Südtirol, hör endlich auf, dich an Italien zu messen!

Als wäre es der natürliche und einzig zulässige Maßstab, Südtirol mit Sizilien, Kalabrien, Apulien oder der Lombardei zu vergleichen. Als müsste jede Zahl, jede Leistung und jede gesellschaftliche Entwicklung erst in ein gesamtstaatliches Koordinatensystem eingeordnet werden, damit sie Bedeutung erhält. Dabei sagt dieser Vergleich häufig erstaunlich wenig über unsere tatsächliche Situation aus.
Italien ist nicht unser einziger Maßstab
Natürlich liegt Südtirol staatsrechtlich innerhalb Italiens. Niemand muss diese Tatsache täglich neu verkünden. Sie ist bekannt. Doch daraus folgt nicht, dass Italien auch kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich unser alleiniger Bezugspunkt sein muss.
Südtirol ist ein alpines Land im Herzen Europas. Unsere historischen, sprachlichen und kulturellen Verbindungen reichen nach Nord- und Osttirol, nach Wien und Österreich. Unsere Lebenshaltungskosten, unser Wohnungsmarkt, unsere Wirtschaftsstruktur und unsere Herausforderungen ähneln vielfach eher jenen anderer Alpenregionen als den Verhältnissen in weiten Teilen Italiens.
Trotzdem genügt es uns immer wieder, „italienischer Spitzenreiter“ zu sein. Doch was bedeutet es beispielsweise, bei Einkommen oder Beschäftigung im italienischen Vergleich vorne zu liegen, wenn sich immer mehr einheimische Familien das Wohnen kaum noch leisten können? Was hilft der Hinweis auf niedrigere Arbeitslosenzahlen als im Süden Italiens, wenn junge Südtiroler ihre Heimat verlassen, weil Löhne und Lebenshaltungskosten nicht mehr zusammenpassen?
Der Vergleich mit schwächeren Regionen kann beruhigen. Er kann aber auch den Blick auf die eigenen Versäumnisse verstellen.
Wir müssen uns nicht ständig über Italien definieren
Das Problem zeigt sich bereits in der Sprache. Südtirol wird häufig nicht als eigenständiges Land beschrieben, sondern als „nördlichste Provinz Italiens“, als „Region im Norden Italiens“ oder als vermeintlicher Sonderfall innerhalb des italienischen Staates.
Damit übernehmen wir eine Sichtweise, die Südtirol vom italienischen Zentrum her betrachtet. Rom ist der Mittelpunkt, Südtirol der entfernte Rand. Italien ist das Ganze, Südtirol lediglich ein kleiner Teil davon.
Doch weshalb sollten wir uns selbst auf diese Rolle reduzieren? Südtirol ist nicht deshalb bedeutend, weil es in einer italienischen Rangliste einen vorderen Platz erreicht. Unsere Besonderheit ergibt sich aus unserer Geschichte, unseren Volksgruppen, unserer Landschaft, unserer Kultur und dem jahrzehntelangen Ringen um den Erhalt unserer Identität. Wir müssen uns nicht ständig über Italien definieren. Wir dürfen uns aus uns selbst heraus begreifen.
Auch Autonomie kann kleinmütig verwaltet werden
Südtirol verfügt über eine weitreichende Autonomie. Doch politische Zuständigkeiten allein schaffen noch keine innere Eigenständigkeit. Man kann zahlreiche Kompetenzen besitzen und sich trotzdem gedanklich wie eine gewöhnliche italienische Provinz verhalten.
Genau darin liegt eine der größten Gefahren. Zu oft wird in Bozen gefragt, was Rom erlaubt, was andere italienische Provinzen tun oder wie Südtirol im gesamtstaatlichen Vergleich dasteht. Viel zu selten lautet die Frage: Was braucht unser Land? Welcher Weg entspricht unseren besonderen Verhältnissen? Was wäre für unsere Bevölkerung, unsere Volksgruppen und unsere Zukunft richtig?
Autonomie bedeutet nicht nur, staatliche Vorgaben mit kleinen Südtiroler Anpassungen umzusetzen. Autonomie bedeutet, eigene Lösungen zu entwickeln, eigene Maßstäbe zu setzen und notfalls auch selbstbewusst gegen staatliche Widerstände aufzutreten. Wer stets darauf wartet, was Rom vorgibt, verwaltet keine Autonomie. Er verwaltet Abhängigkeit.
Wir müssen nach oben und nicht nach unten schauen
Südtirol sollte sich nicht länger damit zufriedengeben, innerhalb Italiens besonders gut dazustehen. Unser Anspruch muss höher sein.
Bei den Löhnen müssen wir uns mit wirtschaftlich vergleichbaren Alpenregionen messen. Beim Wohnungsbau müssen wir fragen, wie andere wohlhabende Gebiete leistbaren Wohnraum sichern. In der Bildung dürfen nicht gesamtstaatliche Mindeststandards entscheidend sein, sondern die bestmögliche Förderung unserer deutschen und ladinischen Schulen.
Auch bei Verwaltung, Gesundheitsversorgung, Verkehr und Energiepolitik darf die Frage nicht lauten, ob Südtirol besser als der italienische Durchschnitt abschneidet. Entscheidend ist, ob die Leistungen dem Wohlstand, den Steuereinnahmen und den Möglichkeiten unseres Landes entsprechen.
Ein Blick auf schwächere Regionen macht die eigenen Ergebnisse schnell schöner. Der Vergleich mit den Besten hingegen zeigt, wo tatsächlich Handlungsbedarf besteht.
Selbstbewusstsein ist keine Überheblichkeit
Südtiroler Selbstbewusstsein bedeutet nicht, andere Regionen oder Völker abzuwerten. Es bedeutet auch nicht, die staatsrechtliche Wirklichkeit zu leugnen.
Es bedeutet, die eigene Identität nicht ständig erklären, entschuldigen oder relativieren zu müssen.
Wir dürfen von Südtirol sprechen, ohne jedes Mal hinzuzufügen, dass es in Italien liegt. Wir dürfen unsere Leistungen nach unseren eigenen Voraussetzungen bewerten. Wir dürfen politische Entscheidungen danach beurteilen, ob sie unserem Land dienen – und nicht danach, ob sie in Rom Beifall finden.
Vor allem dürfen wir aufhören, uns kleiner zu machen, als wir sind.
Südtirol ist keine namenlose Verwaltungseinheit am nördlichen Rand Italiens. Südtirol ist ein historisch gewachsenes Land mit einer eigenen Identität, besonderen Rechten und einer Verantwortung gegenüber seinen deutschen, ladinischen und italienischen Bewohnern.
Autonomie beginnt im Kopf
Die Zukunft Südtirols entscheidet sich deshalb nicht nur in Verhandlungen mit Rom oder bei der Formulierung neuer Zuständigkeiten. Sie entscheidet sich auch in unserer eigenen Haltung.
Solange wir uns selbst vor allem als italienische Provinz wahrnehmen, werden wir auch wie eine solche handeln. Solange Italien unser einziger Vergleichsmaßstab bleibt, werden wir unsere Möglichkeiten niemals vollständig ausschöpfen.
Südtirol muss selbstbewusster werden. In seiner Sprache, in seiner Politik, in seiner wirtschaftlichen Ausrichtung und in seinem kulturellen Selbstverständnis.
Wir müssen nicht ständig erklären, wo wir liegen. Wir müssen endlich wieder wissen, wer wir sind.






