von Alexander Wurzer 07.06.2026 17:11 Uhr

Warum Brixen Faschisten-Ikone Gennaro Sora die Ehrenbürgerschaft nicht entzieht

Der Brixner Gemeinderat hat in seiner jüngsten Sitzung die Chance verpasst, ein klares Zeichen gegen die Relikte der faschistischen Diktatur zu setzen. Der Beschlussantrag der Süd-Tiroler Freiheit, welcher die längst überfällige Aberkennung der Ehrenbürgerschaft für Gennaro Sora forderte und auch vom Team K unterstützt wurde, wurde mehrheitlich abgeschmettert.

Ehrenbürger trotz kolonialer Vergangenheit: Die Debatte um Gennaro Sora spaltet weiterhin die Politik in Brixen. (Foto: Giorces, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY 2.5)

Ein Vorgang, den der lokale Fratelli-d’Italia-Gemeinderat Antonio Bova auf Facebook auch noch als Sieg des gesunden Menschenverstandes feiert, während er in Wahrheit ein altbekanntes Muster bedient: Die dunklen Seiten der italienischen Geschichte werden relativiert, verharmlost oder bewusst ausgeblendet.

Ein Erbe des Faschismus und des Kolonialkriegs

Sora erhielt die Ehrenbürgerschaft im Jahr 1926 – mitten in der Hochphase der faschistischen Italianisierung Südtirols unter Benito Mussolini, als er als Kommandant des Alpinibataillons „Edolo“ in Brixen stationiert war.

Besonders fragwürdig ist dabei Bovas Versuch, die Ehrenbürgerschaft mit Soras späteren Leistungen rund um die Nordpol-Expedition des Luftschiffs „Italia“ von 1928 oder mit der „Preghiera dell’Alpino“ zu rechtfertigen. Als ihm Brixen bereits 1926 die Ehrenbürgerschaft verlieh, konnten diese Ereignisse überhaupt noch keine Rolle gespielt haben.

Mit dieser verharmlosenden Argumentation wird die historische Realität ausgeblendet. Sora war eben nicht nur ein Bergsteiger oder Polarforscher, sondern ein hoher Offizier des faschistischen Militärapparats. Später nahm er im Abessinienkrieg als Kommandant kolonialer Einheiten an den brutalen Operationen des italienischen Kolonialismus teil.

Historiker bringen Sora zudem mit den Repressionsmaßnahmen rund um das Massaker von Zeret im Jahr 1939 in Verbindung, das heute als eines der schwersten Kriegsverbrechen des italienischen Kolonialkriegs gilt. Italienische Truppen gingen dort mit äußerster Brutalität gegen die lokale Bevölkerung vor, wobei auch Giftgas und Flammenwerfer eingesetzt wurden.

Wer all diese Aspekte ausblendet und Sora ausschließlich als heldenhaften Alpini-Offizier darstellt, erzählt eben nur die halbe Geschichte.

Die SVP drückt sich vor einer klaren Haltung

Dass die Mehrheit des Gemeinderates diese Ehrenbürgerschaft weiterhin aufrechterhält, ist ein politisches Armutszeugnis. Besonders die SVP scheute sich einmal mehr davor, eine klare Abgrenzung gegenüber einer Ehrung aus der Faschismuszeit vorzunehmen.

Um den italienischen Koalitionspartnern nicht wehzutun, flüchtete sich die Mehrheit in eine durchschaubare Verzögerungstaktik. Statt dem Antrag auf Aberkennung zuzustimmen, votierte der Gemeinderat für die Einsetzung einer Kommission zur allgemeinen Überprüfung historischer Ehrungen.

Für die Bewertung eines Mannes, dessen Rolle im faschistischen Kolonialkrieg seit Jahren kritisch diskutiert wird, braucht es jedoch keine endlosen Arbeitskreise, sondern politischen Mut und demokratische Konsequenz.

Plötzlich wird historische „Komplexität“ entdeckt

Besonders bemerkenswert ist Bovas Argumentation selbst. Wenn es um italienische Symbolfiguren geht, wird plötzlich historische „Komplexität“ eingefordert. Dann heißt es, man dürfe Persönlichkeiten nicht auf das politische System ihrer Zeit reduzieren oder Geschichte nicht mit heutigen Maßstäben bewerten.

Geht es hingegen um die Aufarbeitung der Italianisierungspolitik oder um deutschtiroler Anliegen, hört man aus denselben politischen Kreisen oft deutlich weniger Verständnis für historische Zusammenhänge.

Diese Doppelmoral springt ins Auge. Denn die Kritik richtet sich nicht gegen historische Forschung oder gegen das Erinnern an Soras Biographie. Niemand fordert, ihn aus Geschichtsbüchern zu streichen. Die Frage lautet vielmehr, ob eine demokratische Gemeinde im Jahr 2026 weiterhin eine offizielle Ehrenbürgerschaft aus der Zeit des Faschismus aufrechterhalten soll. Das ist keine „Geschichtslöschung“, sondern eine legitime politische Debatte.

Billige Ablenkung von historischen Wunden

Besonders peinlich wird das Ablenkungsmanöver am Ende von Bovas Beitrag. Dort verweist er auf hohe Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot und soziale Probleme und behauptet sinngemäß, die Politik solle ihre Energie lieber auf die Gegenwart konzentrieren.

Dieses Argument ist ein billiger rhetorischer Trick. Denn nach derselben Logik hätte man auch nie über faschistische Denkmäler, Straßennamen oder andere Relikte der Vergangenheit diskutieren dürfen.

Gerade in Südtirol war Erinnerungspolitik immer politisch. Die Ablehnung des Beschlussantrags war daher kein Akt des Gleichgewichts oder des gesunden Menschenverstandes. Sie war vielmehr das bewusste Festhalten an einer Ehrung aus der Zeit des Faschismus, deren historischer Hintergrund bis heute viele offene Wunden hinterlassen hat.

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