit sagen?“, fragt er sich.

Für ihn sei entscheidender, dass Ceuta politisch zu Spanien gehört und die Ereignisse deshalb sehr wohl für die europäische Migrationsdebatte relevant seien.

Auch bei der Frage nach dem spanischen Umgang mit illegaler Migration widerspricht Flesch Unterberger deutlich. Diese sei alles andere als vorbildlich.

„Diese Leute sind jetzt hier und die bleiben hier“

Besonders kritisch sieht Oliver Flesch die spanische Politik, Migranten unter bestimmten Voraussetzungen einen legalen Aufenthaltsstatus zu ermöglichen. Er befürchtet, dass ein einmal gewährter Aufenthaltsstatus später kaum wieder rückgängig gemacht werde.

„Die, die jetzt den temporären Legalitätsstatus bekommen haben, den wird man denen nicht mehr wegnehmen“, sagt Flesch. Seiner Ansicht nach sei die Vorstellung problematisch, Spanien könne dadurch Menschen dauerhaft integrieren, die eigentlich keine realistische berufliche Perspektive hätten.

Er warnt zugleich davor, dass Menschen ohne Arbeit und mit wenig Perspektive anschließend in andere europäische Länder weiterziehen könnten.

Wer steckte hinter dem Massenansturm?

Eine zentrale Frage bleibt: Warum kamen innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen nach Ceuta?

Auch Oliver Flesch kann darauf keine eindeutige Antwort geben: „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht“, sagt er ausdrücklich. Er hält es für möglich, dass verschiedene Faktoren zusammengekommen seien. Auch eine gezielte Steuerung von marokkanischer Seite könne er weder bestätigen noch ausschließen.

Damit grenzt sich Flesch zugleich von Spekulationen ab, wonach der Massenansturm von ausländischen Regierungen gezielt organisiert worden sein könnte. Für solche Behauptungen gebe es aus seiner Sicht keine belastbaren Belege.

  • Foto: Oliver Flesch

„Auf einmal können 80.000 Menschen kommen“

Eine Erkenntnis hält Oliver Flesch aus den Ereignissen dennoch für besonders wichtig: Die Vorgänge hätten gezeigt, wie schnell eine große Zahl von Menschen an einer europäischen Außengrenze auftauchen könne – und dass eine konsequente Rückführung grundsätzlich möglich sei.

„Wir wissen jetzt, dass es problemlos möglich ist, wenn man nur will, 80.000 Migranten allein wieder nach Hause zu schicken“, so Flesch zu UT24.

Für ihn habe die Krise deshalb auch einen politischen Lerneffekt. Selbst Menschen, die bisher geglaubt hätten, ein solcher Massenansturm sei praktisch unmöglich, hätten nun gesehen, wie schnell sich eine solche Situation entwickeln könne.

„Es wurden radikal alle wieder weggeschickt“

Eine weitere Frage, die Flesch beschäftigt, ist der Umgang mit Menschen, die auf dem Seeweg spanisches Gebiet erreichen.

In den ersten Tagen habe genau das für Verunsicherung gesorgt. Nach damaligen rechtlichen Vorgaben mussten bestimmte Fälle zunächst geprüft werden, bevor eine Rückführung erfolgen konnte.

Vor Ort habe Flesch jedoch beobachtet, dass die Sicherheitskräfte schließlich sehr konsequent vorgingen. „Es wurden radikal alle wieder weggeschickt“, sagt er.
Seiner Einschätzung nach habe die spanische Regierung dabei erheblichen politischen Druck bekommen – unter anderem von anderen europäischen Staaten.

  • Foto: Oliver Flesch

Ceuta selbst: „Eine ganz, ganz schöne Stadt“

Abseits der dramatischen Ereignisse hat Oliver Flesch eine überraschend positive Seite der Stadt kennengelernt: „Ich habe gedacht, das wird so ein Scheißloch“, sagt er. Tatsächlich habe ihn Ceuta jedoch positiv überrascht.

Die Stadt sei wunderschön, verfüge über zahlreiche historische Gebäude und habe viele freundliche Bewohner. Auch das alltägliche Zusammenleben zwischen der spanischen Bevölkerung und den bereits länger in Ceuta lebenden Muslimen funktioniere seiner Beobachtung nach grundsätzlich.

Für Flesch liegt der entscheidende Unterschied allerdings in der Größenordnung: „Ich glaube, die kommen klar, was aber eben auch nur daran liegt, dass das nicht zu viele sind.“

Genau darin sieht er die zentrale Lehre der Ereignisse: Nicht Migration an sich, sondern die Geschwindigkeit und das Ausmaß, in dem Menschen in ein bereits bestehendes System gelangen, seien entscheidend.

Die Ruhe ist trügerisch

Mittlerweile habe sich die akute Lage zwar beruhigt. Oliver Flesch berichtet jedoch von weiterhin angespannten Verhältnissen. Neue Gruppen seien teilweise bereits in Marokko von den dortigen Sicherheitskräften aufgehalten worden.

Gleichzeitig kursierten weiterhin Videos von Bewohnern, die von Angst und Unsicherheit berichten. Auch über angebliche Übergriffe und Vergewaltigungen werde in sozialen Netzwerken gesprochen – wobei Flesch selbst betont, dass solche Angaben nicht ohne Weiteres als gesicherte Tatsachen übernommen werden sollten.

Er will deshalb erneut nach Ceuta beziehungsweise zu seinen dortigen Kontakten zurückkehren und weitere Gespräche führen.

Die Ereignisse, so sein Fazit, seien jedenfalls noch längst nicht vollständig aufgearbeitet.

Und eine Botschaft nimmt Flesch aus seinem Aufenthalt besonders deutlich mit: Die Bilder aus Ceuta lassen sich nur schwer verstehen, wenn man nicht selbst dort gewesen ist.

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