von Alexander Wurzer 15.07.2026 06:00 Uhr

103 Jahre später: Tolomei hat noch immer nicht verloren

Vor 103 Jahren trat im Bozner Stadttheater ein Mann ans Rednerpult, dessen Ziel die systematische Auslöschung des deutschen und ladinischen Charakters Südtirols war.

Bild: STF

Am 15. Juli 1923 präsentierte Ettore Tolomei sein berüchtigtes 32-Punkte-Programm zur vollständigen Italianisierung des Landes. Deutsch sollte aus Schulen, Ämtern, Gerichten und dem öffentlichen Leben verschwinden. Die Begriffe „Tirol“ und „Südtirol“ sollten verboten, Vereine aufgelöst, Familiennamen italianisiert und die gesamte Landschaft sprachlich neu beschriftet werden.

Tolomei ist seit 1952 tot. Doch eines seiner wirkungsmächtigsten Instrumente lebt bis heute fort: seine italienischen Ortsnamen. Sie stehen auf Ortstafeln, in Registern, auf Landkarten und in staatlichen Dokumenten. Was ein fanatischer Nationalist zur Italianisierung Südtirols geschaffen, verformt oder politisch vereinnahmt hat, wird mehr als ein Jahrhundert später noch immer als selbstverständlicher Bestandteil des Landes behandelt.

Der Bauplan zur Entnationalisierung

Tolomeis Programm war keine Sammlung nationalistischer Wunschvorstellungen. Es war der detaillierte Bauplan zur Italianisierung eines ganzen Landes. Italienisch sollte zur alleinigen Amtssprache werden. Die deutsche Schule, die deutsche Presse und das deutsche Vereinsleben sollten verschwinden oder unter staatliche Kontrolle gebracht werden. Deutsche Aufschriften, Straßenbezeichnungen und Familiennamen sollten ersetzt werden.

Besonders entlarvend war das geplante Verbot der Begriffe „Tirol“ und „Südtirol“. Nicht nur die Sprache der Menschen sollte verdrängt werden, sondern bereits die Erinnerung daran, welchem Land sie sich historisch und kulturell zugehörig fühlten.

Tolomei wollte Südtirol sprachlich, kulturell und politisch brechen. Die Ortsnamen waren dabei keine Nebensache. Wer die Namen eines Landes verändert, verändert dessen sichtbare Geschichte. Wer Berge, Täler, Dörfer und Höfe neu benennt, entreißt der Bevölkerung die sprachliche Hoheit über ihre eigene Heimat.

Das Siegel der Eroberung

Tolomei machte aus seiner Absicht kein Geheimnis. In der Einleitung seines „Prontuario dei nomi locali dell’Alto Adige“ legte er dar, dass Italiens nationale Herrschaft durch die Namen der Berge, Flüsse, Städte und Dörfer bis zum letzten Haus sichtbar gemacht werden sollte.

Ortsnamen waren für ihn keine bloßen Übersetzungen. Sie waren das dauerhafte Siegel des italienischen Besitzanspruchs.

Die angestammte deutsche und ladinische Bevölkerung betrachtete Tolomei nicht als gleichberechtigte Gemeinschaften, deren Sprache und Geschichte zu achten waren. Für ihn waren sie ein Hindernis auf dem Weg zu einem vollständig italianisierten Land.

Das war der Geist seines Werkes: nicht Verständigung, nicht gewachsene Mehrsprachigkeit und auch kein neutrales wissenschaftliches Interesse, sondern Eroberungsdenken und der Wille zur Auslöschung einer bestehenden Identität.

Die Namen wurden zurechtgebogen

Tolomei beschrieb seine Methode selbst mit den Begriffen „wiederherstellen“, „ersetzen“ und „neu schaffen“. Wo er eine lateinische oder italienische Vorform zu erkennen glaubte, erklärte er diese zur ursprünglichen Bezeichnung. Wo dies nicht gelang, wurde übersetzt, sprachlich angepasst oder ein neuer Name geschaffen.

Wer wissenschaftlich sauber arbeitet, ist an Quellen, Überlieferung, Sprachentwicklung und den tatsächlichen Gebrauch durch die Bevölkerung gebunden. Für Tolomei stand jedoch nicht die historische Genauigkeit im Mittelpunkt, sondern die politische Verwendbarkeit.

Jeder Winkel Südtirols sollte eine italienische Bezeichnung erhalten – unabhängig davon, ob die dort lebenden Menschen diesen Namen jemals verwendet hatten.

So wurde Innichen nach dem Kirchenpatron zu „San Candido“, Gossensaß erhielt die geografische Neubildung „Colle Isarco“ und Niederdorf wurde wörtlich zu „Villabassa“.

Andere Namen wie „Vipiteno“ für Sterzing wurden aus älteren sprachgeschichtlichen Formen abgeleitet. Es wäre deshalb ungenau, jede italienische Bezeichnung unterschiedslos als reine Erfindung Tolomeis darzustellen.

Das ändert jedoch nichts am politischen Gesamtsystem. Tolomei sammelte nicht einfach vorhandene Namen. Er wählte aus, deutete um, übersetzte, verformte und schuf neue Bezeichnungen, damit Südtirol auf staatlichen Karten italienisch erschien. Sein „Prontuario“ war kein neutrales Ortsnamenverzeichnis. Es war ein Werkzeug politischer Unterwerfung.

