Kompatscher zeigt sein wahres Gesicht

Doch im Außenpolitischen Ausschuss des österreichischen Nationalrates kam es anders. Ausgerechnet jener Antrag, der ein klares Bekenntnis zum Schutz und Erhalt der Deutschen Schule forderte, fand keine Mehrheit. Eingebracht hatte ihn die FPÖ. Und ausgerechnet Landeshauptmann Arno Kompatscher lieferte wenig später den Beweis dafür, warum ein solcher Antrag dringend notwendig gewesen wäre.
Die FPÖ stellt die entscheidende Frage
Der freiheitliche Antrag war in seiner Stoßrichtung eindeutig. Österreich solle sich als Schutzmacht öffentlich und unmissverständlich zum Fortbestand und zur Unantastbarkeit der Deutschen Schule in Südtirol bekennen. Jede Form der Aushöhlung oder strukturellen Veränderung des muttersprachlichen Unterrichtssystems, insbesondere in Richtung einer sogenannten „gemischten Schule“, sollte klar abgelehnt werden.
Damit hat die FPÖ genau jene Frage gestellt, der viele in Südtirol seit Jahren ausweichen: Ist die Deutsche Schule noch eine unantastbare Säule der Autonomie – oder wird sie schrittweise zu einem beliebigen pädagogischen Experimentierfeld umgebaut?
Für Südtirol ist diese Frage nicht nebensächlich. Die Deutsche Schule ist kein nostalgisches Überbleibsel, keine lokale Marotte und kein Hindernis auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft. Sie ist die institutionelle Lehre aus einer Geschichte, in der die deutsche Sprache und Identität in Südtirol unter staatlichem Druck zurückgedrängt werden sollten. Der muttersprachliche Unterricht ist daher kein Luxus, sondern Schutzrecht.
Genau das hat die FPÖ verstanden. In dieser Frage zeigte sie sich als jene Kraft im österreichischen Parlament, die den Kern der Südtirol-Autonomie nicht mit wohlklingenden Schlagworten überdeckt, sondern beim Namen nennt. Es geht um Identität, um Sprache, um historische Verantwortung und um den konkreten Fortbestand eines Schutzsystems, das nicht zufällig entstanden ist.
Dann kam Kompatscher
Doch während die FPÖ den Schutz der Deutschen Schule einforderte, setzte Landeshauptmann Arno Kompatscher im Ausschuss einen bemerkenswerten Kontrapunkt. Auf die Frage der Grünen-Abgeordneten Meri Disoski erklärte er zwar, das Autonomiestatut garantiere das Recht auf muttersprachlichen Unterricht. Doch damit beließ er es nicht.
Kompatscher sprach zugleich von einem breiten Wunsch nach mehrsprachigem Unterricht. Mehr noch: Man treibe mehrsprachige Schulen für Mittel- und Oberstufe voran und sei „nicht so weit weg von dieser Realität“.
Dieser Satz ist politischer Sprengstoff. Denn er zeigt, wie der Landeshauptmann tatsächlich denkt. Nach außen wird Artikel 19 beschworen, nach innen wird die mehrsprachige Schule vorbereitet. Nach außen beruhigt man mit dem Hinweis auf die muttersprachliche Schule, nach innen verschiebt man die Grenzen des Systems Schritt für Schritt.
Kompatscher sagt nicht offen, dass die Deutsche Schule abgeschafft werden soll. Das wäre politisch zu riskant. Die Methode ist eine andere: Man lässt die alte Schutzformel stehen, füllt sie aber langsam mit einem neuen Inhalt. Man nennt es nicht Bruch, sondern Entwicklung. Nicht Aushöhlung, sondern Anpassung. Nicht gemischte Schule, sondern Mehrsprachigkeit. Genau darin liegt die Gefahr.
Ein Regierungschef zwischen Bekenntnis und Umdeutung
Besonders brisant ist der Widerspruch zum eigenen Regierungsprogramm. Dort wird die muttersprachliche deutsche Schule als zentrale Säule zum Schutz und zur Förderung der deutschen Minderheit bezeichnet. Die Errichtung bilingualer Klassen werde nicht angestrebt.
Und nun? Nun erklärt derselbe Landeshauptmann in Wien, man treibe mehrsprachige Schulen für Mittel- und Oberstufe voran und sei dieser Realität bereits nahe.
Das ist kein kleines sprachliches Missverständnis. Das ist der politische Kern des Problems. Kompatscher will offenbar beides zugleich: gegenüber der eigenen Bevölkerung die Schutzgarantie der muttersprachlichen Schule aufrechterhalten und gegenüber den Verfechtern mehrsprachiger Schulmodelle signalisieren, dass die Entwicklung ohnehin in ihre Richtung geht.
Damit zeigt Kompatscher sein wahres Gesicht. Nicht als offener Gegner der Deutschen Schule, sondern als jener, der ihre Substanz unter dem Mantel moderner Begriffe relativiert.
