Die Katze lässt das Mausen nicht: Galateo schreibt Südtirols Geschichte um

Das Problem dabei: Genau diese Darstellung ist historisch bis heute höchst umstritten.
Ein bis heute ungeklärter Fall
Der Tod Tiralongos am 3. September 1964 in Mühlwald wurde nämlich nie zweifelsfrei aufgeklärt. Zwar führt ihn der italienische Staat offiziell als Opfer des Terrorismus, doch seit Jahrzehnten existieren erhebliche Zweifel an dieser Version.
Dass Galateo jegliche historische Grautöne ausblendet, wiegt umso schwerer, wenn man einen Blick in die tatsächlichen Zeugenberichte wirft. Es sind nämlich keineswegs nur Südtiroler Patrioten oder kritische Historiker, die an der staatlichen Darstellung zweifeln, sondern ehemalige Beamte der Carabinieri selbst.
Im Jahr 2009 sorgte ein Interview des damals in Südtirol diensthabenden Carabiniere Bruno Budroni im Bayerischen Rundfunk für Aufsehen. Budroni brach das jahrzehntelange Schweigen und erklärte öffentlich, dass Vittorio Tiralongo in Wahrheit infolge eines internen Streits von einem eigenen Vorgesetzten erschossen worden sei.
Trotz dieser schwerwiegenden Aussage eines Insiders gab es nie eine lückenlose, unabhängige gerichtliche Aufarbeitung. Bis heute existiert kein rechtskräftiges Urteil, das die Schuld der damals beschuldigten Südtiroler Aktivisten, der „Pusterer Buam“, zweifelsfrei beweist.
Dass ein Landesrat diese ungelöste Akte nun im Vorbeigehen zur „unumstößlichen Wahrheit“ erklärt und Zweifel komplett verschweigt, ist nichts anderes als der bewusste Versuch, ein einseitiges Geschichtsbild für billigen Applaus auf Facebook zu zimmern.
Kein Wort über den historischen Hintergrund
Noch auffälliger ist jedoch, was Galateo in seinem Beitrag vollständig ausblendet. Kein Wort über die faschistische Unterdrückung der deutschen Südtiroler. Kein Wort über die gewaltsame Italianisierungspolitik. Kein Wort über Katakombenschulen, Option, Sprachverbote oder die massive Spannungslage jener Jahrzehnte. Stattdessen reduziert der Landesrat den gesamten Südtirol-Konflikt auf eine einfache Botschaft: hier der italienische Staat und seine „Legalität“, dort „separatistischer Terrorismus“.
Gerade ein Landesrat in Südtirol müsste eigentlich wissen, dass Geschichte komplexer ist als nationale Facebook-Parolen.
Politische Botschaft statt nüchternes Gedenken
Natürlich darf und soll man eines getöteten jungen Menschen gedenken. Daran besteht kein Zweifel. Doch Galateos Beitrag geht weit über ein stilles Erinnern hinaus. Es ist eine politische Botschaft – und eine bewusste historische Einordnung.
Wenn er schreibt, es könne „keine Versöhnung ohne Wahrheit“ geben, stellt sich zwangsläufig die Frage: Welche Wahrheit meint Galateo eigentlich? Die historisch widerlegte offizielle Version des italienischen Staates? Oder jene offene Debatte, die bis heute nie vollständig aufgearbeitet wurde?
Gerade in Südtirol wäre etwas mehr historische Sensibilität angebracht. Wer Erinnerungspolitik betreibt, sollte nicht nur jene Teile der Geschichte erwähnen, die ins eigene nationale Narrativ passen. Denn Versöhnung entsteht nicht durch einseitige Geschichtsbilder. Schon gar nicht in einem Land wie Südtirol.