Der Staat machte sein Werk amtlich

Die Italianisierung blieb nicht das Privatprojekt eines fanatischen Nationalisten. Bereits mit dem königlichen Dekret Nr. 800 vom 29. März 1923 wurden italienische Ortsbezeichnungen für die neu angegliederten Gebiete staatlich festgelegt. Weitere Verzeichnisse folgten. Im Jahr 1940 erhielt Tolomeis Namenssammlung durch ein Ministerialdekret ausdrücklich amtlichen Charakter.

Die neuen Bezeichnungen erschienen in Registern, auf Karten, in Behörden und auf Schildern. Dörfer, Berge und Täler erhielten Namen, welche die dort lebende Bevölkerung vielfach weder geschaffen noch freiwillig übernommen hatte.

Zu politischer Einschüchterung und staatlicher Repression trat damit die Gewalt des Stempels, des Registers und der Ortstafel. Gerade diese sichtbare Markierung wirkt bis heute fort.

Der Faschismus fiel – seine Namen blieben

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die faschistische Assimilationspolitik offiziell verworfen doch eine Rückkehr zu den historisch gewachsenen Ortsnamen fand nicht statt.

Das Pariser Abkommen von 1946 verankerte die zweisprachige Ortsnamengebung. Das Zweite Autonomiestatut übertrug dem Land Südtirol zwar die primäre Gesetzgebungsbefugnis für die Ortsnamen, hielt aber gleichzeitig an der Verpflichtung zur Zweisprachigkeit fest.

Die deutschen und ladinischen Namen kehrten nach dem Faschismus in den öffentlichen Gebrauch zurück. Die staatlich eingeführten italienischen Bezeichnungen blieben jedoch daneben bestehen.

Auf den ersten Blick wirkt dies wie Gleichberechtigung. Historisch stehen die Namen aber nicht auf derselben Ebene. Der deutsche oder ladinische Name ist über Jahrhunderte gewachsen und wurde von der ansässigen Bevölkerung verwendet. Die italienische Form wurde in vielen Fällen erst im Zuge eines faschistischen Assimilationsprogramms ausgewählt, geschaffen oder amtlich durchgesetzt.

Wer diese Entstehungsgeschichte verschweigt, macht aus Zwang nachträglich Tradition. Auch ein politisch erzwungener Name wird nicht unschuldig, nur weil er seit hundert Jahren auf einem Schild steht. Zeit allein macht aus Unrecht kein Kulturgut.

Die Ortsnamenfrage blieb ungelöst

Im Jahr 2012 versuchte das Land, die Ortsnamenfrage neu zu ordnen. Das Landesgesetz Nr. 15 vom 20. September 2012 sah die Errichtung eines Landesverzeichnisses der Ortsnamen und eines eigenen kartografischen Beirates vor. Die Regierung Monti focht mehrere Bestimmungen dieses Gesetzes vor dem Verfassungsgerichtshof an.

Zu einem Urteil kam es jedoch nie. Mit Landesgesetz Nr. 1 vom 23. April 2019 hob Südtirol die Regelung wieder auf. Darauf zog die italienische Regierung ihre Verfassungsklage zurück. Der Verfassungsgerichtshof erklärte das Verfahren im Juli 2019 für erloschen. Die politische und rechtliche Grundfrage blieb weiterhin ungelöst, denn bis heute fehlt eine historisch ehrliche Unterscheidung zwischen tatsächlich gewachsenen italienischen Bezeichnungen und jenen Namen, die von Tolomei geschaffen und amtlich durchgesetzt wurden.

Unterschied zwischen historisch gewachsenen und politisch konstruierten Ortsnamen

Es geht nicht darum, jeden italienischen Ortsnamen unterschiedslos zu beseitigen, denn von denen gibt es historisch gewachsene. Es geht aber um die Weigerung, ein faschistisches Assimilationsprojekt nachträglich als harmlose und historisch gewachsene Mehrsprachigkeit zu verklären.

Eine demokratische Gesellschaft muss zwischen gewachsenen italienischen Bezeichnungen und politisch konstruierten Namensschöpfungen unterscheiden können. Sie muss anerkennen, dass nicht jede staatlich verordnete Bezeichnung denselben historischen Anspruch auf Bestand besitzt.

Tolomeis Schatten lebt weiter

Tolomei wollte ein Südtirol ohne deutsche Schulen, ohne deutsche Ämter, ohne Tiroler Identität und ohne sichtbare deutsche Geschichte. Dieses Ziel hat er nicht erreicht. Die deutsche und ladinische Bevölkerung hat sich nicht auslöschen lassen. Ihre Sprachen, ihre Kultur und ihre historisch gewachsenen Ortsnamen leben weiter.

Doch auch Tolomeis Werk hinterließ tiefe Spuren. Seine Konstruktionen und politischen Festlegungen stehen noch immer auf Schildern und in amtlichen Registern. Italien distanziert sich vom Faschismus, hält aber an zahlreichen geografischen Markierungen fest, die gerade diesem Geist entstammen. Man verurteilt die Ideologie, schützt jedoch einen Teil ihrer sprachpolitischen Hinterlassenschaft.

Ettore Tolomei ist tot. Sein Geist sollte es ebenfalls sein. Denn solange künstliche und politisch erzwungene Ortsnamen in Südtirol amtlich weiterleben, ist die Entfaschisierung dieses Landes nicht abgeschlossen.

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