Reden Sie die Probleme schön, Frau Künig? – UT24-Interview

Frau Künig, ausgerechnet in Zeiten, in denen rund 800 Südtiroler jedes Jahr das Land verlassen, haben Sie es am gestrigen Mittwoch gewagt, Bozen als attraktivste Stadt für junge Menschen darzustellen. Sind Sie damit vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen?
Anna Künig: Zwei Sachen können gleichzeitig wahr sein: Jedes Jahr verlassen viele Südtirolerinnen und Südtiroler unser Land – das ist unumstrittener Fakt und hier müssen wir zukünftig Maßnahmen finden, um diesen Trend umzukehren.Â
Gleichzeitig wurde Bozen – nicht etwa von der JG, sondern von einer Studie der durchaus anerkannten Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore – zur italienweit attraktivsten Stadt für junge Leute gekürt. Das ist ein Erfolg, den man ruhig auch einmal feiern kann und der uns Südtirolerinnen und Südtiroler durchaus auch ein Stück weit stolz machen darf.
Das heißt nicht, dass wir in Südtirol ein perfektes Kleinod haben – Baugruben gibt es allemal. Wir sollten uns aber auch nicht immer jeden Erfolg zerreden und lieber zusammen daran arbeiten, auf diesem guten Fundament weiter aufzubauen, damit wir auch diese irgendwann schließen können.
Deshalb ganz klar: Nein, bloß weil man sich über diesen Spitzenplatz freut und diese Freude zum Ausdruck bringt, finde ich nicht, dass man über irgend ein Ziel hinausgeschossen hätte.
In zahlreichen Online-Kommentaren wurde Ihnen aufgrund Ihrer Aussendung vorgeworfen, die Probleme in Südtirol schön zu reden und exakt das Gegenteil davon zu behaupten, was tatsächlich der Fall ist. Was sagen Sie dazu?
Wie gesagt: Um zu behaupten, dass alles immer und überall perfekt läuft, müsste man mit Scheuklappen durchs Geschehen laufen. Auch in Südtirol gibt es Herausforderungen, mit denen wir zu rangeln haben. Es hilft aber auch nichts, Dinge, die gut funktionieren – und von denen haben wir in Südtirol zuhauf – schlechter zu machen als sie sind.
Wenn eine renommierte Publikation auf Grundlage einer nach allen Mitteln der Kunst durchgeführten Studie befindet, dass es um unser Land eigentlich ganz gut aussieht, dann ist es – mit Verlaub – kein „Schönreden“, diese Leistung auch öffentlich anzuerkennen.
Wie lebenswert ist Bozen wirklich, wenn sich junge Menschen in der Stadt kaum noch eine Wohnung, geschweige denn ein Haus leisten können?
Bozen ist durchaus eine lebenswerte Stadt, und das zeigt sich in verschiedenen Bereichen: Wir haben eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit, eine hohe Lebensqualität und starke Werte bei Beschäftigung und Wirtschaftskraft. In anderen Bereichen, wie beim Wohnen, gilt es aber definitiv noch an den Stellschrauben zu drehen.
Das ganze Thema durchzudiskutieren würde den Rahmen der Frage sprengen aber soviel kann ich sagen: es wird durchaus daran gearbeitet, Wohnen wieder erschwinglicher zu machen. Ich denke dabei an die Wohnreform, ich denke aber auch an die Anstrengungen, die die Landesregierung unternimmt, um den auswucherenden AirBnb-Markt einzudämmen und so vor allem Städte wie Bozen zu entlasten.
Wir müssen so ehrlich mit uns sein und sehen, dass wir die Auswirkungen von einigen dieser Maßnahmen nicht von jetzt auf gleich spüren werden – dafür wird es etwas an Zeit brauchen. Trotzdem sehe ich lieber, dass tatsächlich daran gearbeitet wird, solche Probleme zu lösen und konkrete Verbesserungen für Südtirolerinnen und Südtiroler herbeizuführen, anstatt dass man einfach „buh“ zu allem und jedem sagt, der sich ernsthaft mit solch komplexen Fragen beschäftigt, wie es einige Parteien im Land zu pflegen tun.
Die Politik der SVP hat laut Ihnen dazu geführt, dass Bozen für junge Menschen so attraktiv ist. Wäre die Abwanderung ohne die SVP also noch viel schlimmer, als sie im Moment der Fall ist?
Die Attraktivität Bozens und Südtirols ist gewiss nicht allein von politischen Maßnahmen abhängig. Dazu hat jeder und jede die hier lebt und gelebt hat einen wertvollen Beitrag geleistet. Wir alle zusammen, als Gemeinschaft, haben uns von einer einst eher ärmliche Bergregion zu einer der wohlhabendsten Regionen Europas hochgearbeitet – auch darauf, auf den Fleiß und die Einsatzbereitschaft von uns und unseren Vorfahren, dürfen wir stolz sein. Gleichzeitig wäre es falsch zu behaupten, dass die politischen Rahmenbedingungen, die während dieser Zeit geherrscht haben, nicht zur Erfolgsgeschichte beigetragen hätten – und an der Schaffung dieser politischen Rahmenbedingungen war die Südtiroler Volkspartei in den vergangen 80 Jahren maßgeblich beteiligt.
Wenn Sie also sagen, die Politik der SVP alleine hätte laut mir zur heutigen Attraktivität Bozens geführt, dann muss ich sagen „nein, das stimmt so nicht.“ Was die Politik der SVP allerdings unweigerlich gemacht hat, und das sage ich mit voller Überzeugung, ist einen Beitrag zum heutigen Wohlstand unseres Landes zu leisten.
Was die Frage zur Abwanderung angeht, besitze ich leider keine Kristallkugel, halte es aber auch nicht unbedingt für sinnvoll sich mit „Was wäre wenn“-Szenarien aufzuhalten, anstatt danach zu fragen, was wir tun können, wenn wir diese Herausforderung angehen wollen.
Vielen Dank für das Interview!
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