Oberhofer spricht von „Deutschtümelei“
Auch die Reaktion von Dominik Oberhofer spricht Bände. Der NEOS-Abgeordnete warf der FPÖ im Zusammenhang mit den Südtirol-Anträgen „Deutschtümelei“ und das Aufrechterhalten von Ressentiments vor.
Das ist entlarvend. Wer den Schutz der Deutschen Schule einfordert, wird nicht sachlich widerlegt, sondern moralisch abgewertet. Wer daran erinnert, dass die muttersprachliche Schule aus bitterer historischer Erfahrung entstanden ist, wird in die Ecke des Rückwärtsgewandten gestellt. Wer die deutsche und ladinische Volksgruppe schützen will, gilt plötzlich als Problem.
Für viele Südtiroler ist diese Wortwahl ein Schlag ins Gesicht. Denn die Verteidigung der Deutschen Schule hat nichts mit Ressentiments zu tun. Sie hat mit Minderheitenschutz zu tun. Mit Autonomie. Mit Artikel 19. Mit der Verantwortung Österreichs. Und mit der schlichten Tatsache, dass eine Minderheit ihre Sprache nur dann dauerhaft erhalten kann, wenn ihre zentralen Institutionen nicht ständig infrage gestellt werden.
Disoski liefert die grüne Begleitmusik
Auch Meri Disoski von den Grünen machte deutlich, in welche Richtung die Debatte gedrängt werden soll. Für sie liegt die Zukunft in der Förderung sprachlicher Vielfalt. Den FPÖ-Antrag zum deutschsprachigen Schulsystem bezeichnete sie als Darstellung eines „völlig falschen Bildes“.
Doch was ist an diesem Bild falsch? Dass es in Südtirol seit Jahren Druck in Richtung mehrsprachiger Schulmodelle gibt? Dass die Deutsche Schule immer wieder als zu starr, zu getrennt oder nicht mehr zeitgemäß dargestellt wird? Dass der muttersprachliche Unterricht zwar auf dem Papier beschworen, politisch aber zunehmend relativiert wird?
Das angeblich falsche Bild ist für viele Eltern, Lehrer und patriotisch gesinnte Südtiroler längst Alltag. Sie erleben, wie eine tragende Säule der Autonomie nicht frontal angegriffen, sondern langsam weichgezeichnet wird.
Autonomie ausstellen, aber ihre Säulen nicht verteidigen
Besonders absurd wird es, wenn man den gesamten Ausschuss betrachtet. Breite Zustimmung gab es für die Unterstützung eines Minderheiten- und Autonomiezentrums in Bozen. Südtirol soll als Modell präsentiert, erklärt und international ausgestellt werden. Man will über Autonomie sprechen, sie dokumentieren, sie als Erfolgsmodell vermarkten.
Aber wenn es konkret wird, wenn es um eine ihrer wichtigsten Säulen geht, um die Deutsche Schule, dann fehlt plötzlich die Mehrheit.
Das ist die bittere Wahrheit dieses Ausschusses: Für die Schaufenster-Autonomie gibt es Applaus. Für den konkreten Schutz der Deutschen Schule nicht.
Man redet gerne über Südtirol als Vorbild. Man lobt Diplomatie, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz. Doch wenn Österreich als Schutzmacht klar sagen soll, dass die Deutsche Schule unantastbar bleiben muss, ziehen sich die meisten Parteien zurück. Und der Südtiroler Landeshauptmann selbst liefert jenen Satz, der alle Warnungen bestätigt.
Die Deutsche Schule darf nicht weichgekocht werden
Südtirol braucht keine Beschwichtigungsrhetorik. Es braucht Klarheit. Die Deutsche Schule ist keine Übergangslösung, kein Museumsstück und keine veraltete Sonderregelung. Sie ist ein Schutzraum für Sprache, Kultur und Identität. Wer sie aushöhlt, greift nicht irgendeine Verwaltungsstruktur an, sondern eine tragende Säule der Autonomie.
Die FPÖ hat das in Wien klar ausgesprochen. Dafür wurde sie von NEOS und Grünen abgewertet und von der Mehrheit im Ausschuss stehen gelassen. Kompatscher aber hat mit seinen eigenen Worten gezeigt, weshalb der Antrag notwendig gewesen wäre.
Der Landeshauptmann mag weiter von Artikel 19 sprechen. Doch wer gleichzeitig mehrsprachige Schulen vorantreibt und erklärt, man sei dieser Realität schon nahe, sendet ein anderes Signal.
Und dieses Signal ist unmissverständlich: Die Deutsche Schule soll nicht offen fallen. Sie soll langsam umgebaut werden. Genau dagegen braucht es Widerstand. Nicht morgen, nicht irgendwann, sondern jetzt.






